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Schlingensief und die Biennale Im Provokationsdorf

 ·  Warum bekommt Christoph Schlingensief den deutschen Pavillon in Venedig? Die Wahl ist umstritten: Gerhard Richter hat sie lautstark kritisiert, Schlingensief sendet nur verrätselte Zeichen und Kuratorin Gaensheimer deutet an, worum es wirklich geht: Relevanz durch Provokation.

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Christoph Schlingensief wird im kommenden Jahr den deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig bespielen und wollte sich jetzt erstmals ausführlich zu seinen Plänen äußern. Doch seine Krankheit verhinderte den Auftritt. Während andere heftige Diskussionen führen - der Präsident der Bundesarchitektenkammer forderte den Abriss des deutschen Pavillons in Venedig, und Gerhard Richter kritisierte lautstark die Wahl Schlingensiefs -, schickt der Künstler selbst Filme seiner Bühnenauftritte nach Frankfurt. Das ist zumindest ein Statement: Die kurze Szene zeigt ihn, wie er eine rundliche schwarze Frau anbrüllt und ihr Papier entreißt. Das sei wertvoll, warum sie das denn nicht wisse. Darauf werde unsere Zeitung gedruckt, unsere Informationen, das sei die F.A.Z., und darin sei Gerhard Richters Gemälde „Neger“ aus dem Jahr 1964 abgedruckt, bei einer Auktion geschätzt auf 3,5 bis 4,5 Millionen Pfund.

Dieser Monolog kam genauso in Schlingensiefs Gastspielen (auf Kampnagel in Hamburg und bei den Wiener Festwochen) mit seiner „Via Intolleranza II“ vor, der Bilanz des Operndorf-Projekts „Remdoogo“ in Burkina Faso, die am Wochenende nun auch noch hinter der Staatsoper auf dem Marstallplatz in München vorgestellt wurde (Hilfe! Afrika ist nicht zu helfen). So ganz ohne Schlingensief musste nun Susanne Gaensheimer, die Kuratorin des Pavillons, in ihrem heimischem Museum für Moderne Kunst in Frankfurt, den Auftritt bestreiten. Doch auch sie konnte nur über Schlingensiefs Pläne rätseln und holte weit aus, um ihre eigene Wahl zu erklären: Zu ihrer Aufgabe als Kuratorin zähle die Beantwortung der Frage, was heute nationale Repräsentation in Zeiten der Globalisierung bedeute; Schlingensief beschäftige sich mit Deutschland; sie habe bewusst einen Künstler aus ihrer Generation gewählt und nicht einen jüngeren Vertreter: „Sechzig Jahre Nachkriegsgeschichte bedeutet, was wir heute sind.“

Von Rap bis Wagner

Überwältigt sei sie in München von Schlingensiefs „Via Intolleranza II“ gewesen. Es sei eine Collage aus einer Vielzahl von Medien mit „zwingender gesellschaftlicher Relevanz“, eine Analyse und Selbstanalyse unseres Verhältnisses zu Afrika „mit mitreißender Kraft und Energie“. Seine Fähigkeit, mit Musik zu arbeiten, sei beeindruckend: „von Rap bis Wagner“. Schlingensief zeichne eine „bestürzende Direktheit“ aus, vollständige Überwältigung sei die Folge. Wäre demnach Überwältigung das Relevante von heute? Inhalte blieb Susanne Gaensheimer schuldig.

Doch es wurde deutlich, wohin die Reise geht: „Provokation ist die einzige Form, Diskussionen in der Kunst auszulösen.“ Welche Form der Provokation aber ist relevant? Schaut man sich etwas irritiert angesichts von so viel Provokationsverve im Frankfurter Museum für Moderne Kunst um, staunt man. Denn die sperrige Konzeptkunst herrscht dort ganz aktuell - und sie tut das überzeugend.

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Jahrgang 1978, Redakteurin im Feuilleton.

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