http://www.faz.net/-gqz-90nn9

Schwontkowski-Ausstellung : Wohin die Farbe ihn trug

Entdeckung in Goch: Norbert Schwontkowskis zauberhafte Malerei beweist, dass sich der wahre Könner nicht in der heroischen Geste, sondern in deren Unterlaufen offenbart.

          Ein Ölfeld. Verwitterte Rohre und Schläuche schlängeln sich durch den Matsch, aus dem alte, klapprige Bohrtürme ragen und sich vor einem giftigen Himmel mit Mühe gegen die Schwerkraft behaupten.

          Kolja Reichert

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Ein Ölbild. Lange, mit braun getränktem Borstenpinsel wie nachlässig durchs noch feuchte Ocker gezogene Striche, mit Zickzackmustern zur Bohrturmform skizziert; wuchernde Schlangenkräusel, wie halbabwesend während eines Telefonats hingewuschelt, und im Abgehen noch mit einem Pinselwurf aus dem Handgelenk eine zähe Explosion aus Blauschwarz auf die Leinwand gepfeffert.

          Das Ölbild von einem Ölfeld, das der Bremer Maler Norbert Schwontkowski 2006 gemalt hat, reizt die Spannung zwischen dem, was ein Bild zeigt, und dem Material, mit dem es das tut, maximal aus – so wie auch die anderen knapp vierzig seiner Bildereignisse, die gerade im kleinen, feinen Museum in Goch nahe der niederländischen Grenze zu bestaunen sind.

          Die Bilder sind selbst Landschaften

          Schwontkowski, 1949 in Bremen geboren und dort vor vier Jahren gestorben, blieb auch nach seiner späten Entdeckung Mitte der nuller Jahre ein Geheimtipp – dem breiten Publikum unbekannt, von den Museen übersehen, dafür geschätzt von Kritikern und vor allem jüngeren Künstlern, die teils bei ihm an der Hamburger Kunsthochschule studierten und seinen Freiheitsgewinn durchs Unterlaufen der heroischen Malergeste für ihre eigene Arbeit entdeckten. Und von privaten Sammlern wie jenem, der seine Bilder für diese Ausstellung lieh.

          Schwontkowski malte hinreißende Landschaften, mal an chinesische Tuschmalerei erinnernde Bergkämme, mal phantastische Traumbilder wie das, auf dem sich zwischen mit breitem Borstenpinsel lasierten Felsen Pfahlbauten nach hinten ins fleckige Gelb staffeln. Das erinnert in Stimmung wie Komposition an Paul Klee, und von Ferne an Gustav Klimt; als habe sich vor dessen opulente Lichteffekte ein milchiger Filter geschoben.

          Aber Schwontkowskis Bilder sind auch selbst Landschaften. Die Bildgründe sind bisweilen zentimeterdick geschichtet, so dass sie glänzen wie glasierte Keramikplatten. Sie beulen sich aus und dellen sich ein, und immer muss man befürchten, dass die prekären Schwergewichte brechen (was sie an manchen Stellen auch schon tun). Darauf sind dann spinnenleicht die Figuren gesetzt, wie jene Frau, die, schon fast nach links dem Bild entkommen, an ihren Hosenträgern zurück ins Haus gezogen wird („Das große Heimweh“, 1998). Oder die winzigen getupften Köpfe, die in fünf, in kindlich anmutender Pedanterie hintereinandergereihten Waggons eine Achterbahn hinunterrasen, die auf zart lasierten Stelzen schepp im Nichts steht.

          Licht als Karikatur

          Dabei wären die Bilder für Liebhaber abstrakter Malerei schon ohne solche Szenen Fundgruben: Schwontkowski schichtete und kratzte mit dem Rakel, wie es auch Gerhard Richter tut. Doch so, wie er Richters berühmte fünf archetypische Türen in drei an der Wand lehnende Türen unterschiedlichen Zuschnitts (aber mit dem wichtigsten Detail einer Tür, nämlich dem Guckloch) übersetzt und so auf den Teppich des Alltäglichen holt, so unterläuft er auch das Pathos der heroischen Malerspur mit dem Anschein von Absichtslosigkeit und begräbt zugleich dessen letzte Reste unter Schichten, als wollte sich der Künstler selbst eine Decke aus Farbe über den Kopf ziehen.

          In seinem „Selbstbildnis von hinten“ aus dem Jahr 1998 hat er das buchstäblich getan: Nicht genug, dass er sein Gesicht nicht zeigt. Sein stoppeliger Hinterkopf verschwimmt fast mit dem Harlekinmuster aus Ocker und Umbra im Hintergrund. Erdtöne sind seine Farben, und ihr Gegenpol ist jenes wirklich eigenartige Schwontkowskische Licht: Es kommt nicht aus den Scheinwerfern eines am nächtlichen Strand geparkten Wagens, die verkräuselte Rauchzeichen ins Schwarz senden. Es ist nicht das Licht eines Flugzeugs im „Landeanflug“, das eher so aussieht, wie ein Kind aus Feuerwehrschläuchen sprühendes Wasser malen würde. Nein, wenn auf Darstellungsebene Licht vorkommt, dann als Karikatur. Das echte Licht strömt aus den verwischten Konturen wie denen des Schalensessels, der einen vor Staunen fast in die Luft gezogenen Jüngling trägt. Es ruht wie Fell auf den Autodächern vor der weiß gleißenden Leinwand eines Open-Air-Kinos. Es schimmert aus den kleinen Kräuselungen und den wie Pocken die Bilder durchsetzenden Flecken. Es dringt überall wie durch kleine Schlitze aus den mit halbtrockenem Pinsel eingefurchten eierschalenfarbenen Schlieren. Und ganz lässt sich nicht erklären, warum einzelne Bilder tatsächlich von innen heraus stahlen wie Wetterleuchten.

          Der Graben zwischen Figuration und Abstraktion

          Diese komplexe Bauweise beugt auch der Gefahr vor, dass einem die Nettigkeit der Motive auf die Nerven geht – zumal diese ja selbst wirken wie mal eben vorbeischauende Gäste der Bilder. Ein spezifisch norddeutscher lakonischer Witz prägt Schwontkowskis Variation auf die Romantik, die sich am deutlichsten im berauscht hintüberkippenden Mönch am Meer zeigt, aber auch in jener in eine Wüste eingesunkenen Gitarre zwischen zart verzwirbelten Palmen, in deren Schallloch, über dem „BAR“ steht, die Gäste treten. „Forgotten Bar“ heißt dieses Bild, so wie die Kreuzberger Künstlerbar, in der es einmal ausgestellt war. So flechten sich die Bilder einerseits in die Tradition und andererseits ins Persönlich-Alltägliche: Eines der versponnensten Bilder zeigt einen orangen Berg vor einem rosafarbenen Himmel. Es heißt „Tal R“, wie Schwontkowskis Künstlerfreund.

          So lässt Schwontkowski Moos über den Graben zwischen Figuration und Abstraktion wachsen, ohne dessen kunstgeschichtliche Folgen zu verleugnen. Und den Fenstercharakter des Tafelbilds kommentiert er als gelernter Schaufensterdekorateur mit leinwandfüllenden Schaufenstern. So kommt auch Schrift ins Bild – wie mit dem klug in eine eigene Nische gehängten, an Broodthaers erinnernden Wortspiel „FINE des ARTS“. Ein Ende der Kunst ist nicht in Sicht – solange sie sich vom Leben den Pinsel führen lässt.

          Weitere Themen

          Ein Tag am Meer

          Künstler Max Slevogt : Ein Tag am Meer

          Das Landesmuseum Mainz feiert Max Slevogts 150. Geburtstag. Im Zentrum der Schau stehen Urlaubsgemälde, die daran erinnern, dass es auch einen deutschen Impressionismus gibt.

          Superheldenerfinder Stan Lee ist tot Video-Seite öffnen

          Marvel-Autor : Superheldenerfinder Stan Lee ist tot

          Der Erschaffer von Spider-Man, Doctor Strange, Hulk und anderen Marvel-Helden wurde 95 Jahre alt. Stan Lee war dafür bekannt, seinen Superhelden eine in den 60er Jahren neuartige Komplexität und Menschlichkeit zu verleihen.

          Topmeldungen

          Nahender Brexit : Chaos und Verlust in London

          Die Gefahr, dass es doch noch zum „harten Brexit“ kommt, ist größer als je zuvor. Am Ziel einer engen britisch-europäischen Partnerschaft darf das alles nichts ändern. Ein Kommentar.

          Livestream : CDU-Regionalkonferenz in Lübeck

          Wer tritt die Nachfolge Merkels an der Parteispitze der CDU an? Auf der Regionalkonferenz in Lübeck stellen sich die drei Kandidaten Kramp-Karrenbauer, Spahn und Merz den Mitgliedern vor. Verfolgen Sie die Konferenz hier im Livestream.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.