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Restaurierte Romanik in Frankfurt Zur Zierde und Splendeur der Stadt

 ·  Wie alle Großstädte baut sich Frankfurt ohne Rücksicht auf Verluste zum Dienstleistungs-Mekka um. Mit der Restaurierung des romanischen Saalhofs liefert man nun aber ein Meisterwerk der Denkmalpflege.

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© Helmut Fricke „Tief ist der Brunnen der Vergangenheit“: Was Thomas Manns „Joseph-Tetralogie“ beschreibt, lässt nun Frankfurts restaurierter gotischer Rententurm erleben.

Wie viel Magie eine alte Mauer ausstrahlt. Zum Beispiel die an Frankfurts „Schöner Aussicht“ hoch über dem Main: ockerfarbene, von Hand gesetzte Bruchsteine, dicht an dicht. Dazwischen roter Mainsandstein, schwarzer Basalt. Am oberen Rand ragen drei abgerundete Quader nach vorn; Auflager für Balken. Wie helles Geäder sprenkelt kristalliner Mörtel die Steinlagen - Farbenspiele wie von Alten Meistern oder heutigen Modisten.

Was berührt mehr? Die Kunst, mit der hier vor Jahrhunderten Maurermeister zu Werke gingen? Die Beharrlichkeit, mit der das Gemäuer Kanonen, Bomben und Presslufthämmern standgehalten hat? Die Aura von Geschichte? Lange wird die Wand - die Brandmauer des Hauses, in dem der Philosoph Arthur Schopenhauer lebte - nicht mehr zu sehen sein. Wie 2011 der Hausstumpf mit dem Fenster des Schopenhauerschen Arbeitszimmers wird auch sie nun dem Neubau eines Hotels geopfert; zurzeit baut man die Tiefgarage, deren Beton bereits die hier aufgefundenen Reste der gotischen Stadtbefestigung unter sich begraben hat.

Der ewige Vorreiter beim Abriss

So wie 2011 kein Appell, das Schopenhauer-Fenster in die Hotelfassade einzubeziehen, fruchtete, wird nun jede Anregung, die Brandmauer zum Blickfang des künftigen Foyers zu machen, auf taube Ohren stoßen: Gegen den stumpfen Pragmatismus profit- und praxisorientierten Bauens und den Druck des aktuellen „Städterankings“ kommt nichts an.

Mit Ausnahme einiger Investoren, denen die Zugkraft historischer Gemäuer ins Auge sticht, bewahren derzeit nur noch engagierte Privatleute oder Stiftungen alte Bauten - und Kommunen, wenn sie per Gesetz dazu verpflichtet sind. Selbst Frankfurt, der ewige Vorreiter beim Abriss, besinnt sich zuweilen seiner Sorgfaltspflicht. So geschehen beim Um- und Neubau des Historischen Museums, dessen erste Etappe, die Sanierung der Altbauten, kürzlich mit deren Wiedereröffnung zu Ende ging.

Malerische Neoromanik

Dutzende Nutzungswechsel haben die Baugruppe am Mainufer zum faszinierenden Konglomerat der Generationen und Stile geformt: Blickfang ist der „Rententurm“ von 1454, ein stämmiger Vierkant mit Eckquadern und steilem Spitzhelm, an dem verschieferte Sechseck-Erker sitzen. Den ehemaligen Hauptturm der mainseitigen Stadtmauer umfasst das „Bernus-Palais“, ein 1715 zur „Zierde und Splendeur der Stadt“, wie seine Bauherren sagten, errichteter Patriziersitz. Vor seiner mit einem Volutengiebel prunkenden Westseite steht eine zierliche rotsandsteinerne Zollstation von 1840 mit Zinnen, Basaltbögen und einem auf steinerne Fratzen gestützten Erker, der beim Abbruch des nahen gotischen Fahrtors geborgen wurde; Mittelalter, inszeniert mit der Nostalgie der Spätromantik.

Parallel zum Main ragt triumphal die Schauseite des Bernusbaus; drei Geschosse mit dreizehn üppig skulptierten Fensterachsen und zwei weiteren Giebeln. Es folgt der Burnitzbau von 1842 mit einem geböschten Sockel aus dunklem Basalt, darüber in Lichtgrau drei Geschosse mit Bogenfenstern, zwischen ihnen schlanke Pilaster, darüber reihen sich Rundfenster, gekrönt von einem opulenten Würfelfries und mauresken Zinnen.

Warum der Architekt Rudolf Burnitz diese malerische Neoromanik wählte, wird klar, wenn man die L-fömig abknickenden Nachbarbauten betrachtet, bestehend aus der 1200 erbauten Stauferkapelle, die als halbrunder Turm mit vorspringender Altarnische aus der Ostwand eines vierkantigen Wohnturms hervortritt, dem ein zweigeschossiger Palas mit Schieferdach und schmalen romanischen Bogenfenstern folgt. Turm, Kapelle und Palas, seit dem Spätmittelalter als „Saalhof“ bezeichnet, sind Reste der Kaiserpfalz, die hier über dem Main thronte.

„Bauen im Bestand“

Wie durch ein Wunder den Bomben entgangen, sind die drei romanischen Bauten das Kernstück des Museums - und dessen, was der Krieg und der brachiale Wiederaufbau von Frankfurts berühmter Altstadt übrig ließen. Schonend ist man nach 1945 nicht mit diesem Erbe umgegangen: Zunächst notdürftig geflickte Behelfsunterkunft, wurde das Ensemble 1969, als der (nun wegen seines Brutalismus beseitigte) Betonneubau des Museums entstand, teilrekonstruiert. Benebelt vom Askese-Ideal der Spätmoderne, schuf man nüchtern-leblose 1:1-Modelle, die Alter und Würde der Gebäude allenfalls ahnen ließen; das gilt auch für den Bernus- und den Burnitzbau, die Fassadenhüllen für ein Betonlabyrinth aus Schausälen und Werkstätten bildeten.

Wer die Baugruppe jetzt betritt, dem verschlägt es den Atem: Das (vorläufige) Foyer in der Zollstation, optisch weit, obwohl auf engem Raum, öffnet sich zum neuen Treppenhaus, das wie eine dynamische kantige Raumskulptur in einem römisch roten Passepartout aufwärts drängt. Es ersetzt die 1944 verbrannte barocke Treppe und ist, wie die gesamte neue Innenarchitektur, ein Entwurf des Architekten Norbert Diezinger. Er kommt aus Eichstätt, jener alten Bischofsstadt, die Karl Josef Schattner als Diözesanbaumeister von 1983 an zur Inkunabel des „Bauens im Bestand“ gemacht hat, eines extrem kontrastreichen, immer aber bestechend schönen Miteinanders historischer und zeitgenössischer Architektur.

Eine Stadt unter der Stadt

Wie Schattner hat Diezinger nun in Frankfurt Alt und Neu ohne Bedeutungsverluste für beide vereint. Mehr noch: Er hat Frankfurts Vergangenheit auferstehen lassen. Kronzeuge ist der Rententurm. Auch hier ist eine verschollene Treppe zurückgekehrt. 1454 in einem schmalen Anbau als Wendeltreppe angefügt, irgendwann vermauert, nach 1945 teilweise abgerissen, ist sie nun freigelegt und ergänzt. Zum ersten Mal seit Jahrhunderten kann man den Turm besteigen; der Blick über den Main bis hin zum neuen Gigantenturm der EZB ist atemberaubend. Die Turmstuben zeigen - drastischer als bei David Chipperfields 2010 als epochal gefeiertem Wiederaufbau des Berliner Neuen Museums - Jahrhundertschichten; Bruchstein, Mainsandstein, mittelalterliche und neue Ziegel, Wandnischen, Schießscharten, dazu Stahl, Klinker und Beton; verzahnt wie für ewig.

Der Turm steht bis zum Knie in Aufschüttungen: Um fünf Meter stieg das Bodenniveau, als 1840 aus dem alten Flusshafen eine breite Uferstraße mit Bahnlinie wurde. Das Verwundern, mit dem man den untersten Turmraum betritt, wird atemloses Staunen beim Blick in eine angrenzende zweischiffige Halle. Gedrungene, aus mächtigen Quadern aufgemauerte Vierkantpfeiler tragen breite Bögen mit enorm gedehnten Kreuzgratgewölben. Hier lagerten jahrhundertelang die Säcke und Ballen, Kisten und Truhen des Handelshauses; nie hätte man im ausgeschabten, ewig sich wandelnden Frankfurt einen so gewaltigen historischen Raum erwartet.

Solche unerschütterlichen Gewölbehallen bildeten als eine Art „Stadt unter der Stadt“ ehemals das wahre Fundament des Messezentrums Frankfurt. Sie trugen selbst noch die Trümmerberge der zerbombten Altstadt. Erst die Sprengladungen des Wiederaufbaus beseitigten sie. Nun, da man sich an den Gedanken gewöhnt hatte, dass diese Herrlichkeit pulverisiert sei, taucht die Bernushalle auf, letzter Zeuge einer wie Vineta versunkenen Kaufmannsstadt.

Das Juwel der Baugruppe

Unwiederbringlich verloren ist dagegen der barocke Innenbau. Doch die neuen Räume des Bernus-Palais haben wenigstens die einstige lichterfüllte Weite zurückgebracht. Dasselbe gilt für den Burnitzbau, der nun sogar weitläufiger als 1842 - er diente als Kontorhaus - sein dürfte. Eine Kostbarkeit hat dort den Krieg und die Rosskur von 1969 überdauert: Die klassizistische, mit eleganten Schnitzereien und arabesken Gittern geschmückte Wendeltreppe des zylindrischen Treppenturms, den Burnitz in die Ostwand des staufischen Wohnturms hatte stemmen lassen - auch das 19. Jahrhundert war nicht zimperlich, wenn es galt, Altbauten gewinnbringend zu verwerten.

Der staufische Wohnturm ist ein weiteres Wunder der Restaurierung: Diezinger hat seine überwältigenden, von Burnitz zerschlagenen Dimensionen mit schlanken Pfeilerfolgen nachgezeichnet. Den einstigen Wänden folgend, zitieren sie wie ein verklingendes Echo die fast sechs Meter hohe romanische Erdgeschosshalle. An deren Ostseite öffnet sich wie eine lockende Schlupfpforte in die Vergangenheit ein schmaler Gewölbegang, der Turm und Palas seit mehr als achthundert Jahren mit der Stauferkapelle verbindet. Mit den sensibel aufgearbeiteten Knospenkapitellen ihrer acht anmutigen Säulen und dem sechs Meter hohen Bandrippengewölbe ist sie das Juwel der Baugruppe; man fühlt sich wie in einer Seitenkapelle des Mainzer oder Speyerer Doms.

Der Atem der Geschichte

Dass der Saalhof einmal so kaiserlich wie diese Dome und wahrlich „des Reiches Saal“ war, erkennt man in den Untergeschossen des Palas und des Stauferturms, wo kompakte Fundamente, Kanalgewölbe, Steinböden und Brunnen aufgedeckt worden sind. Sie alle verblassen gegen einen parallel zum Main laufenden Mauerzug: Sorgfältig geschichtete, unglaublich breite und hohe Quader lassen unwillkürlich an die Klagemauer in Jerusalem denken. Die schartige Oberfläche jedes Quaders, die von einem scharfkantigen glatten Rand gesäumt wird, ist staufisches „Buckelquaderwerk“, das von Sizilien und Apulien bis nach Schwäbisch Gmünd und Frankfurt die Bauten dieses Kaisergeschlechts auszeichnete.

Es mag pathetisch klingen - aber hier, an diesen majestätischen Buckelquadern, meint man den Atem der Geschichte zu spüren, scheint Frankfurts pusselnder Kaufmannsgeist mit der europäischen Weitsicht eines Barbarossa vereint. Hätte man diese Mauer anderswo als im denkmalgeschützten Saalhof gefunden, sie wäre längst unter Beton begraben. Sei’s drum - fortan entkommt man hier für kurze Zeit dem Laufrad unserer Krisenära.

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Jahrgang 1949, Redakteur im Feuilleton.

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