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Restitutionsstreit: Klees „Sumpflegende“ : Schritte in die richtige Richtung

Im Streit um die Rückgabe von Paul Klees Gemälde „Sumpflegende“ zeichnet sich eine Einigung ab. Das von den Nationalsozialisten enteignete Werk wird wohl weiterhin im Münchner Lenbachhaus bleiben können.

          Die seit mehr als zwei Jahrzehnten währende Auseinandersetzung um Paul Klees Gemälde „Sumpflegende“ aus dem Jahr 1919, das zum Bestand des Münchner Lenbachhauses gehört, ging vor einigen Tagen in eine weitere Runde. Es fand eine Güteverhandlung statt, für die das Landgericht München Ende vergangenen Jahrs die Weichen gestellt hatte.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Die Vorgeschichte des Ölbilds auf Karton ist bekannt: Es gehörte Sophie Lissitzky-Küppers, der Frau des Malers El Lissitzky, die es 1926, zusammen mit anderen Kunstwerken aus ihrem Eigentum, als Leihgabe dem Provinzialmuseum Hannover übergab, als sie Lissitzky in die Sowjetunion folgte. Nachdem die Nationalsozialisten die „Sumpflegende“ 1937 im Museum beschlagnahmten, wurde sie in der Ausstellung „Entartete Kunst“ in München gezeigt, 1938 noch einmal in Düsseldorf. Im März 1941 veräußerte Hitlers Regime das Ölbild an den Hamburger Kunsthändler Hildebrand Gurlitt für 500 Franken. Im Herbst 1962 tauchte es wieder auf und wurde bei Lempertz in Köln versteigert; 1982 erwarb es dann das Lenbachhaus für 650.000 Mark von der Galerie Rosengart in Luzern, durchaus in Kenntnis dieser Historie.

          Eine erste Klage auf Herausgabe seitens Jen Lissitzkys, des Sohns der Eigentümerin, war beim Landgericht München 1992 mit der Begründung der Verjährung abgewiesen worden. Einer abermaligen Klage der Erben auf Restitution vor dem Hintergrund wieder aufgefundener Dokumente wurde allerdings Ende 2012 stattgegeben; die Gegenseite, also die Stadt München, verzichtete auf Rechtsmittel dagegen. Vor allem regte das Gericht Verhandlungen zwischen den Parteien an mit dem Ziel, das Bild für das Lenbachhaus zu erhalten.

          Seit dem jüngsten Gütetermin nun steht eine Lösung deutlich im Raum. Zwar erklärte die Richterin, dass in dem Fall das deutsche Bürgerliche Gesetzbuch anzuwenden sei, dem zufolge ein „hoheitlicher Akt“ zur Enteignung Sophie Lissitzky-Küppers’ geführt habe, der nicht durch seine Unrechtmäßigkeit nichtig werde. Das bedeutet zugleich, dass nach dieser Auffassung die international anerkannte „Washingtoner Erklärung“ von 1998 darüber, dass Raubkunst aus öffentlichen Sammlungen zurückzugeben ist, nicht greifen kann. Die Richterin räumte der Stadt München eine Zweidrittelchance auf die Abwehr der Klage der Erbengemeinschaft ein. Aber sie forderte auch beide Parteien zu einer fairen und gerechten Lösung des Problems auf.

          Vermächtnis eines Unrechtsstaats

          Diese gütliche Einigung ist unbedingt auch von Klägerseite gewollt, deren Anwälte inzwischen allerdings in einem Schreiben an die Stadt München auch feststellen, dass die Herausgabe der „Sumpflegende“ aus dem Museum in Hannover aufgrund eines „Schreibens des Führers“, einer Anordnung Hitlers vom 30. Juni 1937, erfolgte und damit nicht den anerkannten Rechtsprinzipien entspreche. Eines der Argumente lautet weiter, dass die formale gesetzliche Grundlage für die „Sicherstellung“ und Entziehung, also entschädigungslose Enteignung, erst ein Jahr später mit dem „Einziehungsgesetz“ der Nationalsozialisten vom 31. Mai 1938 geschaffen worden sei.

          All dies gehört zum Vermächtnis eines Unrechtsstaats, dessen Rechtsnachfolger das heutige Deutschland ist. Es geht um dessen bitteres Erbe, das in jedem Einzelfall zu betrachten ist. Und es geht - das macht der Fall der „Sumpflegende“ paradigmatisch klar - um ein tiefes Dilemma, um die mögliche Kluft nämlich zwischen Recht, das gilt, und moralischer Verpflichtung, die nicht geleugnet werden darf. Inzwischen gibt es aber starke Hoffnung, dass es nicht zu weiteren juristischen Auseinandersetzungen kommen wird.

          Ausgleich mit den Erben

          Aktuell steht für den 8. Mai die Wiedereröffnung des Lenbachhauses nach umfassender Renovierung an: Mit oder ohne die „Sumpflegende“, das war lange Zeit nicht so klar wie die Tatsache, dass das Bild auf jeden Fall für das Museum erhalten werden solle. Auf Anfrage dieser Zeitung erklärte nun ein Sprecher des Münchner Oberbürgermeisters Christian Ude, dass das Bild erst nach einer Einigung zwischen der Stadt und den Klägern aufgehängt werde: Das ist ein gutes versöhnliches Zeichen, adressiert an die Gegenseite.

          Er bestätigte außerdem, dass derzeit sowohl der Kulturstaatsminister Bernd Neumann (die Bundesrepublik ist Rechtsnachfolgerin des nationalsozialistischen Staats) als auch die Kulturstiftung der Länder aktiv in die Überlegungen involviert sind, bei denen es um einen gerechten finanziellen Ausgleich für die Erben von Sophie Lissitzky-Küppers geht. Auf eine Summe wollte er sich nicht festlegen. Vermutlich wird ein Vergleich jedenfalls deutlich oberhalb der halben Million Euro liegen, die der Stadt München zunächst vorschwebte, aber auch deutlich unterhalb der Schätzung von bis zu 3,5 Millionen Euro, die Christie’s und Sotheby’s abgaben.

          Bis zum 17. Mai hatte die Richterin Zeit für eine Einigung eingeräumt. Vielleicht gelingt diese ja schon früher, und das erneuerte Lenbachhaus kann feiern - mit Paul Klees Schicksalsbild in seinen Reihen.

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