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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Sammlung Plattner in Potsdam Streitobjekt Ostkunst

 ·  Hasso Plattner wollte Potsdam seine Kunstsammlung und ein Museum geben. Die Stadt lehnte ab. Jetzt wird seine Kollektion teilweise doch dort gezeigt - eine Ausstellung als Botschaft.

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© Galerie Schwind Zieht alle Blicke auf sich: Werner Tübkes „Der Narr und das Mädchen“ von 1982

Potsdam ist eine gespaltene Stadt - das sieht jeder, der vom Bahnhof über die Havelbrücke zum Alten Markt läuft. Geradeaus, zwischen Schinkels Nikolaikirche und dem Marstall, der den Zweiten Weltkrieg überstand und heute ein Filmmuseum beherbergt, wächst der Neubau des Hohenzollernschlosses, in dem von 2014 an der brandenburgische Landtag residieren soll; das originalgetreu rotgoldene Kupferdach glänzt in der Sonne. Links vorn aber, am Flussufer, endet das preußische Idyll. Dort verkündet ein siebzehnstöckiger, wie ein Leuchtturm auf Bastion-Fundament aufgereckter Plattenbau von 1969 noch immer den Sieg der DDR-Moderne über Tradition und Geschichte. Die Botschaft hat sich erledigt, der Betonklotz ist geblieben.

Seit zwanzig Jahren wird das einstige Interhotel, das einem amerikanischen Investor gehört, von der Mercure-Kette betrieben. Ende 2012 läuft der Pachtvertrag aus. Eine Mehrheit im Potsdamer Stadtparlament, angeführt vom Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD), möchte den Bau zurückkaufen und abreißen. Mitte April bot der in Potsdam ansässige Software-Unternehmer Hasso Plattner, der auch das Kupferdach des Schlosses gestiftet und zwanzig Millionen Euro für die historische Fassade gespendet hat, der Stadt an, auf dem Gelände eine Kunsthalle für Wechselausstellungen und seine Privatsammlung ostdeutscher Kunst zu errichten. Auch den Abriss des Hotels wollte er bezahlen.

Werke aus der Nachwendezeit

Die Linkspartei, mit siebzehn Sitzen stärkste Fraktion in der Stadtverordnetenversammlung, mobilisierte daraufhin ihre Klientel gegen das Projekt. Die Gegenseite schlug zurück. Anfang Juli demonstrierten Hunderte Potsdamer, unter ihnen Günter Jauch und Wolfgang Joop, für „Plattner statt Platte“. Der Mäzen aber zog sein Angebot zurück: Er wolle sich nicht gegen „den Geist von Potsdam“ stellen. Inzwischen plant Plattner ein Privatmuseum auf einem firmeneigenen Grundstück am Jungfernsee im Nordwesten der Stadt.

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Wolfgang Mattheuer, „Gartenbild“ von 1960, Öl auf Hartfaser © Galerie Schwind Wolfgang Mattheuer, „Gartenbild“ von 1960, Öl auf Hartfaser

Was dort zu sehen sein könnte, zeigt jetzt das Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte im einstigen Kutschstall am Neuen Markt in der kurzfristig eingerichteten Ausstellung „Einblick und Ausblick“. Es sind knapp dreißig von insgesamt fünfzig Bildern, die Plattner bislang erwarb: Landschaften und Interieurs von Wolfgang Mattheuer, brandenburgische Alleen und Fridericus-Karikaturen von Bernhard Heisig, Atelierstücke von Arno Rink, ein Karneval-Diptychon von Ulrich Hachulla, eine Harz-Impression von Willi Sitte. Die meisten entstanden nach dem Fall der Mauer, eher Alters- als Hauptwerke. Und die dazwischen gehängten Beispiele westdeutscher Malerei von Klaus Fußmann und Gerhard Richter wirken wie Gelegenheitskäufe. Werner Tübkes Großformat „Der Narr und das Mädchen“ von 1982, eine Künstlerallegorie mit Harlekin und Aktmodell, zieht dagegen alle Blicke auf sich, so wirkungsvoll sind hier Theatralik, Melancholie und malerische Brillanz kombiniert.

Eine Ausstellung als Chance

Das kunstpolitische Statement der Ausstellung ist offensichtlich. Hier wird nicht DDR-Kunst gesammelt, sondern die Malerei des Ostens, des Anti-Informels, der Leipziger Schule und ihrer Ableger. Wenn man sieht, wie Rink und Hachulla die Bildformeln der Neuen Sachlichkeit und Heisig und Sitte die des Expressionismus wiederbeleben, wie Mattheuer subtil mit pointillistischen und impressionistischen Traditionen spielt und Tübke allen historisch-kritischen Malverboten eine Nase dreht, kommt eine Entwicklungslinie zum Vorschein, die im Westen unter dem dogmatischen Qualm der Abstrakten erstickt wurde. Mit Gerhard Richter und dem Rink-Schüler Neo Rauch feiert dieses Stilbewusstsein auf dem Kunstmarkt Triumphe, aber seine Wurzeln liegen in den Kampfjahren des Sozialistischen Realismus, der noch seine Abweichler zu strenger Meisterschaft erzog. Was diese Frühgeschichte der Ostkunst angeht, ist die Sammlung Plattner unvollständig. Aber sie ließe sich ergänzen.

Eben darin liegt die Chance Potsdams. Dass die herrschaftliche Geste eines Mäzens, der mal eben ein Wahrzeichen der vierzigjährigen DDR-Geschichte abräumen wollte, auf Widerstand stieß, darf niemanden wundern. Andererseits kann sich auch keine der streitenden Parteien wünschen, dass die Bildersammlung des SAP-Milliardärs in einen Privatbau am nördlichen Stadtrand wandert. Die Stadt selbst muss ihre Museumsgeschicke in die Hand nehmen, sei es durch ein neues Angebot an Hasso Plattner, sei es durch die Gründung eines Bürgervereins.

In der Nachbarschaft der übermächtigen Kulturmetropole Berlin, die gerade wieder erbittert über den Stellenwert der klassischen Moderne in ihren Häusern debattiert, wäre ein Museum der ostdeutschen Malerei für die brandenburgische Hauptstadt nicht nur eine willkommene Ergänzung zu Sanssouci und Babelsberg. Es wäre auch eine Gelegenheit zu zeigen, was Berlin fehlt.

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Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent in Berlin.

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