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Rosemarie Trockel in New York Sie befinden sich hier auf einer Expedition

Rosemarie Trockel widmet sich dem Entwurf einer künstlerischen Weltbeschreibung und den Naturwissenschaften eigene Kapitel: „A Cosmos“ heißt ihre Ausstellung im New Museum in New York.

© Rosemarie Trockel/VG Bild-Kunst, Bonn 2012 Vergrößern „Spiral Betty“, 2010

Die Retrospektive von Rosemarie Trockel, die für das Museo Reina Sofía in Madrid konzipiert wurde und jetzt im New Museum in New York zu sehen ist, führt „einen“ Kosmos im Titel. Handelt es sich um eine Neubearbeitung von Alexander von Humboldts „Entwurf einer physischen Weltbeschreibung“? Der unbestimmte Artikel legt nahe, dass wir es mit einem interpretierenden Auszug zu tun haben. Wie nach Humboldt „die Natur in jedem Winkel der Erde ein Abglanz des Ganzen“ ist, wird auch eine Auswahl aus den fünf Bänden eine Vorstellung vom Weltzusammenhang geben.

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Humboldts Bilanz seiner Forschungsreisetätigkeit ging auf den „tollen Einfall“ zurück, „die ganze materielle Welt, alles, was wir heute von den Erscheinungen der Himmelsräume und des Erdenlebens wissen, alles in einem Werke darzustellen“. Die Trockel-Ausstellung widmet der Zoologie, der Botanik sowie der Mineralogie in der angewandten Gestalt der Keramik eigene Kapitel. Den Abteilungen des Katalogbuchs entsprechen in der New Yorker Präsentation die Stockwerke des Museums. Vervollständigt wird die Schau durch Kapitel über Textilien und Bücher.

Mit einem geflügelten Satz überbot Rosemarie Trockel einst den schöpferischen Universalismus von Joseph Beuys: Jedes Tier ist eine Künstlerin. Die Seidenraupe als erste Textilkünstlerin ist zugleich eine Botanikerin - wie jedes Tier, das sich von Pflanzen zu ernähren verspricht. Der Mensch, der der Raupe ihre Technik abschaut, wird zum Zoologen. Die industrielle Produktionsweise, die Trockel für die meisten ihrer Strickbilder nutzte, perfektioniert die Mimikry an den Naturprozess: Im Rückblick auf die Evolution erkennt man im Tier die Maschine.

A cosmos © Rosemarie Trockel/VG Bild-Kunst, Bonn 2012 Vergrößern „Aus Yvonne“ (“Made out of Yvonne“), 1997

Aus dem Formbegriff von George Spencer Brown, wonach alle Schöpfung mit einer ungeplanten Unterscheidung anfängt, hat Niklas Luhmann die Konsequenz gezogen, den Künstler als „Maschine zur Erzeugung von Zufällen“ zu definieren. Die deutsche Übersetzung des Satzes, mit dem Spencer Brown seine „Gesetze der Form“ zusammenfasst, nimmt Rosemarie Trockel als Titel für eine Skulptur, die sie für die Ausstellung geschaffen hat: „Was ein Ding ist und was es nicht ist, sind in der Form identisch, gleich.“ In einer zylinderförmigen Vitrine mit Goldrähmchen und Goldfüßchen steht ein schwarzes Porzellanbein in einer grobmaschigen Netzstrumpfhose. Der kräftige Fuß steckt in einem pinkfarbenen Flip-Flop. Die Kunst kann auf einem Bein stehen, weil ihr Gegenteil ihr Pendant ist, in der Form identisch.

Nach moderner Konvention ist der Titel, der ein Werk beschreibt, zugleich Teil des Werks. Rosemarie Trockel nutzt ihn bei einigen neueren Werken für die Mitteilung, dass es sich nicht um Fundstücke von Naturhistorikern handelt. Eine Serie von korallenförmigen, schwarzweiß glasierten Keramiken trägt den Titel „Made in China“. Das verweist einerseits darauf, dass in der heutigen Welt alle massenhaft produzierbaren schönen Dinge im Zweifelsfall aus China kommen, und andererseits auf die Erfindung des Porzellans.

A cosmos © Rosemarie Trockel/VG Bild-Kunst, Bonn 2012 Vergrößern „Replace me“, 2011

Humboldt hat in seine Beschreibung der Naturgesichter Beobachtungen von Forschergenossen in der ganzen Welt eingewoben. Die auffälligste Eigentümlichkeit der Ausstellung ist, dass Trockel die Fäden von Künstlerkollegen aufnimmt: Sie bringt Ordnung in ihr Werk, indem sie ihm Werke von fremder Hand gegenüberstellt. Spencer Browns Schlagwort für sein Urgesetz der Form lautet Koproduktion. Trockel zeigt in ihrer persönlichen Weltkunstschau einzelgängerische Virtuosen der Naturnachbildung, die in den Akten der Kunstrichter als unselbständig verzeichnet stehen.

So formal lässt sich vielleicht das Unterscheidungsmerkmal bestimmen, das Pioniere der biologischen Illustration wie Maria Sibylla Merian mit behinderten Elementarobjektkünstlern wie James Castle und Judith Scott verbindet. Castle war taub, er bastelte Vogelskulpturen aus Papierfetzen und Holzresten. Judith Scott war taubstumm und litt am Downsyndrom, sie fügte Dinge aus ihrer Umgebung zusammen und umwickelte sie mit buntem Garn. Fünf der großen Kokonpakete, die ihr Geheimnis nie preisgeben werden, sind in New York zu sehen. Es beweist Rosemarie Trockels Souveränität, dass sie diese Konkurrenz sucht.

Die Werke der beiden Außenseiter sind aus dem einfachsten vorgefundenen Material gemacht, aber jedes Kind sieht, dass sie selbst nicht vorgefunden, sondern gemacht sind. Die assoziativen Konstruktionsverfahren der modernen Standardkunst wirken daneben konventionell: Simulationen der spontanen Produktivität. Wie die Kuratorin Lynne Cooke mitteilt, ist dieses Arrangement eigener und fremder Werke ein weiteres Werk von Rosemarie Trockel. Sie führt die motorische Energie des Vogelklebens und Garnwickelns ihrer eigenen Arbeit zu.

Im Jahr 1801 besuchte Humboldt in Bogotá den spanischen Priester José Celestino Mutis, um dessen ungedruckte „Flora de Bogotá“ einzusehen, einen Atlas der Pflanzen des Vizekönigreichs Neugranada. Aus dem Archiv des Königlichen Botanischen Gartens in Madrid zeigt Trockel einige kolorierte Zeichnungen eines anonymen Assistenten von Mutis. Die hochaufschießenden tropischen Blütenstangen werden auf diesen Blättern in pittoresker Reduktion wiedergegeben: kerzengerade, aber mehrfach geknickt. Auf die Information kommt es an, die ins Auge fallende Länge.

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Die Herzkammer der Ausstellung ist weiß gekachelt. Ausgestopfte Vögel in Käfigen geben einen künstlichen Gesang von sich, eine Keramikkoralle quillt aus der Wand, auf Courbets „Ursprung der Welt“ sitzt eine Vogelspinne. Von der Decke hängt eine Palme. Humboldt hat mehrfach geschildert, „wie der Anblick einer Fächerpalme in einem alten Turme des botanischen Gartens bei Berlin den ersten Keim unwiderstehlicher Sehnsucht nach fernen Reisen“ in ihn legte. Anders als im Palmenhaus der Berliner Pfaueninsel ist man freilich vor der kopfüberhängenden Palme nicht „auf Augenblicke über die Örtlichkeit, in der man sich befindet, vollkommen getäuscht“. Die klinische Installation will die geographische Wahrheit gerade nicht verhehlen: Man befindet sich im Museum.

Rosemarie Trockel - A Cosmos. New Museum of Contemporary Art, New York. Bis 20. Januar 2013. Vom 13. Februar bis zum 7. April 2013 in der Serpentine Gallery, London.

Quelle: F.A.Z.

 
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