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Schirn und Volksbühne : Freies Radikal des Kunstbetriebs: Jonathan Meese

  • -Aktualisiert am

Der Aufstieg des Jonathan Meese läßt sich eigentlich nur noch mit dem Wort "kometenhaft" beschreiben. Man steht staunend unten und wartete darauf, wann er verglüht und als Asche herunterregnet.

          Auf Jonathan Meese kommt einiges zu in den nächsten Wochen. Am Freitag eröffnet eine Einzelausstellung in der Schirn Kunsthalle Frankfurt am Main, und Ende des Monats ist in der Berliner Volksbühne Premiere des Stückes "Kokain". Meese ist für das Bühnenbild verantwortlich. Er sollte eigentlich entweder in Frankfurt oder in Berlin sein. Aber bis eben war er in Ahrensburg bei Hamburg. Bei seiner Mutter. Zum Ausruhen.

          Er solle sich ein bißchen schonen und nicht wieder die Leute anschreien, hat sie ihm zum Abschied mit auf den Weg zurück nach Berlin gegeben. Meese hat ohnehin keine Lust mehr, ständig herumzuschreien. Er sitzt in seiner chaotischen Erdgeschoßwohnung, an deren verhängten Fenstern hysterische Berlin-Mitte-Touristen vorbeikrakeelen, die nicht ahnen können, daß dahinter die schlimmsten Ausgeburten des Wahnsinns aus Farbeimern und Zeitungsschnipseln kriechen. Inmitten dieses Infernos sitzt Jonathan Meese, 33 Jahre alt, und erzählt, in Zimmerlautstärke, von seiner Müdigkeit.

          Beim Barte des Kometen

          Das gibt es bei ihm also auch. Für den Rest der Welt ist das zunächst einmal eine sehr beruhigende Mitteilung. Denn der Aufstieg des Jonathan Meese ließ sich eigentlich nur noch mit dem Wort "kometenhaft" beschreiben. Das heißt: man stand staunend unten und wartete darauf, wann er verglüht und als Asche herunterregnet. So schnell soviel Erfolg in so jungen Jahren hatte lange kein deutscher Künstler mehr. Allerdings hat auch keiner derart viel Materialaufwand betrieben. Der Durchbruch kam 1998 bei der Berlin-Biennale, als Meese eine unüberschaubare Müllhalde pubertärer Obsessionen in das Postfuhramt gekippt hatte - ein Horrorkabinett zwischen Porno, Charles Bronson und Slayer. Und wer durch diesen Pop- und Kulturschlamm hindurchgewatet war, war für alles andere kaum noch aufnahmefähig.

          Der Horror vacui seiner befremdlichen Welten verschlang alles - auch die Aufmerksamkeit des Publikums und der Medien. Später machte Meese Performances, malte "Stalin Erwache" oder "Erzrichard Wagner" auf seine Installationen, schrie mehrere Stunden lang unter anderem Dinge wie "Heil Hitler" und blieb zum Schluß erschöpft in den eigenen Trümmern liegen. Es war die Zeit, als die kühle Videokunst ihren Zenit auf dem Kunstmarkt erreicht hatte. Als es kurz darauf hieß, es dürfe wieder gemalt werden, und als es oft so aussah, als sei unabhängig von den Ergebnissen allein die Tatsache, daß jemand "wieder" einen Pinsel in die Hand nimmt, schon die Essenz seiner Kunst - da hatte Meese schon mehr Leinwände fertig, als andere in ihrem ganzen Leben bemalen können.

          Jetzt donnerten Ezra Pound, Wagner, Nietzsche, Pol Pot und wer sonst noch zu diesem Universum der Extremgestalten gehört als Tafelbild-Lawine in die Ausstellungen. Aber mit dem Malen ist jetzt erst einmal wieder Schluß, sagt Meese, das sei eine Sackgasse gewesen. Nach dem Schreiben, Installieren, Performen und Malen gab es zuletzt noch das Bildhauern, und eine Schallplatte liegt selbstverständlich auch vor. Das einzige, was noch fehlt, ist Video, aber da muß man sich keine Sorgen machen, das kommt schon noch. Das Medium als solches ist bei Meese ohnehin nicht die Botschaft.

          Tätigkeitsdelirien an sich

          Was ist sie dann? Um das zu ergründen, muß man etwas guten Willen mitbringen. Denn Meeses pathetisch umhermäandernde Wortgirlanden können, wenn man es sich sehr einfach macht, schnell den Eindruck erwecken, daß er ein bißchen spinnt, um sich wichtig zu machen. In Wahrheit sind sie aber eher ein erfreulich ehrliches Eingeständnis, daß er den unaussprechlichen Wahrheiten mit unzureichenden Worten suchend hinterherjapst. Die Gedanken rasen in Gefilde, wohin die Sprache nicht folgen kann. Dieser Zustand macht ihn im Prinzip dem Thema des Theaterstücks vergleichbar, für das er die Bühne zu bauen hat. Aber Meese braucht für den Kokain-Rausch kein weißes Pulver. Das wäre schon wieder viel zu irdisch und konkret. Es geht um die Anmaßung, die Überforderung und die Tätigkeitsdelirien an sich.

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