06.03.2010 · Ein traumatisierter Draufgänger: Der Maler, Schriftsteller und Musiker Uwe Lausen wird in der Schirn wiederentdeckt - der dritte Abstecher der Kunststadt Frankfurt in tragische Künstlerkarrieren aus den sechziger und siebziger Jahren.
Von Swantje KarichDas Museum für Moderne Kunst, das Städel und nun auch die Schirn - die Frankfurter Museen haben Gefallen gefunden an der Rolle des Wiederentdeckers vernachlässigter und tragischer Künstlerkarrieren aus den sechziger und siebziger Jahren. Es begann im Herbst mit dem phantastischen Amerikaner Jack Goldstein im MMK. Dann folgte der Frankfurter Wiederholungsmeister Peter Roehr in der Gemeinschaftsausstellung von MMK und Städel, und nun bekommt der Realist Uwe Lausen seine späte Würdigung in der Schirn.
Lausens letzte große Einzelausstellung zeigte 1984 das Lenbachhaus in München. Bei allen Künstlern riecht es kräftig nach Guy Debord und seiner Idee des Spektakels, egal ob sie in New York, Frankfurt oder München arbeiteten. Ihre drei Geburtsjahre liegen dicht beieinander: 1945, 1944 und 1941. Ein Drama in drei Akten: Alle drei sind Männer. Alle drei sind früh verstorben - Goldstein und Lausen nahmen sich das Leben.
Sperriger Charakter, unbändiger Wille
Was steckt hinter dieser Neugier nach traumatisierten Draufgängern? Ist es Zufall, Voyeurismus, Lust am Revisionismus oder schlicht, dass jung Verstorbene leichter zu Stars gemacht werden können, weil man darüber spekulieren kann, was sie noch alles erreicht hätten? Zum Teil liegt der Reiz wohl darin, dass sich damals eine Avantgarde formierte, die sich früh mit der Mediengesellschaft auseinandersetzte. In der Art und Weise, wie sie diese verarbeiteten, gibt es jedoch Unterschiede.
Die Retrospektive für Uwe Lausen „Ende schön, alles schön“ umfasst fünfzig Gemälde, ebenso viele Arbeiten auf Papier, Comicfolgen, Aufnahmen mit dem Musiker Hans Poppel, Texte des Künstlers und Fotografien seiner Ehefrau, der Künstlerin Heide Stolz. Der Parcours ist eine private Erkundung eines sperrigen Charakters, seines unbändigen Willens und auch seiner Zweifel. Die Schau will erfahrbar machen, wer Uwe Lausen wirklich war. Sie giert nach Authentizität; Leben und Werk gehören zusammen, ist die Aussage.
Maler? Schriftsteller? Oder doch lieber Musiker?
Mit einem Zitat des Künstlers im Treppenhaus wird man hineingeschossen in die Biographie des kraftvollen Malers, der eigentlich Schriftsteller werden wollte, aber durch die Münchener Gruppe Spur seine Berufung entdeckte. „Mein name: uwe lausen. Geburtsjahr 1941. sternzeichen: steinbock. Körpergröße: 179 bis 180 cm. Gewicht: 66,5 bis 68,5 kg. Pulsschläge pro minute in der ruhe: 60 bis 70. atemzüge pro minute in der ruhe: 10 bis 12. rasse: 75 % germanisch. 25 % slawisch“, schrieb er am 15. Dezember 1968. Mit diesen Daten beginnt die Tragödie.
Die Ausstellung ist bewusst nicht chronologisch gesetzt, sie führt von 1966 bis in seine ersten Jahre, ein zweiter Strang reicht bis an sein Lebensende. Die frühen Gemälde sind dabei noch Experimentierfelder, die Idee der Zweckentfremdung ist präsent, und Helene Hegemann würde es Sampling nennen. Manches Bild sorgt für unangenehme Gänsehaut: „Hundertwasser-Schrebergärten“ von 1964 oder seine Porträts à la Gerhard Richter oder sein Ringo als Bacon-Papst, der masturbiert und dabei raucht. Wirklich zu malen lernte Lausen erst später, auch wenn er in diesen Jahren bereits selbstbewusst an seine Mutter schreibt: „(trotz meiner Genialität) werde ich die erste Ausstellung erst in ½-1 Jahr machen können ... in der Ölmalerei hat sich gezeigt, dass ich ein Farbgefühl besitze.“ Eine frühe Rezension im Berliner „Tagesspiegel“, seine Rolle in der Situationistischen Internationale, seine Erfolge als junger Malerstar in Berlin werden ausführlich dokumentiert. Doch zum Schluss bedeutete ihm diese Anerkennung nichts mehr, er machte nur noch Musik.
Das erste und damit auch das letzte Bild der Schau ist sein großformatiges Gemälde "Geometer" von 1965: zwei kopflose Anzugträger zwischen Körperklumpen, die aus einem Gemälde von Francis Bacon stammen könnten. Die Jahre 1966 und 1967 bilden den Kern seines Vermächtnisses. Hier findet er zu seinem charakteristischen Stil, seiner so eigenwilligen Licht- und Schattenmalerei, den dominanten Flächen und seiner schneidenden Horizontlinie. Das sind die Elemente seines Realismus. Lausen verdammt seine Kindheit im Stuttgart der fünfziger Jahre, konfrontiert den Betrachter mit Gewalt in gediegenen Wohnzimmern: "Es ist doch klar, dass die Wohnung, die zur Zufriedenstellung des offiziellen Menschenmusters eingerichtet wurde, einzig und allein dazu dienen kann, jedes wirkliche Individuum zu amputieren." In diesen Jahren emanzipiert er sich von seinen Vorbildern. Nur Francis Bacon ist in seine Motive hineingewachsen.
Der Blick auf die Gemälde wird verstellt
An einer Stelle übertreibt die Schau eine angemessene Vermischung von Leben und Werk, gerät in den Verdacht, den freien Blick auf die Bilder zu verstellen: Sie lädt ein in ein nachgebautes Wohnzimmer des Lausenschen Bauernhauses. Dort sitzt man nun unter drückend niedriger Decke und lauscht Uwe Lausens - erstmals vertonter - Aphorismensammlung „Hier und Jetzt“: „Mit unsicherheit leben“, tönt es aus den Lautsprechern, „mit sicherheit sterben: das ist ein ausgewogenes dasein.“ Dabei wollte die Schau eigentlich, wie man im Katalog lesen kann, den Blick für die Gemälde schärfen und den Maler von seinem Ruf befreien, vom Flair des depressiven Drogensüchtigen, der seinen Rausch auf der Leinwand festhielt.
Jack Goldstein konnte sein OEuvre ausreizen. Bei Peter Roehr wird man nie aufhören darüber zu spekulieren, wohin er uns geführt hätte, wäre er nicht an Krebs gestorben. Lausens Werk hatte seinen Punkt wohl schon gefunden. Der Höhepunkt lag in der Mitte der neunjährigen Schaffenszeit. Er war erst neunundzwanzig Jahre alt, als er starb. Aus seinen späten Bildern ist alles Politische verschwunden. Zuletzt wurde er von Angstzuständen gequält und von der Polizei wegen Drogendelikten verfolgt.