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Rosemarie Trockel Frau Wolle legt die Kunst aus

12.01.2006 ·  Sie bedient keine Masche, aber verstrickt den Betrachter ins Unbewußte der Kunst: Das Kölner Museum Ludwig widmet Rosemarie Trockel eine umfassende Werkschau.

Von Thomas Wagner
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Begrüßung mit großem Vorhang - sechs Meter hoch, mehr als fünfzehn in der Länge. Der Wandbehang erzählt vom Verbergen, aber auch vom Offenbaren des Verbergens. Er ist Ding und Bild, und er öffnet sich nicht, läßt nur hier und da ein Rechteck frei, hineinzukriechen, hinauszuspähen. Lang und schwer und tief hängt er nudelnd, weizengrießgelb und stellenweise rotsoßend vor der Fensterfront. Nichts mehr mit Renaissance und Bild als Fenster.

Es ist angerichtet. Auf geht's! Hinein ins Wollene! Das Teppichfadendickicht wartet - es wärmt und schützt. Vermutet der eine oder andere nur Quatsch mit Soße, so locken im seriellen Fadenwald doch sogleich semantische Verdichtungen: Teller voller Spaghetti. Wie sie, so ist auch diese Kunst kultiviert aufzunehmen nur als vielfach verdrehte Sache.

Heimspiele sind oft die schwersten

Nah ist, aber schwer zu fassen die Kunst. Zumindest jene der Rosemarie Trockel, derzeit im Kölner Museum Ludwig, das der Künstlerin, die seit Jahren in Köln lebt, eine weitgefächerte Werkschau widmet. Heimspiele sind oft die schwersten, auch wenn dieses am Ende souverän gewonnen wird - gerade weil die Sache selbst, die Kunst Rosemarie Trockels, in der Summe sperriger und verwirrender erscheint, als man vermuten durfte. Was zu der wenig beruhigenden Einsicht führt, daß all die Strickbilder, Installationen, Collagen, Buchprojekte, Videos, Zeichnungen und Objekte eben nicht so ohne weiteres in jene Schubfächer passen, in die sie für gewöhnlich einsortiert werden.

Rosemarie Trockel ist nicht zu fassen. Das hat Methode, ist gewollt, gewünscht, zelebriert - und bleibt so auch aus etwas böser Absicht. Lieb sein? Nein, danke! Täuschen wir uns, oder deutet bereits der Titel der Schau - „Post-Menopause“ - fein ironisch eine Distanzierung von der Etikettierung dieser Kunst als einer zuallererst und vor allem „weiblichen“ an? Post-Menopause, das klingt wie Post-Moderne. Also: ein Spiel mit Zitaten, eine befreite Vielfalt? So wäre die Kunst nach der Menopause eine jenseits einer alleinigen Fixierung auf Gender und Geschlechterbeziehungen, aber auch eine Kunst, die ihre Fruchtbarkeit hinter sich weiß, die nicht Neues mehr gebiert, sondern sich bewußt ans Gegebene hält.

Spielerischer und listenreicher

Nicht daß der aus der Opposition von männlich und weiblich sprudelnde Hauptstrom des Werks damit zum Versiegen gebracht wäre, nicht daß Trockel gegen die eigene Vergangenheit aufbegehren würde. Nein. Alles ist noch da. Doch mischt sie in Köln die eigenen Verstrickungen neu und signalisiert, daß der Umgang mit dem Begehren in all seiner sozio-kulturellen und geschlechterspezifischen Bedingtheit sich durchaus spielerischer und listenreicher inszenieren und wahrnehmen läßt.

Was also zeigt die Ausstellung? Und, wichtiger noch, wie zeigt sie es? Im ersten Raum bilden Gestelle an der Wand, die an Setzkästen oder Warenregale erinnern, ein internes, mehrfach codiertes System von Verweisen. Irgendwie stehen all die Objekte, die diesen Fundus bilden, für sich; irgendwie hängen sie aber auch zusammen. Ding, Bild, Wort, Vorstellung - alles lockt den Betrachter, setzt ihn auf eine Fährte. Ist das etwas von Claes Oldenburg? Ist da nicht Radermachers Rettungsring? Sind das Eier, wie Broodthaers sie gemacht hat? Oder handelt es sich um einen neodadaistischen Dingwitz über den Eisprung? Extremitäten a la Gober? Ein wenig Reliquie muß sein. Ist das Ganze also ein Spiel mit Kunst und über Kunst, die aus Kunst entsteht? Handelt es sich um nichts als Maskeraden? Um eigenwillige Sprachspiele voller Widersprüche? „Wer weiß der schwatzt“, heißt ein seltsam Ding.

Ein Ding und ein Bild

Ein Herd ist ein Herd ist ein Herd ist ein Herd. Eine Herdplatte ist aber auch ein Plattenteller. Viele verteilt im Geviert auf der Wand sind ein Ding und ein Bild, das nicht wärmt, auch wenn die Kochplatten angeschlossen sind. So untergräbt diese Kunst andauernd jegliche Gewißheit. Legt Spuren und wirft den Betrachter doch auf seine eigene Wahrnehmung und seine Vorstellungen zurück. Zugleich aber sind all diese Objekte unverkennbar Werke der Rosemarie Trockel. Im zweiten Saal dann die Phalanx der Strickbilder in Petersburger Hängung oder wie in frühen fürstlichen Kabinetten. Bunnys und Wollsiegel, Streifen und Karos, Hammer, Sichel und Hahnentritt, Fleck und Hase-Enten-Kopf - alle wirken sie zusammen, bis zwischen Raster und Ornament die Ähnlichkeiten schwinden.

Zwar benennt Trockel traditionelle Vorstellungen der Oppositionen von männlich und weiblich, von Unikat und Reproduktion, freier und angewandter Kunst, von Mensch und Tier, Kultur und Natur, doch agiert sie mehr in den Lücken zwischen den Gegensätzen, als diese zuzuspitzen. Was etwas ist, ob es so oder anders gesehen werden kann, dies oder jenes bedeutet - nichts davon wird vorgegeben.

Was der Reißverschluß bedeutet

Vielmehr sind „Opposition und Schwesterfelder“ wie in Marcel Duchamps Abhandlung über seltene Bauernendspiele beim Schach „versöhnt“. Das heißt, Gewinn oder Remis, Verstehen oder Nichtverstehen, mögliche Assoziationen oder deren Ausschluß sind nur möglich, weil Dinge und Kontexte lediglich in bestimmten Konstellationen in fixe Opposition zueinander treten. Das klingt komplizierter, als es ist. Es beschreibt das künstlerische Verfahren Trockels aber angemessener als der Begriff der „Dekonstruktion“, der zu dessen Charakterisierung immer wieder herangezogen wird, das Idiosynkratische ihrer Strategien freilich verdeckt. An einem banalen Objekt wie einem Reißverschluß, wie er auf einer Mixed-Media-Collage „Ohne Titel“ von 2005 erscheint, läßt sich die Vielschichtigkeit nachvollziehen, die dem Betrachter zu schaffen macht.

Ein Reißverschluß ist in sich seriell, besteht er doch aus der Wiederholung des immer gleichen Elements. Ein Reißverschluß ist ein industriell und massenhaft hergestelltes Objekt, verweist also auf die Konditionen einer veränderten Produktionsweise, wie sie die Künstlerin beispielsweise in den maschinell hergestellten Strickbildern einsetzt und reflektiert. Darüber hinaus erinnert der praktische Knopfersatz an die Tätigkeit des Nähens als weibliche Tätigkeit. Überdies markiert er eine Grenze zwischen innen und außen, die bei Bedarf durchlässig ist. Ähnliches gilt, betrachtet man den Reißverschluß als ein Ding, das ebenso trennt wie verbindet. Und kunsthistorisch spielt der Verschluß, der öffnen kann, auf die in der Wahrnehmung nicht fixierbaren „Zips“ der Gemälde Barnett Newmans an.

Frech und unerschrocken

So agiert Trockel beständig zwischen Faden und Masche. Sie liebt die Motte, nicht die Strickmeisterin. Sinn und Bedeutung werden permanent verschoben. Von Masche zu Masche, also von Lücke zu Lücke. Überall ist „Komaland“, und „RAF“ bedeutet bei ihr eben (auch): „recycled Arnulf Rainer“. „What - If“ und „Could - Be“ läßt sie in zwei dunkle Sprechblasen auf sandfarbenem Wollgrund stricken. Und immer wieder Flecken, wie sie Herr Rorschach gern deuten ließ.

Frech und unerschrocken erkundet Loreley die Modernen Zeiten, legt Frau Wolle die Kunst aus. Und Freud schaut ihr zu, wie sie die freie Verschiebung der libidinösen Energien bewerkstelligt, mit denen wir die Objekte besetzen. Bis wir verstehen, daß Rosemarie Trockel zwischen Klischee und Trugbild, Serie und Metamorphose seltsame Liaisons stiftet - listig, aus Freude am Experiment, ironisch und kritisch. Einfach: wach, anschaulich, gut gesehen. Sie bedient eben keine Masche. Sie verstrickt den Betrachter ins Unbewußte der Kunst. Und dessen Wege sind nun mal verschlungen.

Museum Ludwig, Köln, bis 12.Februar. Der Katalog, Verlag der Buchhandlung Walther König, kostet 28 Euro.

Quelle: F.A.Z., 12.01.2006, Nr. 10 / Seite 35
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