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Schloss Wölkau : Eine andere Geschichte der Nachwendezeit

Dort lebte in der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts auch der Erfolgsschriftsteller Christian Fürchtegott Gellert, der in den Sommermonaten oft Gast der Vitzthums auf Wölkau war. An der Südwestecke des Schlosses hatte er ein festes Zimmer, das nach seinem Tod 1768 unverändert erhalten wurde. Wie überhaupt die Einrichtung des Schlosses bis 1945 intakt blieb, und selbst die Rote Armee plünderte es nicht vollständig, weil dort russische Offiziere Quartier nahmen. Im Festsaal hingen zur Wendezeit immerhin noch neun von sechzehn Gemälden der ursprünglichen hochbarocken Ausstattung.

Wie es heute um die Bilder und die Ausstattung steht, ob sie oder die Möbel des Gellert-Zimmers überhaupt noch da sind, weiß man nicht. Nach der Abwicklung des VEG suchte die Gemeinde einen Käufer für das Schloss. „Schönwölkau“ heißt das zu DDR-Zeiten aus mehreren Dörfern gebildete kommunale Gebilde, das nur wenig mehr als zweitausend Einwohner hat - viel zu wenige zur Unterhaltung eines Schlosses, das Gellert 1763 in einem Brief als so groß beschrieb, „daß ichs selbst nicht ganz kenne und in Gefahr stehe, das Zimmer unter fünfzig, oder sechzigen nicht finden zu können“. Zumal man auch noch die Patronatskirche am Hals hatte, die nach dem Dacheinsturz von 1969 gesichert sein wollte.

Ein barockes Kleinod

Zum annus mirabilis von Wölkau hätte das Jahr 1997 werden sollen. Da spielte Justus Frantz mit seiner Philharmonie der Nationen hier. Das Schloss war ausersehen als Sitz dieses international zusammengesetzten Orchesters. Kaufverhandlungen liefen an, ein „Förderverein Schloss und Kirche Schönwölkau“ wurde gegründet, um die Umwandlung in ein modernes Kulturzentrum mit Konzertsaal, Proberäumen und Hotel lokal zu unterstützen. Am 1. April 1998 kauften vier Investoren, darunter Frantz, Schloss Wölkau samt den zugehörigen fünfzehn Hektar Park und weiteren 245 Hektar Ackerfläche für 500 000 Mark - verbunden mit der Zusage, an die hundert Millionen in Sanierung und Umbau zu investieren. Seither sind mehr als sechzehn Jahre vergangen, und passiert ist nicht mehr, als dass ein Bauzaun um den Schlosskomplex gezogen wurde, der den Zugang verhindert. Wandert man um die eindrucksvolle Anlage herum, sieht man, soweit die in den letzten Jahren hochgewucherte Vegetation das zulässt, eingeschlagene Fenster und eingestürzte Dächer. Nur das noch von der Gemeinde aufgesetzte neue Dach über dem Mitteltrakt wirkt unversehrt, aber der Balkon über dem Eingang von der Parkseite ist abgestürzt, und die Fassade bröckelt ab. Ein barockes Kleinod geht seinem Untergang entgegen.

Die Wölkauer sind zornig, ihre Hoffnungen wurden getäuscht, die Verträge gebrochen. Wie zum Hohn lautet der Name des jetzigen Schlossherrn „Kulturzentrum Schloss Schönwölkau Besitz GbR“. „Besitz“ ist viel besser gewählt als „Eigentum“, denn Eigentum würde ja verpflichten. Strafgelder wegen unterlassener Investitionen und Sicherungsmaßnahmen wurden verhängt, doch es tut sich nichts. Der Förderverein benannte sich aus Verzweiflung 2003 zu „Patronatskirche Kunst & Kultur“ um, 35 Mitglieder hat er noch. Im offenen Kirchenschiff veranstaltet er in den Sommermonaten Konzerte und Lesungen. Nächstes Jahr werden es anlässlich Gellerts dreihundertstem Geburtstag mehr als üblich sein.

Die Kirchenruine lebt, weil sich die Menschen darum kümmern. Schloss Wölkau stirbt, weil sie es nicht dürfen. Zumindest wohl nicht, bis es selbst auch Ruine sein wird.

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