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Renaissance der Renaissance : Ist das Mittelalter endlich vorbei?

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Im Fernsehen die „Borgia“, im Museum die Porträts, und alle, alle wollen das sehen. Ist das Mittelalter also endlich vorbei?

          Zwei Bilder, zwei Zahlen: Die erste lautet sechs Millionen. Sechs Millionen Menschen wollen abends im ZDF die „Borgia“ sehen. Mehr schaffen nur „Bauer sucht Frau“ und die Rateshow von Günther Jauch. „Borgia“ ist zwar so etwas wie die Synthese aus beidem, die Simulation eines Bildungserlebnisses und Unterhaltung von der sogenannten saftigen Art. Aber das erklärt nicht alles. Den Rest erklärt vielleicht die andere Zahl. Und die lautet 155 000. So viele Menschen haben sich bis zu diesem Donnerstag bereits die „Gesichter der Renaissance“ im Berliner Bodemuseum angeschaut. Dazu muss man die addieren, die noch kommen wollen. Und wenn man dann noch die dazunimmt, die sich durch die Warteschlangen abschrecken lassen, dann kommt man auch auf sechs Millionen, mindestens.

          Denn die Schlange ist wirklich monströs; und dann hängt meistens schon mittags das in Museen ungewöhnliche Schild „Ausverkauft“ über der Kasse. Der zivilisatorische Lack, der den Kultur- vom Wutbürger trennt, kann plötzlich sehr dünn werden dann. Ein Geschwader von liebenswürdigen Studentinnen steht deswegen bereit, um die erzürnten Gemüter zu besänftigen. Mit diesem Andrang habe keiner gerechnet, erzählen sie, die Reisebüros hätten ja schon ihre Kartenkontingente zurückgegeben gehabt, die Renaissance interessiere die Leute nicht . . .

          Und jetzt das.

          Heute heißt es „Bunga bunga“

          Aber was heißt das? Eben war doch noch überall Mittelalter. Hildegard von Bingen und Heilige Elisabeth und Ritterturnier mit Bratwurst vom Schwenkgrill. Heißt das, dass diese Zeit der Dunkelheit allmählich zu Ende geht? Und heißt das, die Bedeutung des autonomen Individuums bemisst sich an der Massenhaftigkeit, mit der seine Erfindung jetzt noch mal begutachtet wird? Sechs Millionen sind wirklich eine beträchtliche Quote dafür, dass diese sechs Millionen, bevor sie Udo Kier als sterbenden Innozenz VIII. echte Muttermilch direkt aus der Brust nuckeln sehen durften, immerhin erst einmal über eine halbe Stunde lang durch dichtestes Geschichtsgestrüpp mussten: die Orsini, die Farnese, die della Rovere, wer sind all diese Leute, und was wollen die? Personal und geschichtlicher Hintergrund wollen ja erst einmal in aller gebotenen Steifheit aufgesagt sein, bevor es rundgehen kann, bevor es mehr Splatterszenen gibt als in „Hostel II“ und mehr nackte Weiber als in „Emanuelle IV“.

          Ab dem Moment hat es sich dann auch wieder mit der historischen Akkuratesse, ab dem Moment wird von Giulia Farnese immer wieder nach mehr „Romantik“ verlangt, obwohl sie schon auf den Begriff eigentlich noch dreihundert Jahre warten müsste, und wenn der Borgia-Papst einem sittlich-moralischen Bedenkenträger den ebenfalls erst seit dem 19. Jahrhundert gebräuchlichen Begriff „Renaissance!“ entgegenschleudert, dann brechen, wie durch einen Zauberspruch, augenblicklich Zustände an, für die heutige Herrscher in Rom die Formulierung „Bunga bunga“ verwenden.

          Übergang vom Museum zum Fernsehen

          Der amerikanische Schauspieler John Domain, der mit seiner ganzen herzhaften Angelsachsenhaftigkeit jederzeit einen überzeugenden Erzbischof von Canterbury abgeben würde, aber nie, wirklich niemals einen auch nur halbwegs italienischen, geschweige denn spanischen Papst, der große Polizistendarsteller John Domain spielt den Alexander VI. exakt so, wie Alexandre Dumas ihn im 19. Jahrhundert erschaffen hat - als Zentralfiesling eines so durch und durch korrupten Sauladens, dass man als Zuschauer gar nicht anders kann, als dem Moment entgegenzufiebern, in dem endlich Luther kommt und alle über den Haufen schießt.

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