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Schloss Wölkau : Eine andere Geschichte der Nachwendezeit

Schloss Wölkau kam fast intakt durch die DDR-Zeit, doch heute droht das barocke Schmuckstück zu verfallen. Investoren halten ihre Versprechen nicht, Hilfswilligen sind die Hände gebunden.

          Zwanzig Kilometer nordöstlich von Leipzig liegt der kleine Ort Wölkau. Der morgige Sonntag ist der letzte Tag in diesem Jahr, an dem nachmittags die dortige Patronatskirche besichtigt werden kann. Ihr Dach ist eingestürzt, doch die Außenwände stehen noch, und den Turm kann man besteigen. Von hier aus sieht man in zweihundert Meter Entfernung die großartige Anlage von Schloss Wölkau. Es ist der einzige Überblick, den man von diesem Komplex gewinnen kann, denn er wuchert zu. Schwere Schäden sind vom Turm aus zu sehen. Der Herbst wird sie vergrößern.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Als das Schloss noch im Bau war, stand es schon einmal vor dem Aus. Herzog Christian von Sachsen-Merseburg, dessen Kleinstfürstentum gleich nebenan lag, beschwerte sich 1673 beim sächsischen Kurfürsten Johann Georg II., dass dessen Rittmeister da ein „Fortificationswerk“ errichte, das die Sicherheit des herzoglichen Terrains bedrohe. Aus Dresden wurde sofort ein Baustopp verfügt. Der Rittmeister aber, Christoph Vitzthum von Eckstädt mit Namen, erklärte seinem Landesherrn, dass er nur ein Jagdschloss baue, die angeblichen Befestigungen seien der Damm für einen künstlichen Teich und eine kleine Schanze, denn irgendwo müsse man die Erde von all den Ausschachtungen ja lassen. Das sah der Kurfürst ein. 1674 durfte Christoph Vitzthum weiterbauen, fortan ungestört.

          Rettungen in letzter Sekunde

          Seiner Lust (und der seines Sohnes Friedrich) an der Jagd und der familiären Prachtentfaltung in Wölkau verdankt Sachsen einen seiner bedeutendsten Barockbauten, von Besitzern und Besuchern auch als „Schönwölkau“ gepriesen. Mehr als fünfzig Jahre benötigten Vater und Sohn Vitzthum, um aus einem heruntergekommenen Rittergut, das Christoph 1659 erworben hatte, einen Sommersitz der Extraklasse zu machen: eine gigantische Vierflügelanlage mit einem prächtigen Mitteltrakt auf der zum Park hin gelegenen Südseite, dessen Fassadenschmuck man am besten als klassizistischen Barock beschreiben kann.

          Vergleichbare Bauten gibt es in Sachsen nirgends, aber in Warschau, der Hauptstadt Polens, das der sächsische Kurfürst August der Starke von 1697 an als König regierte. Der heute unbekannte, angeblich italienische Architekt des Mitteltrakts von Schloss Wölkau wird wohl dort engagiert worden sein, zumal Friedrich Vitzthum als Oberkammerherr des Königs mehrere Monate im Jahr in Warschau lebte. Da er 1711 zum Reichsgrafen erhoben worden war, durfte er sich auch eine dem Hochadel vorbehaltene Freitreppe in Wölkau gönnen. Wann das Schloss vollendet wurde, ist unbekannt; vieles spricht für die Zeit um 1720. Wann es zugrunde gehen wird, ist dagegen klar: in den allernächsten Jahren.

          Es muss hier einmal eine andere Wende-Geschichte erzählt werden als die, an die wir uns gewöhnt haben. Als die DDR 1989 zusammenbrach, bedeutete das nicht nur Freiheit für die Bürger, sondern auch Rettung in letzter Sekunde für zahllose Baudenkmale, die zum Abriss vorgesehen waren, aber vor sich hin verfielen, weil dem Staat das nötige Geld fehlte, um die Sache aktiv zu betreiben. Um nur von Sachsen zu reden: Die heute grandios renovierten Gründerzeitviertel in Leipzig, Dresden oder Chemnitz, die unvergleichliche mittelalterliche Altstadt von Görlitz, das Pücklersche Schloss in Bad Muskau und etliche andere Herrensitze überall im Land - sie alle wären wohl verfallen. Schloss Wölkau ist auf dem Weg dorthin.

          Eine Nummer zu groß

          Dabei war die Anlage 1989 noch einigermaßen in Schuss. Sie war Mittelpunkt des Volkseigenen Guts Wölkau, auf dem zu DDR-Zeiten Saatgut produziert wurde. Damit wurde die Tradition des früheren Rittergutes fortgesetzt, das schon unter den 1945 enteigneten Vitzthums die für den Unterhalt des Jagdschlosses nötigen Mittel erwirtschaftet hatte. Jetzt wurden die früheren Bedienstetenwohnungen in West- und Ostflügel an die Arbeiter des VEG vergeben, und aus dem repräsentativen Mitteltrakt mit seinem die ganze Grundfläche füllenden Entree und einem reichgeschmückten Festsaal in der Beletage wurde ein Kulturhaus, in dem für die Belegschaft aufgespielt wurde, unter anderem sogar vom Gewandhausorchester aus dem nahen Leipzig.

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