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Restitution von Raubkunst Aus der Sammlung eines Vogelfreien

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz einigt sich mit den Erben des Kunsthistorikers Curt Claser. Der 1933 von den Nazis verjagte Direktor der Berliner Kunstbibliothek trennte sich damals auch von Teilen seiner Kunstsammlung.

© Berliner Kupferstichkabinett Vergrößern Faire Rückgabe: Edvard Munchs berühmtes Blatt „Junge Frau am Strand (Die Einsame)“ von 1896

Schon 2008 kam Michael Eissenhauer, der Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin, zu einer klaren Einschätzung: „Dieser Fall ist eindeutig: Mit der Versteigerung seiner Bibliothek, seiner Wohnungseinrichtung sowie Teilen seiner Kunstsammlung finanzierte er seine Flucht und die seiner Frau.“ Trotzdem dauerte es noch einmal fast vier Jahre, bis man daraus konkrete Konsequenzen ziehen konnte. Nun hat die Stiftung Preußischer Kulturbesitz eine Vereinbarung mit den Erben des Berliner Arztes, Kunsthistorikers und Sammlers Curt Glaser unterzeichnet, der zufolge vier Werke an die Familie restituiert werden und fünf weitere „nicht zuletzt zur Erinnerung an den ehemaligen Direktor und bedeutenden Wissenschaftler Prof. Dr. Curt Glaser“, so der Text, in den Berliner Museen bleiben.

Das Kupferstichkabinett übergibt an die Erben die kostbaren Edvard-Munch-Graphiken „Junge Frau am Strand“, „Gebet eines alten Mannes“ und „Der Tod und die Frau“ sowie Ernst Ludwig Kirchners Holzschnitt „Bauernunterhaltung“. In Berlin bleiben dafür fünf andere Blätter von Munch und Kirchner. Von einer „fairen und gerechten Lösung“, wie sie die Washingtoner Erklärung zur Raubkunst von 1998 fordert, sprechen beide Seiten.

Glaser verteidigte die Expressionisten

Aus seiner desolaten Situation machte Curt Glaser kein Geheimnis. „Ich musste meine Wohnung aufgeben, ich habe mein Amt verloren“, schrieb er am 19.Mai 1933 an seinen Freund, den Maler Edvard Munch: „Da ich es sinnlos fand, jetzt eine neue große Wohnung zu mieten, habe ich mich von all meinem alten Besitz frei gemacht, um irgend einmal wieder ganz neu anzufangen.“ Unmittelbar nach ihrer Machtübernahme im Januar 1933 hatten die Nationalsozialisten den dreiundfünfzig Jahre alten Glaser als Direktor der Berliner Kunstbibliothek zwangsweise beurlaubt und aus seiner Dienstwohnung geworfen. Er war zwar 1911 zum Protestantismus konvertiert, galt den neuen Machthabern aber nach wie vor als Jude, der sich für den als „Systemkunst“ verhassten Expressionismus eingesetzt hatte.

Glaser, dessen erste Ehefrau ein halbes Jahr zuvor gestorben war, ahnte, dass er vor dem Nichts stand: „Wir Alle, die wir nicht auf dem sogenannten ‚nationalen‘ Boden stehen, das heißt nicht Nazis sind“, notierte Harry Graf Kessler damals in sein Tagebuch, „sind von jetzt an vogelfrei.“ Glaser entschied sich für die Emigration und wusste, dass er große Teile seiner Bibliothek, seines Hausstandes und seiner Kunstsammlung nicht würde mitnehmen können. Außerdem kostete die Flucht ins sichere Ausland Geld. Als „nichtarischer“ gekündigter und zwangspensionierter Angestellter erhielt Glaser zwar zunächst noch eine geringe Pension, die aber wurde auf ein Sperrkonto gezahlt. Er entschied sich deshalb für eine Auktion.

Ein Lebenswerk unter dem Hammer

Rund 4660 Bücher aus Glasers privater Kunstbibliothek, das komplette Mobiliar seines Wohn-, Schlaf-, Ankleide- und Speisezimmers aus der Prinz-Albrecht-Straße kamen am 9.Mai 1933, einen Tag vor der Bücherverbrennung, bei der Firma „Internationales Kunst- und Auktionshaus GmbH“ in Berlin unter den Hammer. Munchs Gemälde „Tanzende Sommernacht“, heute in einer norwegischen Privatsammlung, fand sich damals zwischen Porzellan und Beistelltischen katalogisiert. Zehn Tage später folgten im Berliner Auktionshaus Max Perl Bücher, Handzeichnungen, Plastik, japanische Holzschnitte, Kunstgewerbe und - so der Katalog „Gemälde und Graphik des 16.- 20.Jahrhunderts“ - „darunter eine Munch-Sammlung“. Auf einer der Auktionen ersteigerte das Berliner Kupferstichkabinett sechs Graphiken von Munch. Fünf Blätter von Kirchner, von denen heute noch drei vorhanden sind, bekam es unmittelbar danach von einem unbekannten Stifter geschenkt. Glaser emigrierte mit seiner zweiten, ebenfalls jüdischen Ehefrau im Juni 1933 über Frankreich in die Schweiz, Italien und 1941 über Kuba in die Vereinigten Staaten. Beruflich gelang es ihm nicht mehr, an seine Karriere in Deutschland anzuknüpfen. Im November 1943 starb er in Lake Placid, New York.

Glasers Notlage anerkannt

Mit der Restitution an die Erben erkennt die Stiftung Preußischer Kulturbesitz Glasers Notlage offiziell an. Berlin ist nicht die erste Stadt, Hannover beschloss schon 2007, Lovis Corinths Gemälde „Römische Campagna“ aus der ersten Glaser-Auktion zurückzugeben, und 2010 restituierte der niederländische Staat eine „Winterlandschaft“ von Willem van de Velded.J.; London und Basel hingegen versperren sich bisher bei Glaser-Werken einer Restitution. Auch das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg war bisher nicht bereit dazu, obwohl Recherchen in seinem Archiv Korrespondenz aus dem Jahr 1933 zutage gefördert haben, aus der hervorgeht, dass selbst die damaligen Akteure die auf der Auktion bezahlten Preise als „spottbillig“ einstuften.

Und im Kunsthaus Zürich konnte noch keine Lösung zu Munchs Gemälde „Musik auf der Karl-Johann-Straße“ gefunden werden: Im Dezember 1940 hatte Glaser das berühmte Bild dem Museum anbieten müssen, um die Ausreise nach Kuba zu finanzieren: für 15000 Franken - schon damals, so vermerken die Unterlagen, die „Hälfte des heute für das Bild anzusetzenden Marktpreises“.

Quelle: F.A.Z.

 
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