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Montag, 13. Februar 2012
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Schatzhaus der deutschen Kulturgeschichte Mapamünndi statt GPS

13.03.2010 ·  Das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg besitzt eine der bedeutendsten Sammlungen von Gemälden, Skulpturen und Kunsthandwerk des sechzehnten bis achtzehnten Jahrhunderts. Nach langer Renovierung wird kommende Woche der neu gestaltete Galeriebau eröffnet.

Von Andreas Kilb
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Martin Behaim war ein Abenteurer. Als ältester Sohn einer Nürnberger Patrizierfamilie hätte er leicht einen Sitz im Rat der Stadt einnehmen können. Stattdessen gab er seine Lehre bei einem Antwerpener Tuchhändler auf und fuhr nach Lissabon, um die weite Welt zu entdecken. Als er 1490 zur Regelung des elterlichen Erbes nach Nürnberg zurückkehrte, hatte er unter portugiesischer Flagge den Atlantik und die afrikanische Westküste bereist. Seit zwei Jahren stand der Seeweg nach Indien über Afrika allen Schiffen offen. Was das für die Nürnberger Kaufleute bedeutete, wollte Behaim dem Rat anschaulich vor Augen führen.

Deshalb gab er einen „apffel oder Mapamünndi“ in Auftrag, der auf zwei Halbkugeln aus verleimter Leinwand, die durch einen Holzreifen verbunden waren, das neue Antlitz der Erde präsentierte. Auf dem fein bemalten und vielfach beschriebenen Papier erkennt man deutlich Europa, Afrika und Asien, während der Ozean zwischen den Azoren und Japan („Cipangu“) leer ist. Kolumbus hatte noch keine Segel gesetzt, Amerika ruhte noch im Schoß der Zukunft.

Der älteste Globus der Welt

Vier Jahre später, als Behaim seine „Mapamünndi“ dem Rat übergab, war deren Weltbild bereits Geschichte. Trotzdem hielten die Nürnberger Behaims Erdkugel in Ehren. Aus der Ratskanzlei gelangte sie in die städtische Kunstkammer und auf verschlungenen Wegen schließlich ins Germanische Nationalmuseum, das sie seit 1937 aufbewahrt. Heute ist der Behaim-Apfel der älteste weltweit erhaltene Globus und zugleich das erste Prunkstück, das den Besucher im neu gestalteten Galeriebau des Nürnberger Museums empfängt.

Die vor sechs Jahren begonnene Sanierung des zentralen Ausstellungsgebäudes von 1921 gelangt mit der Wiedereröffnung am kommenden Donnerstag zu einem in jeder Hinsicht glücklichen Abschluss. Seit längerem war den Museumsleuten klar, dass die in den späten sechziger Jahren entwickelte Präsentation der Gemäldesammlung zur frühen Neuzeit mit ihren abgehängten Lichtdecken und der flachen, einreihigen Hängung nicht mehr dem Stand der Forschung und dem Zeitgeschmack entsprach. Deckenfenster mussten freigelegt, Bodenbeläge ergänzt, Trennwände beseitigt, neue Durchgänge geöffnet und Schadstofffilter in die Vitrinen eingebaut werden.

Bettlermarken zeugen vom Leben der unteren Schichten

Noch wichtiger aber war die konzeptionelle Erneuerung der Dauerausstellung. Eine reine Aneinanderreihung von Meisterwerken erster und zweiter Kategorie erschien in einem kulturhistorisch ausgerichteten Haus wie dem Germanischen Nationalmuseum nicht mehr zeitgemäß. Seit den siebziger Jahren hat die Kunstwissenschaft auch in Deutschland eine mentalitätsgeschichtliche Wendung vollzogen. Nicht mehr nur Bilder, auch Weltbilder und epochale Erfahrungen stehen nun im Fokus des Forschungsinteresses: Wer über Dürer redet, muss auch von Kolumbus und Luther sprechen. Dieser Erweiterung des Blicks trägt der neu eingerichtete Galeriebau besonders in den Seitenkabinetten Rechnung.

Hier kommt mit Musikinstrumenten, Pilgerhüten, Kostümen, Medaillen und Bildteppichen auch die Alltagswelt des sechzehnten bis achtzehnten Jahrhunderts zu ihrem Recht. Viele der gezeigten Objekte waren in der Dauerausstellung des Museums noch nie zu sehen. Allerdings wird die Überlieferung immer dünner, je weiter man sich von der Welt des Adels und des gehobenen Bürgertums entfernt. Die Bettlermarken, mit denen deutsche Städte zu Beginn der Neuzeit das Armenwesen in ihren Mauern zu reglementieren versuchten, gehören zu den wenigen überlieferten Sachzeugnissen des Lebens der unteren Schichten.

Spitzenwerke des Kunsthandwerks

Den größtmöglichen Kontrast zu den Relikten des Bettlerlebens bildet das prächtige Schlüsselfelder-Schiff, das gegenüber von Behaims Globus in einer Vitrine am Eingang des Galeriebaus steht. Mit einem Silbergewicht von knapp sechs Kilo entspricht allein sein Metallwert dem Kaufpreis eines Stadthauses um 1500. Vor allem aber bezeugt die teilvergoldete Karacke aus dem Besitz des Kaufmanns Wilhelm Schlüsselfelder das unvergleichliche Niveau der Nürnberger Silberschmiede zu jener Zeit. Seine winzigen Matrosen, die goldglitzernde Kanönchen bedienen und in ziselierten Wanten herumklettern, um hauchfeine silberne Segel zu reffen, sind Spitzenprodukte eines Kunsthandwerks, das in Europa jahrhundertelang eine führende Stellung einnahm.

Auch Maler mussten in Nürnberg eine Meisterprüfung ablegen, bevor sie eine Werkstatt eröffnen durften. Eine solche Prüfungsarbeit aus Ratsbesitz ist das Selbstbildnis als Täufer Johannes, das der früh an der Pest gestorbene Johann Herz, einer der seltenen deutschen Caravaggisten, 1627 gemalt hat. In der neuen Sammlungsordnung hängt Herzens Meisterstück neben Selbstporträts von Johann Ulrich Mayr und Lorenz Strauch, die das gewachsene Selbstbewusstsein der Künstler im siebzehnten Jahrhundert demonstrieren. Rembrandts fast gleichzeitig entstandenes „Selbstbildnis mit Halsberge“, eines der Hauptwerke des Museums, wird dagegen einige Räume weiter im Holländerkabinett gezeigt. Es gehe nicht darum, eine chronologische Geschichte der Malerei zu erzählen, sagt der leitende Kurator und stellvertretende Generaldirektor Daniel Hess. Stattdessen wolle man mit wenigen Objekten den Geist einer Epoche sichtbar machen, ohne den Dingen Gewalt anzutun.

Kunstgeschichte als Zackenmuster

Am besten ist dieses Konzept in den Räumen aufgegangen, die der Kunst des europäischen Manierismus und des Barock gewidmet sind. Hier ist es oft nicht die einzelne Leinwand oder Skulptur, die den Blick des Betrachters auf sich zieht - obwohl im Manieristensaal Meisterwerke von Joseph Heintz, Hans von Aachen und Bartholomäus Spranger hängen -, sondern das Ensemble. Die Bilder fügen sich mit den Produkten des Kunsthandwerks zu einem Gesamtklang, in dem man die Melodie des Jahrhunderts zu hören meint. In einem anderen Saal, der das Motto „Vielfalt der Formen“ trägt, erlebt man dagegen die Gleichzeitigkeit von gotisierender, frühbarocker und manieristischer Malerei um 1580 als Dissonanz. Dieser kaleidoskopische Effekt entspricht dem Ehrgeiz der Kuratoren, Kunstgeschichte nicht als lineares Gebilde, sondern als Zackenmuster widersprüchlicher Entwicklungen vorzuführen. Nichts wäre langweiliger, sagt Daniel Hess, als den Besucher vor eine Wandzeitung aus Objekten zu stellen, wie sie in manchen deutschen Geschichtsmuseen geboten wird: „Das haben wir uns verboten.“

Den Kern der Galeriebestände bildet nach wie vor die Kunst der Dürerzeit. Allerdings besitzt Nürnberg nur noch wenige Gemälde von Dürers Hand. Zur Zeit der Gegenreformation und des Dreißigjährigen Kriegs musste die Stadt, die eine heikle Balance zwischen den streitenden Konfessionen zu wahren suchte, viele kostbare Originale an die Höfe in München, Wien und Prag abgeben.

Ein Reigen der Meister

Den Nürnbergern blieben Kopien, die nun zusammen mit den echten Dürer-Werken - darunter Porträts seiner Mutter Barbara und seines Lehrers Michael Wolgemut - gezeigt werden. Und dazu eine der bedeutendsten Sammlungen deutscher Renaissancemalerei: Burgkmair, Schaffner, Cranach, Altdorfer, Grien, ein Reigen der Meister. Während die Reformation Luthers, der ein eigenes Kabinett gewidmet ist, die alte Ganzheit des Glaubens zerstörte, schufen sie einen neuen Globus der Kunst.

Als Hans von Aufseß vor hundertfünfzig Jahren mit seiner Sammlung ins verlassene Kartäuserkloster an der Nürnberger Stadtmauer zog, wollte er ein "Generalrepertorium" schaffen, eine Art Schaukasten der deutschen Kultur. Heute ist das Germanische Nationalmuseum ein Schaufenster der deutschen Museumskultur. Bedeutende Kunstschätze gibt es in vielen Städten. In Nürnberg kann man nun sehen, wie man sie ausstellen muss.

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Von Gerhard Stadelmaier

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