14.03.2006 · „Was haben Sie mit mir vor?“, fragte Warhol: Seit 25 Jahren fotografiert Freddy Langer Prominente und Künstler mit einer Schlafbrille vor den Augen. Eine Ausstellung zeigt die Fotos erstmals komplett.
„Ein Irrer wickelt Lappen um ein Haus“ - so konzis konnte der Dichter Peter Hacks beschreiben, was der Künstler Christo tut. Wenn aber ein Vernünftiger Menschen, die wir alle kennen, Schlafbrillen statt Lappen über die Augen zieht und sie dann mit der Polaroidkamera fotografiert, kann man nicht in einer Zeile sagen, was daran besticht.
Es ist - in ein paar Zeilen sei es wenigstens umschrieben - die absichtliche Verhängung des Schaufensters der Seele, damit die Prominenz von Wim Wenders über Debbie Harry bis zu Andy Warhol daran gehindert ist, auch nur zu versuchen, was sie von Berufs wegen mit ihren Blicken grundsätzlich tut: für sich zu werben und uns zu suggerieren, wir wären tatsächlich mit diesen Leuten bekannt.
Freddy Langer, Redakteur im Reiseblatt dieser Zeitung und Kenner und Liebhaber der journalistischen wie der künstlerischen Fotografie, macht solche Aufnahmen seit 1981. An diesem Donnerstag beginnt im NRW-Forum Kultur und Wirtschaft in Düsseldorf eine Ausstellung, bei der diese Bilder, die sich der ernsten Inszeniertheit gewollter Kunstfoto-Tableaus ebenso verweigern wie der Hochglanzglätte des Promi- und Trubel-Fotojournalismus, der Öffentlichkeit zum erstenmal als Gesamtcorpus vorgestellt werden.
Ein Blick auf den schüchternen Menschen
Daß sich technisch erzeugte Bilder nicht zu fein und tafelbildhaft dazu sein dürfen, Momente von etwas Erzählbarem zu sein, hat der Fotograf bei jedem Schlafbrillenporträt beherzigt - und kann deshalb Geschichten erzählen wie die über das Foto von Andy Warhol: „,Was haben Sie vor mit mir?' fragte fast ängstlich der Popkünstler Andy Warhol und hielt die Schlafbrille wie in Abwehrhaltung weit vor das Gesicht - keineswegs nur, um den korrekten Sitz seiner Perücke zu gefährden.“
Hier war möglich, was bei so vielen Gesichtsbildern dieses Vielfotografierten verfehlt worden ist: Hinter dem Monumentalen und Kunsthofstaatshaften, das Warhol um sich zu verbreiten wußte, einen Blick zu erhaschen auf den schüchternen, versponnenen Menschen, der sich auf seiner Schüchternheit und Versponnenheit eben nicht wie so viele marktgängig Sensible einfach ausgeruht hat, sondern sie mit seiner Kunst offensiv und produktiv zu bekämpfen wußte, weshalb der Schriftsteller Rainald Goetz über ihn den sehr schönen Satz schreiben konnte: „Ich wollte so gern, daß seine Haare echt wären.“