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Russland und die Schweiz : Lenin im Paradies der Büchereien

Das Landesmuseum Zürich erinnert in einer reich bestückten Ausstellung an die Schweizer Rolle bei der bolschewistischen Revolution von 1917. Im Zentrum ein Mann in einem plombierten Eisenbahnwaggon.

          Als der Schweizer Fritz Platten, dessen Frau schon fünf Jahre zuvor den stalinistischen Säuberungen zum Opfer gefallen war, am 22. April 1942 im Arbeitslager Lipowo erschossen wurde, glaubte er an ein Missverständnis. Seine Haftzeit war gerade zu Ende gegangen, und die Hinrichtung fand am Geburtstag Lenins statt, dessen Rückreise in einem plombierten Eisenbahnwaggon aus der Schweiz ins revolutionäre Russland Platten organisiert hatte. Ihre erste Begegnung geht auf das Treffen der Sozialistischen Internationalen in Zimmerwald bei Bern zurück. Plattens Begeisterung war so groß, dass er zusammen mit seiner Frau, einer Züricher Kommunistin, in die Sowjetunion auswanderte. Nach Stalins Tod wurde er „rehabilitiert“ und mit Ehrungen – eine Straße ist nach ihm benannt – bedacht.

          Jürg     Altwegg

          Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

          Fritz Platten ist an den verschiedensten Stellen der Ausstellung „Revolution 1917 – Russland und die Schweiz“ im Landesmuseum Zürich präsent. Sein Schicksal durchzieht sie wie ein roter Faden: vom Enthusiasmus über den Aufbruch in eine bessere Welt bis zum tragischen Tod der Ideale und Idealisten, die ihre politische Blindheit mit dem Leben bezahlten und nie wirklich begriffen, wie ihnen geschah. In der Ausstellung liegen Plattens letzte Briefe aus dem Lager aus.

          In der Schweiz war Platten, der als Sozialist und später Kommunist ins Parlament gewählt wurde, eine ziemlich einmalige Erscheinung geblieben. Doch zwischen den beiden Ländern gab es intensive Beziehungen: Am Vorabend des Ersten Weltkriegs lebten rund 25 000 Schweizer in Russland. Die Schweiz war arm und Russland eines der beliebtesten Ziele der Auswanderer. Sie arbeiteten als Bäcker, Uhrmacher, Unternehmer, Hauslehrer. Die meisten kehrten beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs in die davon verschonte Heimat zurück.

          Ein Komsomol-Mitglied bei der Arbeit: Die Jugendorganisation der Bolschewistischen Partei wird nach der Revolution gegründet. Sie nimmt am russischen Bürgerkrieg und später an den Industrialisierungs- und Kollektivierungskampagnen teil. Bilderstrecke
          Ein Komsomol-Mitglied bei der Arbeit: Die Jugendorganisation der Bolschewistischen Partei wird nach der Revolution gegründet. Sie nimmt am russischen Bürgerkrieg und später an den Industrialisierungs- und Kollektivierungskampagnen teil. :

          Dort wiederum lebten 10 000 russische Emigranten. Unter ihnen befanden sich viele Frauen, denen der Zugang zu den Universitäten offenstand – Sabina Spielrein studierte zum Beispiel Medizin. Tolstoi und Dostojewski waren mit der Schweiz verbunden, Lenin lebte jahrelang in Genf und Zürich. Nach dem Vorbild der öffentlich zugänglichen Büchereien, die er intensiv genutzt hatte, machte der Bolschewistenführer sich in der revolutionären Sowjetunion für die Schaffung von Bibliotheken stark. In seiner Wohnung in der Züricher Spiegelgasse, in der auch das Cabaret Voltaire der Dadaisten beheimatet war, hinterließ er einen Schreibtisch, den die Besitzer behalten haben und der jetzt erstmals öffentlich gezeigt wird. Die reichbestückte, hervorragend inszenierte Ausstellung ist im Dachgeschoss mit seinen hohen Räumen untergebracht – auch für eine überlebensgroße Lenin-Statue gibt es Platz.

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          Im Rahmenprogramm ist ein Film über Moritz Conradi zur Uraufführung gelangt, der ebenfalls im Schweizer Fernsehen gezeigt wird. Conradi wurde 1896 in St. Petersburg geboren, er war der Sohn eines Auswanderers und gründete eine Schokoladenfabrik, die fünfhundert Arbeiter beschäftigte. Während der Revolution kämpfte er auf der Seite der Zaristen, später flüchtete er in die Schweiz, wo er 1923 in Lausanne in einem Hotel den sowjetischen Diplomaten Watzlaw Worowski, einen Vertrauten Lenins, erschoss – mit dem Ruf: „Ich bin der neue Wilhelm Tell.“ Der Prozess endete mit einem Freispruch, auf den Moskau mit dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen reagierte. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg schickte die Schweiz wieder einen Botschafter nach Moskau.

          Die Ausstellung deckt ein breites Spektrum ab. Die Avantgarde der Kunst wird ebenso dokumentiert wie das Schaffen der russischen Filmemacher. Es geht um Architektur und Propaganda. Vom GULag erfährt man, dass seine Anfänge auf die Zaren zurückgehen. In einem stillen Kämmerchen sind die Klassiker der Auseinandersetzung mit dem Kommunismus und dem Stalinismus ausgestellt. Die Werke von Arthur Koestler und Raymond Arons Pamphlet über das „Opium der Intellektuellen“ liegen aus. In Frankreich begann deren Abkehr vom Marxismus erst unter dem Einfluss von Solschenizyn, dessen „Archipel GULag“ einen Schock auslöste und ebenfalls einen direkten Bezug zur Schweiz aufweist: Die deutsche Übersetzung erschien in Bern, und nach seiner Ausbürgerung lebte Solschenizyn zunächst in Zürich, das für diese Ausstellung über die Schweiz und die russische Revolution durchaus eine Reise wert ist.

          Revolution 1917 – Russland und die Schweiz.Im Landesmuseum, Zürich; bis zum 25. Juni. Der Katalog kostet 25 Franken.

          Quelle: F.A.Z.

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