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Robert Mapplethorpe in Düsseldorf Der Wille zur nackten Form

06.02.2010 ·  Mehr als einmal sorgten die Fotografien des 1989 gestorbenen Robert Mapplethorpe für massiven Protest und handfeste Skandale. Nun rückt ihn die opulente Düsseldorfer Werkschau ins kühle Licht eines Klassikers und besticht mit einigen späten Selbstproträts.

Von Freddy Langer
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Mehr als einmal sorgten die Fotografien Robert Mapplethorpes für massiven Protest und handfeste Skandale. In Cincinnati wurde vor zehn Jahren eine Ausstellung geschlossen und der Direktor wegen Verbreitung pornographischen Materials angeklagt. In Washington verzichtete die Corcoran Gallery of Art aus Furcht, die staatlichen Mittel würden ihr gestrichen, daraufhin ganz auf eine geplante Schau. Und in London hängte wenig später die Hayward Gallery vorsichtshalber einige der Kinderfotos wieder ab.

In Düsseldorf, wo das NRW-Kulturforum jetzt in einer opulenten Schau hundertsechzig Arbeiten von Robert Mapplethorpe präsentiert, dürfte es kaum noch zu überraschenden Zwischenfällen kommen. Und das liegt nicht einmal an den Motiven, auch wenn hier auf die besonders radikalen Darstellungen sadomasochistischer Praktiken verzichtet wurde. Aber es fügen sich seine berühmten und einst provokanten Aufnahmen stattlicher männlicher Geschlechtswerkzeuge mittlerweile so nahtlos und unaufgeregt in das Œuvre aus Aktfotografien, Blumenstillleben und Porträts, dass man fast geneigt ist, Robert Mapplethorpe im Nachhinein zu glauben, dass er nie habe schockieren wollen. Er sei, hatte er sein kurzes Leben lang behauptet, einfach nur auf der Suche nach Perfektion – einerlei, um welches Motiv es sich handele.

Obsession für die polierte Oberfläche

Von dieser Suche berichtet die Ausstellung. Sie beginnt mit einer Fußnote, einigen Polaroidaufnahmen, mit denen Mapplethorpe im Anschluss an sein Kunststudium sein Motiv-Repertoire bereits vollständig abgesteckt hat. Fortan würde es nur noch um technische und kompositorische Verbesserungen gehen. Bei ihm hieß dies vor allem Reduktion. Dabei entfernte er sich von den Gegenständen wie von den Menschen umso mehr, je näher er ihnen rückte. Immer tiefer tauchte er mit der Kamera in Blütenkelche, und in immer engeren Ausschnitten tastete er die makellosen Körper vor allem männlicher schwarzer Athleten ab. Nach seinen Regieanweisungen verdrehten und verkrümmten sie den Leib in die Positionen von Plastiken der Renaissance, oder er rückte ihre glattrasierten Schädel ins Scheinwerferlicht, bis sie aussahen wie Marmorkugeln.

Selten hat so viel nacktes Fleisch so wenig erotische Signale ausgesandt. Am Ende, buchstäblich, konzentrierte sich Mapplethorpes Interesse fast nur noch auf polierte Oberflächen, und es ist nur folgerichtig, dass er begann, Skulpturen zu fotografieren. Da allerdings auch war er von der Krankheit Aids längst so sehr gezeichnet, dass ihm eine andere Arbeit im Atelier vielleicht gar nicht mehr möglich war. Nur einige Selbstporträts nahm er in den Monaten vor seinem Tod im März 1989 noch auf. In einem stellt er seinem ausgemergelten Gesicht den Knauf seines Stocks gegenüber – einen kleinen Totenschädel.

Das Hohelied der Kälte

Für das andere hat er im samtenen Morgenmantel auf einem Sessel Platz genommen wie auf einem Thron, von dem aus er durch die Kamera hindurchblickt, als schaue er noch einmal auf sein Leben zurück. Es sind die ergreifendsten Arbeiten der Düsseldorfer Ausstellung. Es sind die einzigen, die vom Leben erzählen. Die Schönheit hingegen, nach der Mapplethorpe strebte, fand er allein in künstlichen Arrangements im harten Licht des Studios. Es ist ein auf die Spitze getriebener Ästhetizismus und ein Hohelied der Kälte. Und es ist ebendies, was seinen Arbeiten heute noch eine Aktualität verleiht. Waren seine Bilder anfangs aggressive Nachrichten aus der finsteren Welt der homoerotischen Subkultur, illustriert das Werk heute einen Rückzug in die Leere.

Den strengen Formwillen des Klassizismus hat Mapplethorpe, so belegt die Schau, verlängert bis in den Minimalismus. Das ist keine ganz neue Erkenntnis. Aber es ist ein anderer Ansatz als der vergangener Ausstellungen, in denen man die Bilder vom Makel des Pornographischen befreite, indem man ihnen etwa in Florenz Michelangelos Skulpturen und in Berlin Zeichnungen des Manierismus zur Seite stellte. Mapplethorpe selbst hatte seine Aufnahmen einst pathetisch wie Altarbilder zusammengefügt und zelebriert. In Düsseldorf hängen nun in strenger Reihung selbst vergleichsweise kleine Abzüge in riesigen Rahmen, was den unbedingten Formwillen, dem jedes der Motive unterworfen ist, noch hervorhebt. Die Bilder macht das fast unirdisch schön. Aber es treibt ihnen auch den letzten Bezug zur Wirklichkeit aus. Und dann ist selbst das Foto, für das sich Mapplethorpe den Griff einer Bullenpeitsche in den Anus geschoben hat, einfach nur noch ein Bild.

Robert Mapplethorpe. NRW-Forum, Düsseldorf; bis 15. August. Zur Ausstellung ist im Schirmer/Mosel Verlag eine Sonderausgabe des „Black Book“ erschienen, sie kostet 29,80 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1957, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

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