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Veröffentlicht: 03.03.2010, 21:00 Uhr

Ronald Searle Der freigezeichnete Gefangene

In einem kleinen Dorf der Provence lebt zurückgezogen eine Weltberühmtheit: der britische Zeichner Ronald Searle. Was trieb ihn, der heute neunzig Jahre alt wird, dorthin, und wieso wird sein riesiges Werk künftig in Deutschland aufbewahrt?

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„Ohne die Gefangenschaft wäre ich kein Künstler.“ Das ist das Credo von Ronald Searle, und ein erschreckenderer Satz ist kaum denkbar. Denn Searle ist der Inbegriff eines freien Künstlers - ein Zeichner, der keine Tabus kennt, der mit seiner Meinung nicht zurückhält, der das Leben liebt und die Menschen. Und all das soll aus der Gefangenschaft entstanden sein? „Ja, erst danach wusste ich, was ich wollte. Ich hatte mein Ziel gefunden.“

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Sein Ziel war fortan nicht die Darstellung der Gefangenschaft, sondern die Vervollkommnung dessen, was ihm das Überleben ermöglicht hatte: des Zeichnens. Searle war nicht in irgendeiner Gefangenschaft, sondern für mehr als dreieinhalb Jahre in der Hand der Japaner. Als das damals britische Singapur im Februar 1942 fiel, gehörte zu seinen Verteidigern der einundzwanzigjährige Gefreite Ronald Searle aus Cambridge. Vor seiner Einberufung im Jahr 1939 hatte er noch seine ersten Karikaturen publiziert. Fast sieben Jahre verbrachte er dann jedoch in Uniform und die Hälfte davon in deren Fetzen.

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Es gibt ein Selbstporträt aus dieser Gefangenschaft, das Searle als kranken, ausgemergelten Mann zeigt, der die Kleidung nur mit Mühe zusammenhalten kann. Mit rund dreihundert weiteren Skizzen konnte der Zeichner das Blatt irgendwie bis zur Befreiung im September 1945 retten. Das war möglich, weil die meisten japanischen Wächter sich aus Arroganz nicht für das Schicksal ihrer Häftlinge interessierten. Sollte der Brite doch seine letzte Lebensenergie ans Kritzeln verschwenden. Aber der Besitz solcher Zeichnungen, wie Searle sie anfertigte, realistischer Skizzen des Lagerlebens bis hin zu Folter und Mord, wäre bei Entdeckung lebensgefährlich gewesen. Manche dieser Zeugnisse versteckten andere Häftlinge für ihn; von nicht wenigen unter ihnen sind die Searleschen Zeichnungen das letzte Lebenszeichen. Denn diese Männer waren unter Bedingungen interniert, die für die meisten den Tod bedeuteten: stechende Sonne, tropische Feuchtigkeit, Krankheitserreger, Hunger und vor allem Zwangsarbeit. Searle selbst wurde 1943 als Arbeitssklave zum Bau der berüchtigten Burma-Eisenbahn in den Dschungel verschleppt. Als er nach Singapur zurückgebracht wurde, hatte er Malaria, war dem Tod mehrfach von der Schippe gesprungen und wog keine fünfundvierzig Kilo mehr.

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Heute ist Searle fast neunzig Jahre alt, eine lebende und noch immer aktive Legende der Kunstgeschichte, aber eine höchst zurückgezogene, die kaum je Gäste empfängt. Der Weg zu ihm ist Geheimsache: mit dem Flugzeug nach Nizza und von dort im Leihwagen nach einer handgezeichneten Wegskizze tief in die Provence hinein. In dem winzigen Dorf hoch auf einer Hügelkuppe wohnt Searle seit den siebziger Jahren. Hundertfünfzig Einwohner leben hier außer ihm und seiner Frau, und die einzige Ampel der Ortschaft regelt den Verkehr auf der Durchfahrtsstraße, die es niemals gestatten würde, zwei Autos hintereinander passieren zu lassen. An ihrer engsten Stelle führt eine kleine Pforte rechts in ein uraltes verwinkeltes Haus. Hier wohnen die Searles.

Doch erst einmal geht es durch den Ort, denn als Treffpunkt ist ein kleines Restaurant auf der anderen Seite ausgemacht. Einen Michelin-Stern hat es, und hier kompensiert Ronald Searle bei regelmäßigen mittäglichen Besuchen die Entbehrungen seiner jungen Jahre.

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