26.04.2006 · Der amerikanische Architekt Richard Meier hat für Rom ein neues Augustus-Museum gebaut - und erntet Polemik. Ein Bürgermeisterkandidat will den Bau gar von der Innenstadt an die Autobahn verbannen. Zu Unrecht.
Von Dirk Schümer, RomEin Monument des immerwährenden Friedens sollte die „Ara pacis“ des Augustus sein, als sie der römische Kaiser im Jahr 13 vor Christus einweihte. Der Untergang des Römischen Reiches ließ auch den Friedensaltar im Tiberschlamm versinken.
Heute, 2019 Jahre später bei der abermaligen Weihe des restaurierten Monuments, kann von Harmonie immer noch keine Rede sein. Der amerikanische Architekt Richard Meier ist mit seinem modernen Augustus-Museum mitten in die Polemik geraten: zuerst in die des italienischen, dann in die des stadtrömischen Wahlkampfes um den Bürgermeisterposten. Der rechte Kandidat Gianni Alemanno kündigte zur feierlichen Einweihung durch den Gegenkandidaten Walter Veltroni vorsorglich an, im Fall seines Sieges den prestigiösen Bau vom Ufer des Tibers an die römische Peripherie zu verbannen. Man kann nur hoffen, daß der Politiker scherzt oder hinterher wenigstens vor den Kosten zurückschreckt.
Noble Umhüllung
Denn Meier ist eine noble Umhüllung für den fragilen Riesenaltar der augustäischen Sippe gelungen: Klare Travertinscheiben - geschlagen aus demselben Steinbruch wie die Platten umliegender faschistischer Wohnbauten - grenzen das antike Kunstwerk gegen den Fluß ab, doch ermöglicht eine großzügige Verglasung den Blick von der Straße ins Museum und verankert den Altar zugleich im römischen Getümmel. Ein typischer Effekt für Meiers Architektur, genau wie er zuletzt auch beim Baden-Badener Burda-Museum den Bau mit dem umliegenden Grün förmlich verschmelzen ließ. Ein Spezialglas schützt den empfindlichen Marmor nicht nur vor den Gefahren von Smog und Witterung, sondern auch vor allzu starker Sonneneinstrahlung. Selbstverständlich wird den fragilen Friesen nun erstmals auch sommerliche Klimatisierung sowie eine stabile Fundamentierung gegen die Erschütterungen des Autoverkehrs zuteil.
All das war schon seit Jahrzehnten bitter nötig, bevor man sich 1995 zum Neubau entschloß. Anders als der benachbarte Rundbau des Augustus-Mausoleums gehört die Ara pacis überhaupt nicht in den Tiberknick, sondern eigentlich mitten in Roms Altstadt. Dort, am Campo Marzio, hatten Stichgrabungen bereits vor 1536, vor allem aber im Jahr 1566, Fragmente des Altars unter dem Palazzo Fiano-Almagia zutage gefördert. Bis ins neunzehnte Jahrhundert kamen nach und nach diverse Marmortafeln in Umlauf, eine landete im Louvre und verbleibt dort bis heute; zwei andere schmücken die Gartenseite der römischen Villa Medici, wohingegen weitere wichtige Teile aus den Uffizien von Florenz zurückbeordert wurden, als der Duce den Befehl für eine Rekonstruktion der Fragmente erteilte.
Versunken im Schlamm
Das war möglich geworden, weil man um 1900, mit voller Kraft aber erst 1937 den gesamten Altar samt Treppe aus dem Fundament des Palastes zutage förderte. Säkularer Schlamm im Schwemmland des Tibers hatte die Wahl des Aufstellungsortes - das sumpfige Marsfeld zur militärischen Ertüchtigung junger Römer - bitter bestraft: Der Altar zum Nachruhm des Gründungskaisers war von allein versunken. Indem die Archäologen mit flüssigem Stickstoff das Terrain schockgefroren, war es ihnen ohne Bodenabsenkungen überhaupt erst möglich, in einem Bravourakt der Grabungsgeschichte bis zu den massiven Fundamenten der Römerzeit vorzudringen, ohne das Haus darüber zu beschädigen. Dann mußte es zum zweitausendsten Geburtstag des Augustus und zum Ruhm Mussolinis ganz schnell gehen: Der junge Architekt Balio Morpurgo umhüllte in gerade einmal drei Monaten das geklammerte Wunderwerk mit einem Glaspavillon, der bereits im Zweiten Weltkrieg wieder Makulatur war, so daß der Marmor - außer von rauhen Sandsäcken - recht eigentlich nie korrekt beschützt wurde.
Das gläserne Augustus-Museum, das dann nach 1996 schleppend gebaut wurde und dessen pompöse Eröffnung sich noch im letzten Herbst als bloße Baustellenkosmetik erwies, war zu einer der dringendsten Notwendigkeiten der italienischen Denkmalpflege geworden. Darum ist es um so törichter, daß weite Teile der römischen Bürgerschaft - in vorderster Front die exfaschistische „Alleanza nazionale“ - den als Eindringling empfundenen Bau mit Zähnen und Klauen bekämpft und dabei eine Nostalgie für einen abgerissenen Tiberhafen ebenso nutzen wie die Ablehnung von Neubauten überhaupt.
Moderne Gebäude verpönt
„Rom hat viel alte Bausubstanz“, wie Robert Gernhardt treffend dichtete, und gerade darum sind in der Stadt moderne Gebäude wohl so verpönt. Da half es wenig, daß sich hier die Archäologen über neuartige Mikropfähle freuten, die den Schutt der Zeiten schonen. Ebensowenig wird gewürdigt, daß Meier bewußt zu den Rechtecken des faschistischen Bauens hinübergrüßt und das gesamte, leicht verkommene Areal durch den noch immer nicht fertigen Neubau stark aufwertet. Ein weiterer Trumpf des neuen Museums unter Sheddächern ist die lange Rampe, auf der man wie die einstige Prozession der kaiserlichen gens zum Opferstein schreitet und nebenbei auf Schautafeln noch Wissenswertes über Familiengeschichte und Baufragmente erfährt. Vielleicht hätte man die rekonstruierten Teile der strotzenden augustäischen Blumenfriese und die oft noch ungeklärten Zuschreibungen des dargestellten Politpersonals rund um den eher unscheinbaren Kaiser noch deutlicher herausarbeiten können, aber das bleiben Quisquilien.
Einstweilen ist das Untergeschoß Baustelle, noch steht ein geplantes Auditorium nur als Rohbau. Doch schon hat Sindaco Veltroni weit ehrgeizigere Pläne für ein ganzes Augustus-Areal parat: Eine Unterführung soll den brausenden Autoverkehr vom Tiberufer ins Erdreich verbannen und den Römern mit einer Terrasse das Erlebnis ihres Flusses wiederschenken. Gemeinsam mit einem endlich zugänglich gemachten Mausoleum nebenan, gemeinsam mit Meiers auch didaktisch hervorragend funktionierendem Ara-Pacis-Pavillon, gemeinsam mit der restaurierten Steininschrift des augustäischen Testaments, der „res gestae divi Augusti“ (1938 in die Schauwand gemeißelt) entstünde ein prominentes wie lehrreiches Ensemble mit Reminiszenzen vom ersten bis zum bislang letzten Alleinherrscher Roms. Die Stadt bekäme einen archäologischen Park der Extraklasse und der Altar des Augustus endlich seine verdiente pax romana. Oder die Kriegserklärung wird wahrgemacht, und ein neuer Bürgermeister verbannt den schönen Bau an die Autobahn. Aber dann spinnen sie wirklich, die Römer.