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Richard Serra zum Siebzigsten : Ich will euch kein Bildnis machen

Wenn ihr ein Monument sucht, blickt euch um: Die Aufstellung seiner Werke im öffentlichen Raum war regelmäßig von Protesten begleitet. Dabei ist das Material des Stahlbildhauers der öffentliche Raum selbst: Richard Serra zum Siebzigsten.

          Als dem Bildhauer Richard Serra 1985 in New York der Prozess gemacht wurde, trat ein Richter als Hauptbelastungszeuge auf. Ein Schiedsgericht der „General Services Administration“, der für die Kunst am Bau zuständigen Beschaffungsbehörde der Vereinigten Staaten, verhandelte darüber, ob der „Tilted Arc“, den Serra 1981 auf der Federal Plaza in Manhattan aufgestellt hatte, entfernt werden sollte. In den Bürogebäuden an diesem Platz sind die New Yorker Filialen mehrerer Bundesbehörden sowie Gerichte des Bundes und des Staates New York untergebracht. Der „Gekippte Bogen“, eine 36,6 Meter lange und 3,66 Meter hohe, geschwungene und sich sacht in Richtung der Behördengebäude neigende Stahlplatte, teilte den Platz.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Eine der für die Sicherheit der Gebäude zuständigen Beamtinnen sagte zum „security angle“ aus, dem Sicherheitsaspekt oder wörtlich übersetzt dem Sicherheitswinkel. Ihre These, die Skulptur sei ein Sicherheitsrisiko, belegte sie mit den Maßen des Werkes, wobei sie so genau auf die Position der Platte im Verhältnis zu den Gebäuden einging, wie der Künstler diese bestimmt hatte. Der Neigungswinkel „der Wand, pardon: des ,Tilted Arc'“, sei geeignet, die Wucht der Explosion einer am Fuß der Wand angebrachten Bombe auf die Gebäude der Behörden zu lenken.

          Die Aufstellung von Werken Richard Serras im öffentlichen Raum war regelmäßig von Protesten begleitet, auch in Deutschland, wo sich der Künstler einer besonderen Resonanz erfreut. In Bochum machte die CDU „Terminal“, die nach der documenta 6 1977 erworbene Skulptur aus vier hoch aufschießenden Stahlplatten vor dem Hauptbahnhof, zum Thema einer Plakatkampagne. Als auf dem Campus der Universität des Saarlandes 1992 die siebzehn Meter hohe Stahlskulptur „Torque“ („Drehmoment“) installiert wurde, kam es zu Studentenprotesten. Paradoxerweise gaben die Studenten ihrer Ablehnung des Geschenks von Bund, Land und Sponsoren dadurch Ausdruck, dass sie es in Besitz nahmen und als Schwarzes Brett benutzten. Neben provokativ phantasielosen Inschriften wie dem Ein-Wort-Rechnungshofgutachten „Verschwendung“ fand sich ein Graffito, dessen Kreativität man kongenial nennen muss: „Hurz“.

          Eine stärkere Bombe

          Dem Verdacht, bei Serras Werk handle es sich um Kunst um der Kunst willen, die ihre Akzeptanz durch eine Gestik der einschüchternden Hässlichkeit erpresse, gab der Anonymus durch ein Zitat der Aktion von Hape Kerkeling Ausdruck, in der ein Sänger beim Vortrag eines zeitgenössischen Kunstliedes immer wieder in „Hurz!“ ausbricht und das Publikum dazu bringt, die Sache jedesmal noch ernster zu nehmen, weil es von moderner Musik nichts anderes erwartet als einen Bruch mit den Hörerwartungen.

          Auch der „Tilted Arc“ war mit Schmierereien bedeckt worden, die die Sicherheitsexpertin allegorisch lesen wollte, als chiffrierte Bombendrohungen: „Die meisten Leute drücken ihre gegen uns gerichteten Meinungen entweder durch Gewalt aus oder durch Graffiti.“ Gegen den Beschluss des Schiedsgerichts, die Skulptur beseitigen zu lassen, erhob der Künstler Klage vor den ordentlichen Gerichten - ohne Erfolg. In der Literatur zu Serra werden die Protokolle des Verfahrens als Dokumente eines hegemonialen Banausentums skandalisiert. Die Anlieger waren schließlich Beamte, die für die Allgemeinheit arbeiteten und von der öffentlichen Hand alimentiert wurden; von ihnen musste Solidarität im avantgardistischen Denken gefordert werden oder wenigstens ein Abstrahieren vom privaten Geschmack. Von heute aus gesehen fällt es allerdings schwer, die von der Sicherheitsbeauftragten vorgetragenen Bedenken als panisches Ressentiment einer Obrigkeit auf der Hut vor der kritischen Öffentlichkeit zu klassifizieren. „Natürlich müsste man eine stärkere Bombe verwenden, als bislang vorgekommen ist, um genug zu zerstören; aber es ist möglich, und seit einiger Zeit rechnen wir im Bereich der Bundesgewalt mit dem Schlimmsten.“ Im Rückblick wird man diese Gefahrenanalyse nicht mehr unrealistisch nennen können.

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