„Ohne die Gefangenschaft wäre ich kein Künstler.“ Das ist das Credo von Ronald Searle, und ein erschreckenderer Satz ist kaum denkbar. Denn Searle ist der Inbegriff eines freien Künstlers - ein Zeichner, der keine Tabus kennt, der mit seiner Meinung nicht zurückhält, der das Leben liebt und die Menschen. Und all das soll aus der Gefangenschaft entstanden sein? „Ja, erst danach wusste ich, was ich wollte. Ich hatte mein Ziel gefunden.“
Sein Ziel war fortan nicht die Darstellung der Gefangenschaft, sondern die Vervollkommnung dessen, was ihm das Überleben ermöglicht hatte: des Zeichnens. Searle war nicht in irgendeiner Gefangenschaft, sondern für mehr als dreieinhalb Jahre in der Hand der Japaner. Als das damals britische Singapur im Februar 1942 fiel, gehörte zu seinen Verteidigern der einundzwanzigjährige Gefreite Ronald Searle aus Cambridge. Vor seiner Einberufung im Jahr 1939 hatte er noch seine ersten Karikaturen publiziert. Fast sieben Jahre verbrachte er dann jedoch in Uniform und die Hälfte davon in deren Fetzen.
Es gibt ein Selbstporträt aus dieser Gefangenschaft, das Searle als kranken, ausgemergelten Mann zeigt, der die Kleidung nur mit Mühe zusammenhalten kann. Mit rund dreihundert weiteren Skizzen konnte der Zeichner das Blatt irgendwie bis zur Befreiung im September 1945 retten. Das war möglich, weil die meisten japanischen Wächter sich aus Arroganz nicht für das Schicksal ihrer Häftlinge interessierten. Sollte der Brite doch seine letzte Lebensenergie ans Kritzeln verschwenden. Aber der Besitz solcher Zeichnungen, wie Searle sie anfertigte, realistischer Skizzen des Lagerlebens bis hin zu Folter und Mord, wäre bei Entdeckung lebensgefährlich gewesen. Manche dieser Zeugnisse versteckten andere Häftlinge für ihn; von nicht wenigen unter ihnen sind die Searleschen Zeichnungen das letzte Lebenszeichen. Denn diese Männer waren unter Bedingungen interniert, die für die meisten den Tod bedeuteten: stechende Sonne, tropische Feuchtigkeit, Krankheitserreger, Hunger und vor allem Zwangsarbeit. Searle selbst wurde 1943 als Arbeitssklave zum Bau der berüchtigten Burma-Eisenbahn in den Dschungel verschleppt. Als er nach Singapur zurückgebracht wurde, hatte er Malaria, war dem Tod mehrfach von der Schippe gesprungen und wog keine fünfundvierzig Kilo mehr.
Bilder für Trüffel
Heute ist Searle fast neunzig Jahre alt, eine lebende und noch immer aktive Legende der Kunstgeschichte, aber eine höchst zurückgezogene, die kaum je Gäste empfängt. Der Weg zu ihm ist Geheimsache: mit dem Flugzeug nach Nizza und von dort im Leihwagen nach einer handgezeichneten Wegskizze tief in die Provence hinein. In dem winzigen Dorf hoch auf einer Hügelkuppe wohnt Searle seit den siebziger Jahren. Hundertfünfzig Einwohner leben hier außer ihm und seiner Frau, und die einzige Ampel der Ortschaft regelt den Verkehr auf der Durchfahrtsstraße, die es niemals gestatten würde, zwei Autos hintereinander passieren zu lassen. An ihrer engsten Stelle führt eine kleine Pforte rechts in ein uraltes verwinkeltes Haus. Hier wohnen die Searles.
Doch erst einmal geht es durch den Ort, denn als Treffpunkt ist ein kleines Restaurant auf der anderen Seite ausgemacht. Einen Michelin-Stern hat es, und hier kompensiert Ronald Searle bei regelmäßigen mittäglichen Besuchen die Entbehrungen seiner jungen Jahre.
Es ist kurz vor zwölf, ein paar Minuten vor der Zeit unserer Verabredung. Der erste Blick des Besuchers fällt auf ein riesiges Gemälde von Bernard Buffet. Der Patron aber weiß, weshalb man hier ist, und führt zur Überbrückung der Wartezeit in den zweiten Raum, wo alle Wände voller Searle-Zeichnungen hängen: glückliche Schlemmer in barocken Dekors; martialische Wildschweine, die in die Gaststube einfallen und das Trüffel-Menü bestellen; feengleich agierende Köche bei der Arbeit. Diese Blätter, so lernen wir, sind jährliche Geschenke des Stammgastes, die mit jeweils fünfhundert Gramm Trüffel vergolten werden. „Wenn der Trüffelpreis weiter derart steigt“, wird Ronald Searle später scherzen, „macht der Chef bald ein schlechtes Geschäft.“
Kurz nach zwölf tritt mitten in der Provence ein englisches Ehepaar mit Umgangsformen wie aus dem Bilderbuch auf. Dem Besucher wird ein Platz am Tisch angeboten, von dem aus man den Buffet nicht sieht. „Leider“, sagt Ronald Searle und sieht dabei sehr ernst aus, „leben wir nicht mehr im achtzehnten Jahrhundert, als man solche Bilder einfach aus dem Rahmen geschnitten und entfernt hätte.“ Der alte Herr ist nicht nur in seinen Karikaturen, sondern auch privat kampfeslustig. Searle, von dem seit Jahren keine aktuellen Fotos mehr zu sehen waren, weil er das Dorf kaum noch verlässt, ist mittlerweile weißhaarig, aber in seiner Körperhaltung so diszipliniert, als wäre er immer noch Soldat. Seine Stimme ist seit einer Polypenoperation im vergangenen Jahr rauh, doch ihr Cambridge-Englisch macht das Zuhören zum reinen Vergnügen. Dieser Mann soll fast neunzig Jahre alt sein? Unvorstellbar.
Eine Mädchenschule namens St Trinian's
Noch überraschender ist die Begegnung mit Monica Searle. Sie ist der Grund für das abgeschiedene Leben in der Provence, denn Ronald Searle, der früher mehr als die Hälfte der Zeit als zeichnender Reporter mit seiner Frau unterwegs war, lässt sie auch nun, da sie nicht mehr reisen darf, nicht allein. Seit einem halben Jahrhundert sind die beiden zusammen. Vierzig Jahre davon standen im Zeichen von Monica Searles schwerer Krebserkrankung, bei deren Diagnose am Silvestertag des Jahres 1969 ihr eine Frist von nur drei Monaten gegeben wurde. Die Medizin jedoch vollbrachte Wunder, und die Patientin Monica wurde unter Ärzten berühmt und in Frankreich sogar zum Buchtitel. Aber um welchen Preis: Der ganze Körper ist vom Kobalt der Bestrahlungen vergiftet, und rund fünfzig Chemotherapien haben Folgen hinterlassen, die täglicher Behandlung bedürfen. Jeden Morgen um halb acht kommt eine Krankenschwester, um die nicht mehr heilenden offenen Wunden zu versorgen.
Aber wer Ronald Searle und seine unerschöpfliche künstlerische Energie verstehen will, der muss Monica Searle kennenlernen. Sie, die selbst bald fünfundachtzig Jahre alt wird, und ihr Mann wirken wie ein frischverliebtes Paar. Kleine Zärtlichkeiten werden ausgetauscht, in der Konversation ergänzen sich beide perfekt. Dass sie füreinander bestimmt waren, so Searle, zeige sich schon daran, dass beide Linkshänder seien - und der Zeichner ist ein extrem stolzer Linkshänder. Seine Frau allerdings hat sich kürzlich den linken Arm bei zwei Stürzen doppelt gebrochen, und die Knochen verheilen nach den aggressiven Krebsbehandlungen nicht mehr. Doch Monica Searle schreibt nun einfach mit rechts, wie man es ihr in der Berliner Schule ihrer Kindheit aufgezwungen hatte. Nur das Autofahren vermisst sie bitter - ein halbes Leben lang war sie die Chauffeurin ihres Mannes, der nie den Führerschein gemacht hat.
Frau Searle merkt man keinen der Schicksalsschläge an: Sie ist witzig, selbstironisch, faltenlos und parliert fließend in drei Sprachen: Englisch mit ihrem Mann, Französisch mit dem Personal, Deutsch mit dem Besucher. In Berlin verbrachte die gebürtige Engländerin von 1933 bis 1935 prägende Kinderjahre - mütterlicherseits stammt ihre Familie aus Deutschland. Dann reiste ihre Mutter aus Ekel vor den Nationalsozialisten mit der Tochter zurück nach London, und nach dem Krieg verliebte sich Monica in einen Mann, dem sie nach Paris folgte. Das ging nicht gut, aber in der französischen Hauptstadt etablierte sich Monica Koenig als Ausstatterin fürs Ballett. Ronald Searle lernte sie 1959 kennen, in einer Zeit, als der Zeichner jedes Jahr mehrere Wochen in Paris verbrachte, weil er für die Londoner Zeitschrift „Punch“ als Theaterzeichner tätig war. Zwei Jahre später sagte Searle der britischen Heimat und dem „Punch“ adieu und zog ganz nach Paris um.
Man muss auch die Geschichte dieses Abschieds kennen, um die Karriere eines der bedeutendsten Zeichner unserer Zeit zu verstehen. Eines Zeichners, der in seiner Themen- und Stilvielfalt mit Picasso vergleichbar ist - und genau wie dieser doch in jedem Bild erkennbar. Malen wollte er nie, Searle liebt das Zeichnen, und er beherrscht dabei von akademischem Porträt bis Abstraktion alles. Aber nur das wenigste davon kennen selbst seine Liebhaber. Nach der Rückkehr im Herbst 1945 aus der Kriegsgefangenschaft war der Zeichner rasch berühmt geworden: durch seine Bilder über die Lagerjahre, mehr noch aber durch eine Serie von Einzelzeichnungen, die ihm heute eher als Fluch denn als Lust erscheinen. Schon 1941 erwähnte einer von Searles Cartoons, die er auch als Soldat noch hatte publizieren können, eine Mädchenschule namens St Trinian's. Diese fiktive Institution machte er von 1946 an für sieben Jahre zum Gegenstand immer neuer zynischer Gags: Die Elevinnen benehmen sich reichlich ungeniert; sie zünden Gebäudetrakte an, bringen Waffen mit auf den Schulhof, agieren untereinander so bösartig, wie es nur denkbar ist, leiden aber auch unter der Knute gnadenloser Erzieherinnen, die ihren Schutzbefohlenen in Grausamkeit nicht nachstehen. Die britischen Leser waren entzückt über diese schwarze Pädagogik.
Sein Auge ist unbestechlich
Nur Searle fühlte sich durch die Erwartungen des Publikums so festgelegt, dass er die Serie 1953 dadurch beendete, dass er die ganze Schule durch einen Atomschlag ausradierte - seit Arthur Conan Doyle seinen Sherlock Holmes in die Reichenbach-Fälle stürzen ließ, war kein Versuch mehr unternommen worden, eine Erfolgsserie derart drastisch zu beenden. Und im Gegensatz zu Conan Doyle blieb Searle konsequent abstinent. Doch es half nichts, denn es wurden Filme nach den St-Trinian's-Vorlagen gedreht (bis heute sieben), und noch am vergangenen Wochenende titelte die Londoner „Times“ ihren Artikel zu Searles bevorstehendem Geburtstag mit „The grand old man of St Trinian's“. Diese Reduzierung auf einen winzigen Aspekt seines Schaffens, der kaum fünfzig Blätter umfasst, hat der Zeichner seiner Heimat nie verziehen.
Man kann den Mann verstehen. Sein Werk umfasst Zehntausende von Zeichnungen, bewegt sich in allen Genres und entstand für die illustreste Kundschaft: „Punch“ war die traditionsreichste englische Satirezeitschrift, in Amerika sicherten sich „Life“, der „New Yorker“, die „New York Times“ oder das Reportagemagazin „Holiday“ die Dienste von Searle, in Deutschland zeichnete er für den „Spiegel“, in Frankreich für „Le Monde“. Keine andere Karriere im Metier umfasst einen Zeitraum von mehr als siebzig Jahren, in denen Searle zudem stets auf der Höhe der Zeit war. Noch im Alter von fünfundsechzig wurde Searle 1985 Karikaturist für „Le Monde“ - auf der Grundlage einer Vereinbarung, dass er schicken könne, was er wolle, und die Zeitung ablehnen könne, was ihr nicht gefallen sollte. In insgesamt zwölf Jahren wurden dann nur zwei Vorschläge nicht gedruckt, aber nicht, weil die Zeichnungen abgelehnt worden wären, sondern weil das Zeitgeschehen sie überholt hatte. Das Karikaturenkonvolut für „Le Monde“ ist einer der eindrucksvollsten Werkblöcke in Searles Schaffen, weil darin eine bittere Weltsicht dokumentiert ist, die man dem Menschen selbst niemals anmerkt.
Doch sein Auge ist unbestechlich; tricksen tun allenfalls seine Finger. Die sechziger Jahre waren die große Zeit der Bildreportagen; vor allem „Life“ und „Holiday“ schickten Searle um die ganze Welt, von den Fidschi-Inseln bis nach Alaska, aus den österreichischen Flüchtlingslagern des Kalten Kriegs in die Jerusalemer Säle des Eichmann-Prozesses.
Bilderbuch einer Passion
Einmal führte ihn ein Auftrag in einem einzigen Monat durch ganz Kanada, jeden Tag an einen anderen Ort, wo Monica Searle in Andenkenläden die Postkartenvorräte begutachtete: Was sich gut verkaufte, musste wohl besichtigungswürdig sein. „Anders hätten wir das Riesenland nicht bewältigen können“, sagt Searle, „und wenn das Wetter zum Skizzieren vor dem Objekt zu schlecht war, zeichnete ich nachher im Hotel nach der Erinnerung, wie ich es in britischen Prozessen gelernt hatte. So ist die Hälfte meiner Bilder in gewisser Weise fiktiv, und seltsamerweise haben die Redakteure meistens diese Motive ausgewählt. Die Wahrheit hat ihnen seltener gefallen.“
Nach dem Essen geht es zum Haus der Searles, oder besser: in die vier Häuser, die sie nach und nach erworben und dann zum großen Wohnbereich rund um einen Innenhof ausgebaut haben. Und wie um den Beweis für das, was Ronald Searle im Lokal erzählt hat, anzutreten, holt Monica Searle ihre beiden Lieblingsbilder herbei. Eines ist 1965 in Casablanca entstanden: ein großformatiges Aquarell, das eine Menschentraube um einen Geschichtenerzähler am Strand in flüchtigen farbigen Schemen festhält, vor einem fahlen Himmel, dem man die Gischt anzusehen scheint, die das Meer aufwirbelt. „Das wollten sie damals nicht drucken, weil es zu viel Elend zeige“, bemerkt Searle. Bis heute ist das Bild unpubliziert geblieben.
Das zweite Bild ist ein Covermotiv für den „New Yorker“ von 1974, gezeichnet auf dem Höhepunkt der Krebserkrankung von Monica Searle. Einer der für Searle so typischen Kater blickt durch eine aufgerissene Papierwand auf ein Gartenidyll mit kleinem Häuschen, vor dem eine bezaubernde Katzendame steht und winkt. Ein Schelm, wer dabei an das Ehepaar selbst denkt. Sein Zeichnen hat nicht nur Ronald Searle im Krieg überleben lassen, sondern auch Monica Searle im Krankenhaus. Zu jeder neuen Chemotherapie malte Ronald ihr ein kleines Bild aus dem Leben der Maulwurfsfrau „Mô“, eines Alter egos von Monica, die im paradiesischen Ambiente des eigenen provenzalischen Hauses auftritt: Mô in den niedrigen Räumen unter den jahrhundertealten Balkendecken, Mô im Garten bei den Blumen und Mô auf den Dachterrassen, von denen man hinüberblicken kann bis zur entfernten Montagne Sainte-Victoire, jenem Bergzug, der den von Searle vergötterten Cézanne und Picasso zur Inspiration wurde. So wurde die Serie der Mô-Zeichnungen zum Bilderbuch einer Passion im doppeldeutigen Sinne. In einem kleinen Album sind die rund vier Dutzend Bilder heute gesammelt, und Monica Searle blättert es auf wie einen Fotoband: Hier steckt die Wahrheit ihres Lebens.
Das ist - neben ein paar gerade erst vollendeten Zeichnungen - alles, was von der jahrzehntelangen künstlerischen Produktion Ronald Searles in seinem Haus verblieben ist. Der gewaltige Rest liegt anderthalbtausend Kilometer weit weg in Hannover, im Wilhelm-Busch-Museum. Wie das? Nun, zunächst einmal schätzen die Searles Deutschland, Berlin ist ihnen nach Paris die zweitliebste Stadt in der Welt. Sie haben viele deutsche Freunde; an dem Tag, als Günter Guillaume als DDR-Spion entlarvt wurde, hätten sie mit dem Bundeskanzler Willy Brandt essen sollen. So saß am 24. April 1974 abends nur Rut Brandt mit am Tisch. In Bremen fand 1965 die erste Museumsausstellung von Searle statt, und direkt danach wanderte sie nach Hannover.
Eine herzliche stellvertretende Direktorin
Doch das Wilhelm-Busch-Museum hat auch von einer Enttäuschung profitiert: „In England hat niemand die Hand gehoben, als ich in ein Alter kam, in dem man über den Fortbestand des eigenen Werks nachdenken muss“, merkt Searle leicht bitter an. Nur seine in den fünfziger Jahren im „Punch“ erschienene, an das Vorbild von William Hogarth anknüpfende Bildergeschichtenserie „The Rake's Progress“ wurde von der Druck- und Zeichnungsabteilung des Britischen Museums angekauft. Überdies hat Searle sämtliche aus der Kriegszeit geretteten Zeichnungen dem Imperial War Museum in London geschenkt. Das ist aber auch schon der verschwindend kleine Teil des Werks, der in seiner Heimat aufbewahrt wird.
Searle ist kein reicher Mann; was immer er verdient hat, floss in sein Haus oder wieder in andere Kunst oder Bücher. Das erste französische Honorar von hundert Franc wurde sofort in eine Picasso-Graphik investiert, die heute noch im Wohnzimmer an der Wand hängt. Und Searle kaufte sich im Laufe der Jahre die größte private Kollektion an alten englischen Karikaturen zusammen: Drucke und Originale von Rowlandson, Cruikshank, Hogarth, um nur die Allerwichtigsten zu nennen.
Selbst vier Häuser sind zu klein für Searles durch die Kriegserfahrungen intensivierte Sammelsucht. Überall in der verwinkelten Wohnung stehen Bücher, hängen Bilder, liegen Objekte. „Fotografieren Sie das leere Regalbrett“, ruft Monica Searle vor einem geräumten Fach in einem der beiden Arbeitszimmer ihres Mannes, „schnell, sonst hat er es schon wieder gefüllt!“ Andererseits sind vier Häuser zu teuer für einen, der nur ein paar Jahre lang, beim „Punch“, ein festes Gehalt als Zeichner bezog. Also verkaufte Searle in den achtziger Jahren seine historische Karikaturensammlung samt der zugehörigen Spezialbibliothek nach Hannover, und wie man dort damit umging, begeisterte ihn ebenso wie die Tatsache, dass in Deutschland das Eigentum eines Museums im Regelfall nicht wieder veräußert werden kann. Das war die entscheidende Bedingung für weitere Verhandlungen mit dem Wilhelm-Busch-Museum.
Wenige Wochen vor dem Besuch bei den Searles hatte mich der Weg nach Hannover geführt. Gerade war dort die bislang letzte Sendung aus der Provence angekommen: ein Lastwagen voll mit Zeichnungen, Büchern und vor allem Archivmaterial, denn Searle bewahrt zu jeder Zeichnung seine Materialsammlungen auf, auch wenn er die drei bis vier verworfenen Varianten, die er pro Bild anfertigt, nach Wahl der endgültigen Version wieder vernichtet. Im Obergeschoss des Wilhelm-Busch-Museums ist in drei überbordend gefüllten Räumen ein ganzes Leben versammelt: Da stehen Searles Belegexemplare des „Punch“ fein säuberlich gebunden im Regal, seine Skizzenbücher sind da, die Entwürfe und Storyboards zu den Trickfilmen, unzählige Buch- und Zeitungsillustrationen im Original und als Ausschnittsammlung. Und dazu noch unausgepackte Kisten, die erst langsam ihre Schätze vor der stellvertretenden Direktorin Gisela Vetter-Liebenow preisgeben, der es zu verdanken ist, dass der Kontakt des Museums zu den Searles kaum herzlicher sein könnte.
Das sind Künstler
Gerade zieht sie eine große Mappe aus einem Stapel, mit sämtlichen Zeichnungen, die Searle 1961 beim Eichmann-Prozess gezeichnet hat. Es sind atemraubende Bilder des Angeklagten in seinem Glaskäfig zu sehen, schonungslose Porträts der Zeugen und Richter und Blicke in den Zuschauerraum, wo die Angehörigen der Opfer mit den Tränen ringen. Nur ein geringer Teil der Bilder ist je veröffentlicht worden. Der Searle-Vorlass in Hannover dürfte den größten Forschungsbestand zu einem einzelnen Illustrator in der ganzen Welt darstellen. Einen winzigen Einblick in diesen Reichtum bietet eine Ausstellung, die das Wilhelm-Busch-Museum von morgen an zur Feier des neunzigsten Geburtstags seines größten Förderers zeigen wird.
Ja, Förderer, denn der Hauptteil des Vorlasses wurde dem Museum von den Searles geschenkt. Immer noch bemüht sich das Hannoveraner Haus deshalb darum, Sponsoren für eine Leibrente zusammenzubekommen, um das Ehepaar abzusichern, das nun nicht mehr viel zu verkaufen hätte, wenn Ronald Searle jemals aufhören würde zu zeichnen. Vorstellen kann man es sich nicht, denn bei seiner Arbeit ist er ein glücklicher Mann. „Die Voraussetzung aller Kunst“, so wirft er plötzlich mitten im Gespräch ein, „ist eine gute technische Ausbildung. Wenn Sie die haben, sind Sie frei für alles, was Sie daraus machen. Und Freiheit, darauf kommt es an.“ So sagt es der Mann, der in der Gefangenschaft zum freien Künstler wurde. Und seine Frau ergänzt: „Was uns als Menschen auch widerfährt, müssen wir, wenn wir weiterleben wollen, zur Grundlage neuer Gedanken und Lebensfreude machen. Wie beklagenswert viele schaffen das nicht. Die, denen es gelingt, das sind Künstler.“