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Steinzeitkunst : Frühe Meister ohne Lehrzeit

Nicht nur Gekritzel: Die frühen Künstler wussten auch bei diesem Nashorn genau, was sie taten. Bild: SYCPA Sébastien Gayet

In Südfrankreich ist eine Replik der Grotte Chauvet geschaffen worden, um das Original zu schonen. Aus gutem Grund: Die Höhle enthält die ältesten datierbaren Gemälde der Menschheit. Am heutigen Eröffnungstag waren bereits mehr als 70.000 Eintrittskarten verkauft.

          Am 18. Dezember 1994 war der Höhlenforscher Jean-Marie Chauvet mit zwei Kollegen an den steilen Ufern der Ardèche unterwegs. Der Nebenfluss der Rhône schneidet sich an seinem Unterlauf im Süden des französischen Departements Ardèche tief durch Kalkformationen, in denen Experten anhand von Merkmalen wie Luftzügen unbekannte Tropfsteinhöhlen aufspüren können.

          Ulf von Rauchhaupt

          verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Chauvet war an diesem Tag überaus erfolgreich. Die mehr als 160 Meter lange Höhle, die er und seine Begleiter fanden und die heute seinen Namen trägt, ist tatsächlich voller Tropfsteine und anderer spektakulärer Kalkablagerungen, die Speläologen glücklich machen. Zunächst aber mussten die Entdecker denken, ihnen sei jemand zuvorgekommen: Die Wände der Gewölbe waren mit Zeichen und Handabdrücken bedeckt, vor allem aber mit Darstellungen von Tieren - Löwen, Pferden, Bären, Nashörnern und Vertretern zehn weiterer Tierarten der eiszeitlichen Fauna, insgesamt 422 Individuen. Die Gemälde wirken derart frisch, dass man sie zunächst für das Werk von Fälschern hielt, die hier Malereien der altsteinzeitlichen Kulturstufen des späten Solutréen und des Magdalénien (17 000 bis 12 000 Jahre vor heute) vortäuschten, wie man sie aus Höhlen wie Altamira in Nordspanien oder Lascaux in der Dordogne kennt. Doch das war ausgeschlossen. Viele der Bilder in der Grotte sind von Kalkablagerungen überzogen, deren Entstehung Jahrtausende dauert. Die Gemälde sind mit Sicherheit original altsteinzeitliche Kunst.

          Aber nicht irgendwelche. Aus drei Gründen sind die Höhlenmalereien der Grotte Chauvet die bedeutendsten, zumindest aber die spektakulärsten überhaupt.

          Unheimliche künstlerische Perfektion

          Da ist zunächst ihr exquisiter Erhaltungszustand. Er hat viel damit zu tun, dass die Höhle erst spät, von professionellen Forschern und nach leidvollen Erfahrungen andernorts gefunden wurde. Die Höhle von Altamira etwa wurde 1878 entdeckt und ist seit 1979 nicht mehr öffentlich zugänglich, nachdem der feuchte Atem der Besucher die Gemälde schwer beschädigt hatte. Lascaux, 1940 entdeckt und seit 1948 touristisch zugänglich, wurde aus den gleichen Gründen bereits 1963 geschlossen. Die Grotte Chauvet dagegen ist zwar sorgfältig für Begehungen durch speläologische Laien erschlossen – mit stählernen Laufstegen, damit niemand den von Bärenknochen übersäten Höhlenboden gefährdet. Doch hinein dürfen nur eine Handvoll Wissenschaftler, und auch das nur wenige Wochen im Jahr. Für Touristen war die Höhle immer tabu und wird es bleiben. Dafür wurde seit 2010 in zwei Kilometer Entfernung für insgesamt 55 Millionen Euro die Replik eines großen Teils dieser Höhle hergestellt, die von diesem Samstag an öffentlich zugänglich sein wird.

          Denn was es in der Grotte Chauvet zu sehen gibt, ist der zweite Grund für ihre Bedeutung. Zwar sind die Zeichen und Punkte aus rotem Ocker auch für Experten immer noch weitgehend rätselhaft, doch ermöglichen die Handabdrücke eine geradezu intime Begegnung mit den steinzeitlichen Künstlern. Einer von ihnen war in der Höhle an mindestens zwei verschiedenen Stellen am Werk; an seinem verkrümmten kleinen Finger erkennt man ihn wieder.

          Die Gemälde schließlich sind oft von einer geradezu unheimlichen künstlerischen Perfektion. Die Tierdarstellungen sind einerseits voller naturalistischer Details. Das geht so weit, dass man dem Bild eines Löwen, der dort samt seinem Skrotum dargestellt ist, die Einsicht verdankt, dass die männlichen Löwen des eiszeitlichen Mitteleuropas – anders als die afrikanischen heute – keine Mähnen hatten. Auf der anderen Seite zwangen die begrenzten handwerklichen Mittel – Finger, Holzkohlebrocken und Ritzwerkzeuge – die Schöpfer dieser Bilder zu Stilisierungen, die gleichwohl präzise das Wesen ihrer Form erfassen. Wer die Filmaufnahme kennt, bei denen Picasso mit wenigen Pinselstrichen einen Stier auf eine Glasplatte malt, der wird beim Anblick vieler Tiere aus der Grotte Chauvet genau daran erinnert. An manchen Stellen wird zudem die Geometrie der Malflächen ausgenutzt, etwa bei vier Pferden auf zurückweichender Wand, deren Erscheinung sich abhängig von Perspektive und Beleuchtung ändert. In einer mit flackernden Feuern beleuchteten Höhle könnte es scheinen, als bewegten sie sich wie in einer Art steinzeitlichem Trickfilm.

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