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Richard Hamilton : Die wiedergefundene Kunst

  • -Aktualisiert am

Richard Hamilton ist denen, die ihm das Etikett „Vater der Pop-art“ ankleben und sein Werk dadurch einschnüren wollten, wieder und wieder entwischt. In Köln ist ihm nun eine wunderbar dichte Retrospektive gewidmet.

          Ende der siebziger Jahre. Richard Hamilton und Dieter Roth unterhalten sich über ihre "Collaborations". Was siehst du? fragt der eine. Nun, wir sehen eine Menge Mist, meint der andere. Bist du sicher, daß es Mist ist? Ich bin keinesfalls sicher, aber es könnte doch sein, daß es guten und schlechten Mist gibt. Zu gern würde ich wissen, warum der eine Mist besser ist als der andere. So reden Künstler. Gelegentlich. Denn Kunst ist damit beschäftigt, was man sieht und was von dem Gesehenen zu halten ist. Dabei gibt es nicht nur "guten Mist" und "schlechten Mist" zu entdecken. Man muß auch herausfinden, warum der eine Mist besser ist als der andere.

          Richard Hamilton, dem das Kölner Museum Ludwig mit rund zweihundert Werken eine wunderbar dichte, von ihm selbst eingerichtete Retrospektive widmet - die er listig "Introspektive" nennt -, hat inmitten einer von Medien geprägten und von Werbung veredelten Konsumenten-Welt stets versucht auszumisten. Er tut es noch immer, heiter und präzise, nicht weil er glaubt, der Künstler sei eine ästhetische Müllsortieranlage, sondern um einen "Augenblick der Erleuchtung" in Form zu bringen. Das Wirkliche jenseits seiner medialen Vermitteltheit treibt ihn weniger um. Vielmehr versucht er, akribisch und genau wie ein Forscher, die Wahrheit und Gültigkeit des Bildes inmitten seiner Zerstreuung und Trivialisierung wiederzufinden. Das klingt antiquiert, ist aber ungemein aktuell.

          Kein Interesse an Oberflächen

          Der allzuleicht bezaubernde Glanz der Oberflächen hat Hamilton nie interessiert. Statt die Haut über den Bildern noch straffer zu spannen, reißt er sie auf. Gerade weil die Lebenswelt übervoll, alles in Bewegung, aber nichts entschieden ist, bevorzugt er die ästhetische Distanz und widmet sich der Komplexität des Wahrnehmungsaktes. Nur so ist er einer eindimensionalen Rezeption, die ihm das Etikett "Vater der Pop-art" anklebte und sein Werk dadurch einzuschnüren drohte, wieder und wieder entwischt.

          "Wenn", schreibt er 1961, "der Künstler nicht einen Großteil seiner Antriebskraft verlieren soll, wird er wohl die Populärkultur plündern müssen, um die Bilderwelt wiederzuerlangen, die sein rechtmäßiges Erbe ist." Schon bevor er das notierte, hat er einem Mann auf die grobgerasterte Stirn geschrieben: "Think, think, think." Darunter weist ein Pfeil mit dem Wort "Look!" aufs Auge, "Smell!" zielt auf die Nase, "Listen!" auf das Ohr und "Feel!" auf die Wange. Aus dem Mund kommt eine Sprechblase, gefüllt mit nichts als Fragezeichen. Wahrnehmen und Denken, darauf vor allem kommt es an.

          Weicher Boden

          Das programmatische Bild hängt am Eingang zum "Spaß-Haus", einer Passage, die Hamilton 1956 für die legendäre Ausstellung "This is tomorrow" in der Londoner Whitechapel Art Gallery gebaut hat. In ihrem Innern werden alle Sinne angesprochen. Bevor man hinaus - in die Zukunft - tritt, wird sogar der Boden weich. Dazu rockt die Music-Box. Außerhalb des Initiationstunnels hat Hamilton in einer furiosen Collage das Material präsentiert, das es zu verarbeiten gilt. Hier schlägt die kapitalistische Volkskultur Kapriolen: Moses hält die Gesetzestafeln hoch, Marilyn lächelt, es werden allerlei Filmküsse verteilt, und ein riesiger Roboter, der aus einer Reklame für den Science-fiction-Streifen "Forbidden Planet" (Alarm im Weltall) stammt, trägt ein schönes Mädchen auf den mechanischen Armen davon.

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