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Renaissancekünstler van Leyden : Die hohe Kunst zu sticheln

  • -Aktualisiert am

Zu den größten Fans der Werke des Lucas van Leyden zählte Rembrandt. Eine Schau in München mit Druckgraphik des Renaissancekünstlers zeigt dessen Virtuosität.

          Auf einer Anhöhe drücken sich zwei Männer hinter einem Baumstamm herum und verhandeln etwas, das weit unter ihnen am Flussufer geschieht. Dort sitzt ein Mädchen, den langen Rock bis zum Knie gelupft, und lässt verträumt die Beine im Wasser baumeln. Wie so oft wandte Lucas van Leyden auch auf diesem Kupferstich einen einfachen Trick an, um die Neugier seines Publikums zu schüren: Er wirft die Bildtraditionen über Bord und erzählt die altbekannte Geschichte einmal ganz anders. Nicht, wie in der Kunst sonst üblich, überraschen hier die beiden lüsternen Alten die erschrockene Susanna nackt beim Baden, vielmehr findet sich der um den erhofften Anblick eines verführerischen Körpers geprellte Betrachter als Komplize der beiden Spanner. Sicherlich hatte der Künstler seinen Spaß beim Verteilen anzüglicher Anspielungen – wie den festen Griff des einen Alten um ein aufragendes Aststück oder den in einer Zweiggabel liegenden Stock am Wegesrand.

          Schon mit diesem frühen Kupfer beweist Lucas aus Leiden, den die Fachwelt liebevoll beim Vornamen nennt, seine außergewöhnliche Begabung als Erzähler und sein großartiges technisches Können. Als bester Druckgraphiker der niederländischen Renaissance gilt er, unklar aber ist, wie er es werden konnte. Denn er – geboren 1489 oder 1494, über das Geburtsjahr wird noch immer gestritten – traf auf keine entsprechende Tradition in seinem Heimatland. Und während Albrecht Dürer und andere Virtuosen der Stecherkunst das feinmotorische Werken im Metall anfangs in den väterlichen Goldschmieden übten, lernte Lucas bei seinem Vater malen.

          Im Katalog zur schönen Ausstellung, welche die Staatliche Graphische Sammlung in München den besten Blättern ihrer umfangreichen Lucas-Bestände widmet, zitiert Kuratorin Susanne Wagini die Vermutung, der blutjunge Künstler habe sich an den Druckgraphik-Kollektionen von Leidener Sammlern geschult, die ihn mäzenatisch förderten. Vor allen anderen huldigte Lucas Dürer als leuchtendem Vorbild. Im Jahr 1521 unternimmt er sogar eine seiner wenigen Reisen, um in Antwerpen den großen Nürnberger zu treffen; der notiert: „Mich hat zu Gast geladen Meister Lukas, der in Kupfer sticht . . .“ Man tauscht Graphiken miteinander – welch eine Ehre für den etwa zwanzig Jahre Jüngeren –, und weil Dürer ihn damals mit Barrett auf der Pagenkopffrisur zeichnete, wissen wir auch, wie Lucas aussah.

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          Fast aus dem Stand schaffte es der Autodidakt in die Spitzengruppe europäischer Kupferstecherkunst. Schon sein erstes datiertes Blatt, „Mohammed und der Mönch Sergius“, erzählt 1508 die Legende vom Ursprung des muslimischen Alkoholverbots in feinster Graviertechnik, mit vielen Details und dramaturgischen Hell-Dunkel-Kontrasten. Am Boden liegt der Mönch mit durchschnittener Kehle, neben ihm sitzt schlummernd der Prophet, herumliegende Trinkschalen zeugen vom größeren Besäufnis der beiden. Der Mörder schleicht gebückt herbei, dem Gewand nach ein Landsknecht, und jubelt Mohammed gerissen die Mordwaffe unter. Buchstäblich gestochen scharf steht die Begebenheit vor einem Hintergrund, dem abgestufte Strichstärken enorme räumliche Tiefe geben, bis er endlich in fernem Dunst verschwebt. Blätter dieser Qualität fanden rasch Verbreitung: Schon zwei Jahre darauf kopiert in Italien Marcantonio Raimondi die Hintergrundlandschaft des Mohammed-Stichs auf seinem Blatt „Die Kletterer“.

          Wie oft der Grabstichel ansetzen muss, um diese Vieltonigkeit – die blitzenden Lichteffekte und weichen Übergänge – zu erzielen, kann nur eine starke Vergrößerung sichtbar machen, wie sie der Katalogtitel einem kuriosen Blatt angedeihen lässt: Das Bild einer Frau, die dort unbekleidet mit hochgezwirbeltem Haar am Baum lehnt und mit Hingabe ihren Hund flöht, entsteht aus Abertausenden geschwungener und gerader, gekreuzter, dicker und zartester, manchmal dicht schraffierter, dann wieder allenfalls punkthaft gesetzter Linien – auf einer Fläche von gerade mal zehn mal sieben Zentimetern.

          Lange wirken die Ideen Lucas van Leydens nach. Die Bühnenlösung, auf der er sein „Großes Ecce Homo“ plaziert, um den Vordergrund einer bunten Schar von Gaffern zu überlassen, übernimmt noch 150 Jahre später Rembrandt, ein großer Lucas-Verehrer und Sammler seiner Werke. Und schon zu Lebzeiten verkaufte Lucas seine grafische Kunst blendend. Sie machte ihn – kaum noch vorstellbar angesichts des auf Unikate eingeschworenen Geschmacks von heute – zu einem wohlhabenden Mann. Wegen des Vermögens, das er bei seinem Tod im Jahr 1533 hinterließ, zogen seine Geschwister und eine uneheliche Tochter vor Gericht. Postume Drucke sollten den Geldsegen fortsetzen. Vor Lucas’ Perfektionismus aber hätten diese Abzüge von längst flachgewischten Kupferplatten nicht bestanden.

          Lucas van Leyden, Meister der Druckgraphik. Staatliche Graphische Sammlung in der Pinakothek der Moderne, München, bis zum 24. September. Der Katalog (Deutscher Kunstverlag) kostet 39,50 Euro.

          Quelle: F.A.Z.

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