19.09.2007 · Wie David Chipperfield das Neue Museum in Berlin umbaut, kann sich die Öffentlichkeit am Wochenende genau anschauen. Doch die Öffnung der Baustelle, so dringlich sie erscheint, um die unruhige Neugier zu befriedigen, ist nicht ohne Risiken.
Von Heinrich WefingKaum ist das vom Publikum bestürmte Bode-Museum (siehe auch: Bode-Museum: Einblicke in ein unvergleichliches Haus) ein wenig zur Ruhe gekommen, da zelebrieren die Staatlichen Museen zu Berlin schon den nächsten Baufortschritt. Am Freitag wird mit Schmaus und Schnaps Richtfest im Neuen Museum gefeiert, das von 2009 an die ägyptischen und frühgeschichtlichen Sammlungen zeigen wird. Drei Tage lang, von Samstag bis Montag, darf dann auch die Öffentlichkeit zum ersten Mal seit Jahren sehen, was aus der Kriegsruine von Friedrich August Stülers fragilem Haus zwischen Lustgarten und Pergamonmuseum geworden ist. Wie kein zweites auf der Insel hat dieser Bau die Emotionen entzündet.
Wütenden Streit gab es um das Sanierungskonzept des Londoner Architekten David Chipperfield, der sich für eine Erhaltung der Substanz und ihre behutsame Ergänzung in zeitgenössischen Formen entschieden hat, die Nacherfindung des Verlorenen jedoch strikt ablehnt. Dagegen wirbt schon seit Jahren eine Gruppe von Traditions-Fundamentalisten für eine detailgetreue Rekonstruktion des 1859 vollendeten spätklassizistischen Bauwerks, inklusive aller Schmuckdetails und Wandgemälde. Im Frühjahr wurde gar ein Volksbegehren für eine Unterbrechung der Arbeiten in Gang gesetzt, eine Initiative, von der seither nicht mehr viel zu hören war. Doch das könnte sich ändern. Denn die Öffnung der Baustelle, so dringlich sie erscheint, um die Neugier der Öffentlichkeit zu befriedigen, ist nicht ohne Risiken.
Wo ist es Perfektionsverzicht, wo Baustelle?
Die Berliner und ihre Gäste werden unvermeidlicherweise einen unfertigen Bau zu sehen bekommen, ein work in progress. Die Fassaden sind noch weithin verhängt, die Wiederaufrichtung der Kolonnaden hat gerade erst begonnen, im Innern verdecken Gerüste und Planen den fein kalkulierten Lichteinfall und versperren wichtige Sichtachsen. Durchgänge sind blockiert, Säulen noch verkleidet, von den Decken baumeln Kabel, und das Finish, das für Chipperfields Architektur so wichtig ist, lässt sich allenfalls ahnen.
Natürlich gehört solcherlei Provisorisches zu jeder Baustelle, aber im Innern des Neuen Museums könnte das Unvollendete mehr als nur Verwirrung stiften. Allein dem kundigen Auge nämlich erschließt sich, wo die Restauratoren bewusst auf Perfektion verzichtet haben und wo sie einfach noch nicht fertig sind mit ihrer Arbeit. Rätselnd betrachtet man immer wieder Wandflächen, Deckengewölbe oder Türlaibungen und fragt sich: Werden diese Risse, Scharten, Fehlstellen auch bei der Wiedereinweihung des Neuen Museums in zwei Jahren zu sehen sein? Werden sie unter Putz und Farbe verschwinden? Oder werden sie nur abgemildert, aber lesbar bleiben? Just diese subtile Verunsicherung führt ins Zentrum von Chipperfields intellektueller Anstrengung - und in das Herz der Kontroversen.
Ein Museum der Baugeschichte des Neuen Museums
Ganz wie es der herrschenden Denkmalpflege-Lehre entspricht und in jedem italienischen Palazzo praktiziert wird, haben Chipperfield und seine Bauherren von den Staatlichen Museen das, was Bomben und jahrzehntelanger Verfall von Stülers Bau übriggelassen haben, für unantastbar erklärt. Diese Reste werden mit der gleichen Sorgfalt, ja Ehrfurcht behandelt wie die Trümmer eines antiken Tempels. „Ruinen-Fetischismus“ hat man Chipperfield deshalb vorgeworfen.
Das ist ein absurder Gedanke. Aber es ist schon richtig, dass Chipperfield den historischen Bestand höher schätzt als Bilder des Historischen: Was beschädigt ist, bleibt schadhaft, was verloren ist, bleibt verloren und wird durch Neues ersetzt. Statt nun aber, wie es etwa Norman Foster im Reichstag gemacht hat, das Alte vom Neuen durch eine Fuge zu trennen, die geradezu aufdringlich das Nebeneinander von Bestand und Ergänzung betont, arbeitet Chipperfield mit wechselnden Strategien. Es gibt, je nach Befund, fließende Übergänge und graduelle Annäherungen ebenso wie harte Kontraste. So entsteht nicht nur ein neues Haus für Nofretete und den Berliner Grünen Kopf, sondern auch ein Museum der Baugeschichte des Neuen Museums.
Einige der Schöpfungen versprechen Grandioses
Noch hat der Gang durch dieses Haus etwas Verwirrendes. Unser Blick, daran gewöhnt, auch in historischen Bauten ein homogenes Ganzes präsentiert zu bekommen, wird immerfort irritiert. Es gibt Säle, die derart gut erhalten waren, dass allenfalls Farbschattierungen in den Deckenausmalungen an Verletzungen erinnern. In anderen Sälen stehen noch die originalen Säulen, aber sie tragen keine gewölbten Kappendecken mehr, sondern flache Betonfertigteile.
Dort, wo Totalverluste zu beklagen waren, sind ganze Raumfluchten neu entstanden, die nur in Höhe und Durchfensterung noch dem historischen Bestand folgen, im Übrigen aber völlig frei entwickelt wurden. Einige dieser Schöpfungen versprechen Grandioses - eine neue, über quadratischem Grundriss absatzlos aufgemauerte Ziegelkuppel über der südöstlichen Gebäudeecke etwa, die in eine kreisrunde Laterne aus Milchglasscheiben ausläuft. Oder der nördliche der beiden Museumshöfe, der Ägyptische Hof, in den Chipperfield zehn überlange, scharfkantige Betonpfeiler gestellt hat, die nicht nur ein raffiniert-einfaches Glasdach tragen, sondern auch ein ringsum verglastes Podium für ausgewählte Exponate.
Wie eine norditalienische Predigtscheune
Ausgerechnet für den Kern des Gebäudes jedoch, für die Treppenhalle, um die am erbittertsten gestritten wurde, haben Chipperfield und seine Bauherren eine fast konfrontative Gestaltung gewählt, die jede Illusion von Heilung verweigert. Aus Stülers lieblichem, aufwendig dekoriertem Stiegenhaus ist ein karger, beinahe archaischer Raum geworden, einer norditalienischen Predigtscheune nicht unähnlich. Die schrundigen Ziegelwände, einst unter Putz und Kaulbachs Gemäldezyklen verschwunden, stehen nackt im Raum, mit allen Rissen und Narben. Darüber lastet ein gewaltiger offener Dachstuhl aus dunklem Holz. Und in diese physisch immens präsente Hülle hat Chipperfield eine hellgraue Treppenskulptur gewuchtet, gefügt aus wenigen riesigen, unglaublich präzise verarbeiteten Betontafeln. Es ist ein überwältigendes, verstörendes Werk, das an den Emotionen reißt.
Chipperfield hat, keine Frage, vieles richtig gemacht. Und doch steht das Urteil noch aus, ob sich die Fragmente am Ende zu einem Ganzen fügen werden, ob das konzeptionell Richtige auch ästhetisch zu überzeugen vermag. Noch ist eine Antwort nicht möglich, ein Scheitern ebenso denkbar wie ein Triumph. Chipperfield lässt sich davon nicht beirren. Gelassen bittet er, man möge doch der Architektur nicht gar so viel Beachtung schenken, sie sei nicht das Wichtigste im Neuen Museum. Sie werde wie von selbst in den Hintergrund treten, wenn erst die Kunst zurückgekehrt sei. Aus dem Mund eines Architekten ist das ein überraschendes Wort. Nennen wir es vorerst ein Versprechen.
Traditions-Fundamentalisten?
Claus Vahrenberg (CVahr)
- 19.09.2007, 16:35 Uhr
Das gute sehen
Hans Zimmer (uniter)
- 19.09.2007, 17:03 Uhr