Im Oktober 2009 zog die umfassende Ausstellung zum Schaffen des französischen Bildhauers Jean-Antoine Houdon Besucherscharen ins Frankfurter Liebieghaus. Für viele war sie ein Schlüsselerlebnis, denn der Blick auf das vielfältige Werk hob das gängige Vorurteil vom erotelnden Kitschier auf und zeigte den Künstler als einzigartigen Realisten und Chronisten des welkenden absolutistischen und des aufkommenden klassizistisch-bürgerlichen Frankreichs. Beflügelt vielleicht von diesem Erfolg, erwarb vor wenigen Tagen Frankfurts Museum erlesener Plastik rechtzeitig zum dreihundertsten Geburtstag von Jean-Jacques Rousseau eine von Houdon gefertigte Bronzebüste des Philosophen und Aufklärers, dessen Ideen ganz Europa veränderten.
Der Künstler, dem sein Ruhm schon bald Scharen berühmter Zeitgenossen zutrieb, die von ihm porträtiert sein wollten, und der wohl auch selbst begierig war, in ihnen das Gesicht seiner Zeit festzuhalten, hatte nichts unversucht gelassen, Rousseau als Modell zu gewinnen. Doch der Philosoph, der sich im Alter von niemandem mehr konterfeien lassen mochte, lehnte immer wieder ab. So blieb es Houdon einzig, dem Verstorbenen am 2. Juli 1778 die Totenmaske abzunehmen. Nach ihr fertigte er um 1780 die Büste, die nun dem Liebieghaus gehört und zurzeit in den Werkstätten des Hauses restauriert wird.
Diskrete Parteinahme für einen Denker
Es verschlägt einem den Atem, mit welcher Virtuosität der Bildhauer aus den fahlen eingefallenen Gesichtszügen eines Toten die lebenssprühende, zwischen Ironie, Weisheit, Güte und Entschlossenheit irisierende Physiognomie eines Lebenden rekonstruiert hat. Außer der Totenmaske und persönlichen Eindrücken könnten ihn die damals europaweit gefeierten Bronzebüsten der antiken Villa dei Papiri in Herculaneum inspiriert haben, die der Schweizer Bergbauingenieur Karl Weber 1750 mühsam aus den Verschüttungen des Vesuvs geborgen hatte. Insbesondere die damals jedem Gebildeten geläufigen Bronzebüsten des sogenannten Pseudo-Seneca und des Demokrit scheinen Houdons Darstellung beeinflusst zu haben: Wie der mutmaßliche Seneca zeigt auch sein Rousseau kurze, in die Stirn gestrichene Strähnen und einen altersgemäß schütteren Haaransatz; wie bei Demokrit ist Rousseaus hochgewölbte Stirn von scharfen, über der Nasenwurzel gewölbten Querfalten gefurcht, und wie beide schaut auch der Aufklärer aus tiefliegenden Augen sinnend am Betrachter vorbei.
Anders aber als die düster grübelnden Antiken lächelt der Franzose sein berühmtes, spöttisch freundliches Lächeln und trägt sein Kinn, wie jeder damalige Mann von Stand, glatt rasiert. Doch es ist eine zweite, unauffälligere Abweichung, die wirklich Welten zwischen die antiken Philosophen und Rousseau schiebt: Houdon lässt ihn ein Band um Kopf und Stirn tragen. Auch das ist, wie die locker um die Schulter geschlungene Toga, ein antikes Motiv, aber eines, das - wie beim Bronzekopf des Ptolemaios IX. Lathyros oder der Marmorstatue Homers aus Herculaneum - nur Königen und Dichtern gebührte. So verbindet sich möglicherweise in Jean-Antoine Houdons Büste die gewohnte Meisterschaft, Geistesheroen in unübertrefflichem Verismus zu verewigen, mit der diskreten Parteinahme für einen Denker, dessen geistige Größe die der chronisch überforderten Monarchen des Absolutismus überragt.
Der Philosoph als der wahre König, der Dichter und Denker Rousseau als idealer Herrscher - eine Vortragsreihe, mit der das Liebieghaus im Spätherbst dieses Jahres seine Neuerwerbung (an der die Kulturstiftung der Länder, die Ernst-von-Siemens-Stiftung und der Städelsche Museumsverein beteiligt waren) präsentieren will, wird beleuchten, wie viel Bedeutungsgehalt dem Kunstwerk eigen ist. Für das Museum, das angesehen ist für seine umsichtige Ankaufspolitik und das neuerdings durch die spektakuläre Konfrontation von Werken des umstrittenen zeitgenössischen Bildhauers Jeff Koons mit Meisterwerken der Antike den Mut zur Debatte zeigt, schließt Jean-Antoine Houdons Rousseau-Büste eine letzte Lücke im ansonsten makellosen chronologischen Bestand.
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