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„Rote Halle“ von Pergamon Die späte Auferstehung der Göttin Sachmet

 ·  Unter dem Burgberg von Pergamon stand einst ein gewaltiger Tempel. Die Wiederherstellung dieser „Roten Halle“ ist ein Paradebeispiel für deutsch-türkische Kooperation.

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© Deutsches Archäologisches Institut Imposant und eindeutig afrikanisch: die mit manuellen ebenso wie mit digitalen Mitteln rekonstruierte Statue der Göttin Sachmet aus der Roten Halle in Bergama

In der Regierungszeit des Kaisers Hadrian (117 bis 138 nach Christus) entstand am Fuße des Stadtbergs von Pergamon ein Heiligtum, das zu den gewaltigsten römischen Bauanlagen in Kleinasien zählt. Der Flusslauf des Selinus wurde in zwei Tunnelröhren gezwängt, und umfangreiche Substruktionen und Stützmauern mussten errichtet werden, um die Bauplattform von 270 Meter Länge und hundert Meter Breite im schwierigen Terrain plazieren zu können. Im östlichen Abschnitt dieser Fläche konzentrierte sich das Bauvolumen in einer riesigen Basilika, die von zwei Rundtürmen flankiert wurde.

Die imposanten Ruinen dieser Gebäude stehen bis heute aufrecht. Der volkstümliche Name Kizil Avlu wird mit „Rote Halle“ übersetzt. Er bezieht sich auf das Ziegelmaterial des Hauptgebäudes. Im Gegensatz zu den Ruinen der hellenistischen Stadt wurde die Rote Halle in das Siedlungsgefüge des neuzeitlichen Bergama einbezogen. Es blickt deshalb auf eine lange und wechselvolle Nutzungsgeschichte zurück.

In den dreißiger Jahren, nachdem man das dichte Geflecht osmanischer Wohnhäuser, das ins Innere der Roten Halle eingedrungen war, abgebrochen hatte, konnten erstmals Ausgrabungen in dem römischen Großbau stattfinden. Aufsehen erregte dabei der Fund mehrerer Fragmente römischer Monumentalskulpturen aus Marmor. Die in ägyptischem Stil gehaltenen Figuren konnten als Teile von Karyatiden und Atlanten identifiziert werden, die den Hof umstanden und die Dächer der flankierenden Hallen getragen hatten. Gesichter und Extremitäten waren separat aus schwarzgrauem Marmor gefertigt, womit man die Dargestellten als Ägypter beziehungsweise Afrikaner kennzeichnete.

Ein riesiger Vielgöttertempel mit Kaiserkult

In den Skulpturen trat den Ausgräbern eine facettenreiche Mischung antiker Götterikonographien entgegen, in der die ägyptisierenden Elemente eindeutig dominieren. Sie waren Grund genug, die große Kultanlage der Roten Halle für einen Tempel des Serapis oder der Isis zu halten, eine Deutung, die von der Forschung in den folgenden Jahrzehnten weitgehend übernommen wurde.

Dennoch gab die Anlage weiterhin zahlreiche Rätsel auf. Deshalb initiierte das Deutsche Archäologische Institut mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft 2002 ein neues Projekt, das sich auf die Bau- und Kultgeschichte der Roten Halle konzentrierte. Die Deutung als Heiligtum ägyptischer Götter konnte bestätigt und zugleich modifiziert werden: Neben Zeus-Serapis und der anatolischen Muttergottheit Kybele wurde dort wohl auch der römische Kaiser selbst verehrt. Mit anderen Worten: Pergamon erhielt einen riesigen Vielgöttertempel mit Kaiserkult, dessen Grundfläche mit der vorgelagerten Platzanlage an die Ausdehnung des Trajansforums in Rom heranreicht.

Herrschaftlicher Einfluss auf die Gestaltung und Ausführung des Prunkbaus ist an vielen Stellen fassbar, was jüngst zu der bemerkenswerten Hypothese geführt hat, Kaiser Hadrian selbst habe den Bau bei seiner ersten Reise in den Osten 124 nach Christus begründet und sieben Jahre später bei der Rückreise aus Ägypten nochmals in die Planungen eingegriffen. Damals dürfte auch das Konzept für die Höfe mit ägyptisierenden Stützfiguren und Wasserbecken entstanden sein, die eine Nillandschaft imitierten.

Ungewöhnliche Zeugnisse römischer Bildhauerkunst

Im Zuge der neuen Forschungen kamen weitere Fragmente der Stützfiguren zutage, die nun erstmals eine überzeugende Rekonstruktion erlauben. Paarweise, Rücken an Rücken, umschlossen die Götter einen Pfeiler, auf dem ihr ausladender Kopfschmuck Platz fand, der seinerseits die Last der Hallendächer aufnahm. Insgesamt erreichten die Figuren mit dem aufragenden Sockel eine Gesamthöhe von mehr als acht Metern.

Die konstruktive Zusammenfügung der einzelnen Figurenelemente spiegelt das komplexe Bau- und Planungswesen, das die Rote Halle zum exemplarischen Beispiel antiker Fertigteilgebäude macht. So war für die heute verschwundene Marmorverkleidung des antiken Ziegelbaus ein System marmorner Befestigungselemente entwickelt worden, das die passgenau vorbereiteten Verkleidungsplatten aufnahm. Dieselbe Präzision kennzeichnet auch die Verbindungsstellen zwischen den Marmortorsi der Stützfiguren und ihren Einsatzstücken.

Millimetergenau in den Korpus eingetiefte Löcher nahmen entsprechend vorbereitete Zapfen an den Oberarmen auf und sorgten für eine sichere und zugleich unsichtbare Verbindung der etwa 130 Kilo schweren Gliedmaßen. Diese technischen Details in Verbindung mit der kulturhistorischen Bedeutung der ägyptisierenden Bildwerke machen die Großstatuen aus der Roten Halle zu den vielleicht ungewöhnlichsten Zeugnissen römischer Bildhauerkunst in Kleinasien.

Eine bildhauerische Herausforderung

Vor diesem Hintergrund bestand kein Zweifel, dass im Rahmen eines 2006 begonnenen Projekts zur Instandsetzung gefährdeter Teilbereiche der Roten Halle auch die Skulpturen in das Konservierungs- und Präsentationskonzept einbezogen werden sollten. Neben der Aufstellung erhaltener Figurenfragmente in dem 2009 als Museum wiedereröffneten südlichen Rundbau umfasst das von der Studiosus Foundation e.V. (München) geförderte Projekt die vollständige Wiederherstellung einer der Stützfiguren. Grundlage der Rekonstruktion ist der erhaltene untere Abschnitt einer Figur, der unter Einbeziehung weiterer Originalteile zu einem vollständigen Götterbild ergänzt werden soll. Dem mehr als zwei Meter hohen Unterteil wurde von dem Archäologen Ulrich Mania ein mächtiger Löwenkopf mit lockiger Mähne zugewiesen, dessen Fragmente sich heute im Museum von Bergama befinden.

Mit der bedrohlich anmutenden Gestalt ist höchstwahrscheinlich die Göttin Sachmet gemeint, die für Kriege, Krankheit und Epidemien steht, sich durch Gebete aber auch versöhnen ließ. Um in der schöpferischen Wiederherstellung des Götterbildes die Ergänzungen zu betonen und vom antiken Bestand zu scheiden, sind Details in den neuen Teilen reduziert und weisen eine andere Oberflächentextur als die Originale auf.

Die Wiederherstellung der Sachmet ist nicht nur wissenschaftlich, sondern auch technisch und bildhauerisch eine Herausforderung: Das Oberteil musste aus dem Material der Originalfragmente, weißem Marmor von der Insel Prokonnesos, nach Maßgabe des Unterteils neu geschaffen werden. Diese Arbeit wurde, angelehnt an die antike Bildhauerkunst, von einem Steinmetzmeister aus Bergama ausgeführt. Für die dunkleren Einsatzteile - die Arme, die Füße und der Löwenkopf - musste zunächst der antike Herkunftsort des Marmors identifiziert werden. Er wurde schließlich nahe der westtürkischen Stadt Afyon entdeckt.

Das Digitale muss Hilfsmittel bleiben

Mit den Fragmenten des Löwenkopfs und Funden aus diversen Grabungen in der Roten Halle waren genügend Muster vorhanden, um im nächsten Schritt mittels Laserscan und einer digitalen Fräse Modelle der Einsatzstücke herzustellen, die als Vorlagen für die bildhauerische Arbeit dienten. Auch die Rohform der Werkstücke aus schwarzgrauem Marmor wurde mit digital gesteuerten Fräsen erzeugt. Die Kombination moderner Technik mit klassischer Bildhauerkunst erwies sich als geradezu ideal für die notwendige Präzision beim Herstellen der geometrisch anspruchsvollen Verbindungsstellen.

Die Rekonstruktion der Stützfigur begann 2009 und fand nun, im September dieses Jahres, in einer probeweisen Aufstellung ihren vorläufigen Höhepunkt. Bis zum Sommer 2013 sollen darüber hinaus auch Teile der Bodenbeläge und der Wandausstattung rekonstruiert werden. Als Ausschnitt werden sie dem Besucher künftig einen authentischen Eindruck von der einstigen prachtvollen Ausstattung der flankierenden Höfe der Roten Halle bieten. Dabei ist die Wiederaufstellung der Skulptur so konzipiert, dass die Originalteile besser geschützt werden und der Ruinencharakter der Anlage durch moderne Zutaten möglichst wenig beeinträchtigt wird.

Die unmittelbare Erfahrung des Originals in seinem ursprünglichen Kontext ist durch keine noch so perfekte Computeranimation zu ersetzen. Das Digitale muss immer Hilfsmittel bleiben. Dies gilt nicht nur für die besucherfreundliche Präsentation antiker Architektur im Rahmen des Kulturtourismus. Auch die wissenschaftliche Bewertung der faszinierenden Großskulpturen erfährt durch die Rekonstruktion am originalen Aufstellungsort wichtige neue Impulse.

Bewerbung für die Unesco-Welterbeliste

Die in Pergamon praktizierte Kombination aus Forschung und Denkmalpflege ist ein Markenzeichen aller Konservierungs- und Site-Management-Projekte, die das Deutsche Archäologische Institut in der Türkei auch an der prähistorischen Fundstätte Göbekli Tepe, in Hattuscha sowie in Milet, Priene und Didyma durchführt. Schnelle Erfolge lassen sich damit nicht erzielen, dafür aber Ergebnisse von großer Nachhaltigkeit, die inzwischen zu Meilensteinen der Erhaltung und Präsentation archäologischer Denkmäler in der Türkei geworden sind.

Zunehmend wird bei diesem Vorgehen auch der moderne soziale und städtebauliche Kontext der Monumente berücksichtigt. So wurde die Rote Halle auch deswegen zum Schwerpunktprojekt, weil ihr eine Schlüsselfunktion im neuen touristischen Erschließungskonzept für Pergamon zukommt. Es sieht vor, die bemerkenswerte Altstadt von Bergama mit ihren zahlreichen Monumenten osmanischer und multiethnisch geprägter Architektur stärker in das Besichtigungsprogramm einzubinden - eine einzigartige Gelegenheit, viertausend Jahre Siedlungs- und Stadtgeschichte der Ostägäis im ebenso überschaubaren wie anregenden Umfeld einer modernen türkischen Kleinstadt zu erfahren.

Die neuartige epochenübergreifende Präsentation, die auch das Umland der Stadt einbezieht, bildet die Grundlage für die Bewerbung Bergamas um einen Platz auf der Welterbeliste der Unesco. Das Konservierungsprojekt des DAI ist nicht nur damit bedeutungsvoll für die Gegenwart und Zukunft der Stadt. Es sorgt auch für die Aus- und Fortbildung lokaler Fachkräfte; die Arbeiten in der Roten Halle zum Beispiel werden vollständig von lokalen Handwerkern geleistet, die zum Teil schon seit Generationen für das DAI tätig sind. Kronzeugen dafür sind der „Sachmet-Meister“ von Pergamon, Selim Baskin, und sein Sohn Rifat. Beide stehen für das, was die Archäologie für die Pflege und den Ausbau guter deutsch-türkischer Beziehungen in politisch bewegten Zeiten leisten kann.

Die Autoren leiten die Außenstelle Istanbul und die Pergamongrabung des Deutschen Archäologischen Instituts.

Quelle: F.A.Z.
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