30.03.2004 · Ein Meister der Kunst im Zeitalter ihrer handwerklichen Reproduzierbarkeit: Zwei Riemenschneider-Ausstellungen in Würzburg entwerfen ein Panorama der Religiosität um 1500.
Von Thomas WagnerTilman Riemenschneider ist ein Meister geschmeidiger Wiederholung. Streng in der Gesamtanlage und eng an eine eigens entwickelte Typologie der Figuren angelehnt, schafft er das kleine Wunder, jede Gestalt, so entrückt sie auch wirken mag, ganz und gar individuell dem Betrachter verbunden erscheinen zu lassen. So wird man auch heute noch auf wundersame Weise von den hölzernen Figuren des "fürsichtigen ersamen meysters" angezogen.
In Werken wie dem "Johannes der Täufer" aus dem Schrein des Hochaltars der Pfarrkirche in Haßfurt erscheint die Spannung zwischen Entrückheit und Vertrautheit so fein austariert, die Komposition, von den Füßen über die Röhrenfalten des Gewands bis zu dem vom Kopf des Lamms auf den des Heiligen umgelenkten Bewegungsimpuls, derart vollkommen, daß die Botschaft des Heiligen, der zu Umkehr und Buße aufruft, niemals abstrakt verkündet wird. Wie in stummer Zwiesprache gilt sie jedem einzelnen.
Ein Panorama der Religiosität
"Der Eindruck seiner Formenwelt", schreibt Wilhelm Pinder 1929, "muß verblüffend gewesen sein, selten haben größere Meister eine solche individuenvernichtende Wirkung für eine ganze Provinz gehabt, wie dieser zarte Tyrann für die unterfränkische . . . Ganz offenbar ist eine ganze Landschaft unter den Bann dieses Meisters gekommen". Damit der Bann erneuert und auf andere Weltgegenden ausgedehnt werde, widmen sich - aus Anlaß des tausenddreihundertjährigen Jubiläums der Stadt - gegenwärtig gleich zwei Ausstellungen in Würzburg dem Werk Tilman Riemenschneiders.
Das Mainfränkische Museum auf der Feste Marienberg zeigt in einer wissenschaftlich vorbildlich aufbereiteten, in neun Einheiten gegliederten Schau "Werke seiner Blütezeit". Um Fragen nach der Unterscheidbarkeit von Meister- und Gesellenarbeiten, um die Handhabung verschiedener Materialien, den Unterschied zwischen farbig gefaßten und holzsichtigen Bildwerken anschaulich erörtern zu können, wurde der achtzig Objekte umfassende eigene Bestand durch fünfzig Leihgaben ergänzt. Das Museum am Dom sucht zugleich die Werke der Hauptschaffensperiode mittels selten gezeigter Arbeiten aus umliegenden Gemeinden zu ergänzen und unter dem Titel "Werke seiner Glaubenswelt" ein Panorama der Religiosität der Zeit um 1500 zu entwerfen.
Eine Phase stürmischen Wachstums
Bis in die siebziger Jahre des fünfzehnten Jahrhunderts war Würzburg eine recht friedliche Stadt. Die Lage an wichtigen Nord-Süd-Verbindungen und dem in ost-westlicher Richtung verlaufenden Main war vorteilhaft. Gleichwohl fühlten sich Tilman Riemenschneider und die Bürger, für die er arbeitete, in einer Zwickmühle zwischen dem Regiment des Fürstbischofs und dem latent revolutionären Aufruhr der Bauern. Bestimmte kirchliche Kreise erschienen obendrein hoffärtig und dekadent. So beklagte der energische Reformbischof Rudolf von Scherenberg im Jahr 1494, daß der adlige obere Klerus spitze Schuhe, geschlitzte Hosen und modische Haartracht trage.
Mag die Behauptung, der desolate Zustand der kirchlichen Pastoralpraxis sei einer der Auslöser der Reformation gewesen, auch, wie es im Katalog heißt, nur eine "deutsch-protestantische schwarze Schreibtischlegende" sein, die Zeiten waren alles andere als ruhig. Die auf der Stadt lastende finanzielle Schuld machte es Scherenberg, dessen Grabmal Riemenschneider später schuf, schwer, das größte Übel, die von Steuereintreibern erzwungenen Abgaben, zu mildern. Um Abhilfe zu schaffen, setzte der Bischof auf Expansion und Zuwanderung, wetteiferte mit Frankfurt. Die süddeutschen Bildhauer der Zeit lebten also in straff organisierten Reichsstädten, die trotz aller Lasten ökonomisch eine Phase stürmischen Wachstums erlebten, von der weniger die Habenichtse als die Reichen profitierten.
Kein Außenseiter der Gesellschaft
Tilman Riemenschneider, um 1460 in Heiligenstadt in Thüringen geboren, kam vermutlich über Ulm, wo er einen wesentlichen Teil seiner Ausbildung - möglicherweise in der Werkstatt Michel Erharts - absolvierte, nach Würzburg. Er hatte schnell Erfolg: 1485 erwarb er Bürgerrecht und Meisterwürde, schloß nacheinander mehrere vorteilhafte Ehen und brachte es nach langjähriger Mitgliedschaft im Rat der Stadt 1520 sogar für eine Amtsperiode zum Bürgermeister.
Seine politische Karriere zerbrach schließlich am Bauernkrieg von 1525. Riemenschneider war somit alles andere als ein Außenseiter der Gesellschaft: Als erfolgreicher Unternehmer und Politiker wirkte er in einer Stadt, die Mittelpunkt einer mächtigen Diözese war, von der aus sich das nördliche Franken bestens mit Schnitzwerken beliefern ließ.
Zwischen Formbarkeit und Zerbrechlichkeit
In unsicheren, von einem Verfall der Sitten bedrohten Zeiten wächst die Sorge um das Seelenheil und der Wunsch nach Gewißheit. Das Leben im fünfzehnten Jahrhundert war aufs Innigste von Religiosität durchdrungen, das Heilige beständig und unlösbar mit dem alltäglichen Leben verbunden. Nach der Menschwerdung Gottes und unter dem neuen Bund war dessen Darstellung nicht nur erlaubt, von einem seelsorgerischen Standpunkt aus sogar ausdrücklich erwünscht, um der Unwissenheit der einfachen Leute, der Trägheit des Gefühls, und der Unbeständigkeit des Gedächtnisses entgegenzuwirken.
Erschien die Gestalt Gottes einst in unendliche Ferne entrückt, so wurde alles Heilige nun bis in Einzelheiten hinein bildlich gestaltet. Was man ausdrücken wollte, faßte man in ein Bild. Und die Bildschnitzer spielten mit ihrem Material, dem relativ teuren Holz der "zahmen", großblättrigen Linde, um zu erfaßen, "warzu es taugt", um die im Holz angelegten Kräfte und Qualitäten im Hinblick auf das Spannungsverhältnis zwischen Formbarkeit und Zerbrechlichkeit zu nutzen. Im Gegensatz zu Holz war Stein - die Ausstellung im Mainfränkischen Museum demonstriert dies anschaulich - ein verhältnismäßig unkompliziertes, homogenes Material, das keinen Schwankungen oder Schrumpfungen unterliegt.
Feinheit und Präzision der Details
Riemenschneider war einer der ersten, der - als Alternative, nicht als Ersatz - farbig ungefaßte Werke schuf. Dabei zeigen seine Skulpturen nicht das blanke Holz; um es zu schützen und eine einheitliche Wirkung zu erzielen, wurden braungetönte Lasuren verwendet. Der entscheidende Unterschied gegenüber den farbigen Werken - in der Ausstellung wird das an der Gruppe "Maria Kleophas und Alphäus" sowie anhand von Fragmenten einer Heiligen Sippe nachvollziehbar gemacht - liegt in der Feinheit und Präzision, mit der nun Details herausgearbeitet werden.
Solange die Bildwerke mit Kreidegrund überzogen wurden, hatte es dazu keinen Anlaß gegeben. Um die Wirkung der monochromen Figuren zu steigern, gestaltet Riemenschneider Gewänder und Falten jetzt besonders geschmeidig, läßt Kanten deutlicher hervortreten, formuliert Genähtes oder Gesticktes durch kurze Schnitte mit Stechbeitel oder Hohleisen.
Wie Bonbons in einem Schaufenster
Auch wenn man sich kaum eine bessere Einführung in das spätmittelalterliche Werk Riemenschneiders vorstellen kann, so erliegt man doch auch im Mainfränkischen Museum dem Irrglauben, historisch präzise Ausstellungen könnten heutzutage nicht ohne einen Beitrag zeitgenössischer Kunst auskommen. Deshalb fügt man dem Parcours eine Fotoausstellung mit "Visuellen Reflexionen zu Tilman Riemenschneider" an, die schlicht überflüssig ist. Vollends aber verfehlt die richtige Absicht, Riemenschneider als religiösen Bildhauer seiner Zeit zu begreifen, die Präsentation im Museum am Dom. Denn statt Riemenschneider in den historischen Kontext einzubetten, werden seine Werke hier - der Grundkonzeption des Hauses folgend - zu Einsprengseln innerhalb eines Sammelsuriums bis in die Gegenwart reichender christlicher Motivreihen degradiert.
Wenn Skulpturen und Reliefs dann auch noch auf lachsfarbenen Sockeln und hinterfangen von Tafeln im selben Farbton präsentiert werden, so fragt man sich, weshalb gerade die Kirche Figuren aus ihrem kultischen Zusammenhang reißen und wie Bonbons in einem Schaufenster anpreisen muß. Zu Riemenschneider innerhalb seiner Glaubenswelt paßt dies jedenfalls nicht. Und so verliert sich, trotz hervorragender Werke, die Spur des Bildschnitzers im falsch verstandenen Geist einer modischen und biederen Didaktik des Glaubens.
Nicht einsam Schaffender, sondern Meister
War Riemenschneider in Bezug zu seinen Hauptquellen auch ein Eklektiker, der sich niederländischer und oberrheinischer Vorbilder bediente, die er vermutlich von Stichen Martin Schongauers oder des Meisters "E.S." kannte, so waren seine Werke hinsichtlich ihrer Wirkung doch stets eigenständig. Um das Singuläre seines Schaffens und anzuerkennen, muß man den "Werkstattleiter" indes nicht schmähen. Wie schon Baxandall bemerkte, hat Riemenschneider "eine wahre ,Skulpturen-Fabrik' aufgebaut".
Hier wurde in Holz, Marmor, Sandstein und Alabaster gearbeitet, Modelle für Goldschmiedearbeiten hergestellt und spezialisierte Handwerker beschäftigt. Nicht als einsam Schaffender, wie das neunzehnte Jahrhundert glaubte, sondern als Meister im Zeitalter handwerklicher Reproduzierbarkeit hält Riemenschneider die Balance zwischen emotionaler Beteilung und Bildergläubigkeit. Wir sehen Heilige, aber auch ihr Bild.