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Renaissance der Renaissance Ist das Mittelalter endlich vorbei?

25.10.2011 ·  Im Fernsehen die „Borgia“, im Museum die Porträts, und alle, alle wollen das sehen. Ist das Mittelalter also endlich vorbei?

Von Peter Richter
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Zwei Bilder, zwei Zahlen: Die erste lautet sechs Millionen. Sechs Millionen Menschen wollen abends im ZDF die „Borgia“ sehen. Mehr schaffen nur „Bauer sucht Frau“ und die Rateshow von Günther Jauch. „Borgia“ ist zwar so etwas wie die Synthese aus beidem, die Simulation eines Bildungserlebnisses und Unterhaltung von der sogenannten saftigen Art. Aber das erklärt nicht alles. Den Rest erklärt vielleicht die andere Zahl. Und die lautet 155 000. So viele Menschen haben sich bis zu diesem Donnerstag bereits die „Gesichter der Renaissance“ im Berliner Bodemuseum angeschaut. Dazu muss man die addieren, die noch kommen wollen. Und wenn man dann noch die dazunimmt, die sich durch die Warteschlangen abschrecken lassen, dann kommt man auch auf sechs Millionen, mindestens.

Denn die Schlange ist wirklich monströs; und dann hängt meistens schon mittags das in Museen ungewöhnliche Schild „Ausverkauft“ über der Kasse. Der zivilisatorische Lack, der den Kultur- vom Wutbürger trennt, kann plötzlich sehr dünn werden dann. Ein Geschwader von liebenswürdigen Studentinnen steht deswegen bereit, um die erzürnten Gemüter zu besänftigen. Mit diesem Andrang habe keiner gerechnet, erzählen sie, die Reisebüros hätten ja schon ihre Kartenkontingente zurückgegeben gehabt, die Renaissance interessiere die Leute nicht . . .

Und jetzt das.

Heute heißt es „Bunga bunga“

Aber was heißt das? Eben war doch noch überall Mittelalter. Hildegard von Bingen und Heilige Elisabeth und Ritterturnier mit Bratwurst vom Schwenkgrill. Heißt das, dass diese Zeit der Dunkelheit allmählich zu Ende geht? Und heißt das, die Bedeutung des autonomen Individuums bemisst sich an der Massenhaftigkeit, mit der seine Erfindung jetzt noch mal begutachtet wird? Sechs Millionen sind wirklich eine beträchtliche Quote dafür, dass diese sechs Millionen, bevor sie Udo Kier als sterbenden Innozenz VIII. echte Muttermilch direkt aus der Brust nuckeln sehen durften, immerhin erst einmal über eine halbe Stunde lang durch dichtestes Geschichtsgestrüpp mussten: die Orsini, die Farnese, die della Rovere, wer sind all diese Leute, und was wollen die? Personal und geschichtlicher Hintergrund wollen ja erst einmal in aller gebotenen Steifheit aufgesagt sein, bevor es rundgehen kann, bevor es mehr Splatterszenen gibt als in „Hostel II“ und mehr nackte Weiber als in „Emanuelle IV“.

Ab dem Moment hat es sich dann auch wieder mit der historischen Akkuratesse, ab dem Moment wird von Giulia Farnese immer wieder nach mehr „Romantik“ verlangt, obwohl sie schon auf den Begriff eigentlich noch dreihundert Jahre warten müsste, und wenn der Borgia-Papst einem sittlich-moralischen Bedenkenträger den ebenfalls erst seit dem 19. Jahrhundert gebräuchlichen Begriff „Renaissance!“ entgegenschleudert, dann brechen, wie durch einen Zauberspruch, augenblicklich Zustände an, für die heutige Herrscher in Rom die Formulierung „Bunga bunga“ verwenden.

Übergang vom Museum zum Fernsehen

Der amerikanische Schauspieler John Domain, der mit seiner ganzen herzhaften Angelsachsenhaftigkeit jederzeit einen überzeugenden Erzbischof von Canterbury abgeben würde, aber nie, wirklich niemals einen auch nur halbwegs italienischen, geschweige denn spanischen Papst, der große Polizistendarsteller John Domain spielt den Alexander VI. exakt so, wie Alexandre Dumas ihn im 19. Jahrhundert erschaffen hat - als Zentralfiesling eines so durch und durch korrupten Sauladens, dass man als Zuschauer gar nicht anders kann, als dem Moment entgegenzufiebern, in dem endlich Luther kommt und alle über den Haufen schießt.

Für Borgias Sohn Cesare, den späteren Feldherrn, haben sie dagegen in Mark Ryder einen Darsteller gefunden, der direkt aus dem berühmten, Giorgione zugeschriebenen Porträt gestiegen sein könnte (welches leider nicht in der Berliner Ausstellung hängt; sonst wäre der Übergang vom Museum zum Fernsehen perfekt) - während wiederum Isolda Dychauk als Lucrezia einfach nur eine groteske Fehlbesetzung ist, die darüber selbst pausenlos erschrockene Stauneaugen macht, denn das ist der einzige Gesichtsausdruck, den sie draufhat.

Eine Serie über die Borgias als „Mad Men“ um 1500

So changiert alles in der Serie zwischen mimetischer Anverwandlung, distanzschaffender Abstraktion und schlicht Schiefgegangenem. Fast jede Einstellung beginnt als Tableau, das ein Maler der Renaissance geschaffen haben könnte. Licht, marmorn, ausbalanciert und von idealischer Ruhe. Die Personen stehen als stolze Solitäre, also ein bisschen wie Schachfiguren, in der Zentralperspektive umher. Kurz darauf beginnt die Kamera aber jedes Mal - so, als wären wir schon ein Jahrhundert weiter und ein Manierist wie Tintoretto hätte die Regie übernommen - dermaßen kreuz und quer durch die Szene zu düsen, dass eine Stubenfliege kaum hinterherkäme.

Die Drastik der regelmäßigen und trotzdem jedes Mal zutiefst erschreckenden Gewaltausbrüche will dann offensichtlich wieder die historische Distanz herstellen und legt auch deshalb so viele abgehauene Ohren und zersägte Delinquenten zwischen uns und die Zeit der Borgias, damit die Identifizierung nicht überhandnimmt. Denn diese Serie über die Borgias, die es als Spanier schaffen, am Ende des 15. Jahrhunderts die Macht im Kirchenstaat an sich zu reißen, ist ja nur zum einen Teil eine Art „Mad Men“ aus der Zeit um 1500, eine Vorgeschichte unseres Lebens heute. Zum anderen Teil ist sie nämlich auch ein Remake von „Der Pate“, eine einzige Aufsteigergeschichte von Immigranten, die sich mit Skrupellosigkeit und strengem Familiensinn selbst neu erfinden und über die alteingesessenen Eliten erheben. Die sogenannte „Entdeckung Amerikas“, die als historisches Hintergrundereignis immer wieder durch die Szenen geistert, ist so gesehen gleichzeitig auch ein erzählerisches Paradigma: Amerikanischer, als es diese internationale Produktion an vielen Stellen ist, kann auch die rein amerikanische Serie zum gleichen Thema, die demnächst bei Pro Sieben gezeigt werden wird (dann mit Jeremy Irons als Borgia-Papst), im Grunde gar nicht werden.

Wie Guido Knoppsche Zeitzeugen

Mittelalter und Renaissance bezeichneten nicht zwei Epochen, sondern nur zwei verschiedene Erzählweisen, hat der Mediävist Valentin Groebner vor einigen Jahren in einer Besprechung von Hans Beltings Buch über die verleugneten arabischen Ursprünge der Zentralperspektive geschrieben: „Von der Renaissance reden hieß von einem westlichen ,Wir’ sprechen. Warum wir so erfolgreich und so kompliziert, so gebildet und so elegant sind.“ Und: „Im Gegensatz zum Mittelalter-Begriff, der die Fremdheit der eigenen Ursprünge betont, beruhte das Konzept Renaissance auf dem Kunstgriff, so zu tun, als sei man selbst der direkte Nachkomme Petrarcas, Brunelleschis oder Albertis.“

Das merkwürdige Gefühl der Zeitgenossenschaft ist womöglich auch das, was die Porträts der Renaissance heute so anziehend macht. Die „Gesichter der Renaissance“ sind in der Berliner Ausstellung so ausgeleuchtet, dass sie geradezu wie Guido Knoppsche „Zeitzeugen“ aus dem Dunkel der Geschichte hervorleuchten. Und dann schauen sie auch noch so lebensecht, wie das perfiderweise nur Künstler hinbekommen, die in Wahrheit nach Totenmasken arbeiten.

Die Neo-Neorenaissance von heute

Von Christoph Wilhelmi ist dieses Frühjahr ein hübscher, kleiner Band erschienen, der den „Porträts der Renaissance“ (Reimer-Verlag, 19,95 Euro), die einem so nachbarschaftlich vorkommen, die biographischen Daten nachreicht. Und in der Münchener Hypo-Kunsthalle, wo zurzeit die aus dem Kunsthistorischen Museum Wien übernommene, ebenfalls sehr herrliche Ausstellung über „Das deutsche Porträt um 1500“ zu sehen ist - da ist der Effekt fast noch frappierender. Der im Vergleich zu den Italienern wesentlich uncharmantere, das heißt: weniger idealisierende Zugriff der Deutschen führt dazu, dass einem die Kostüme zwar fern sind, die Gesichter aber so nah, dass sie immer auch einem Busfahrer von heute oder der Zeitungsfrau um die Ecke gehören könnten. Aber dafür können weder Maler noch Modelle etwas. Das sind sozusagen apperzeptionelle Phänomene.

Es würde der historische Cesare Borgia eher auch mit einer gewissen Panik reagiert haben, wenn er mit Jacob Burckhardts noch heute maßgebender Deutung der Renaissance als Erwachen des Bewusstseins vom autonomen Individuum konfrontiert worden wäre. Vielleicht hätte er Burckhardt ein Ohr abgehauen, wer weiß. Entscheidend ist, dass es eben Jacob Burckhardt war, ein Patrizier aus Basel, der zur Zeit der industriellen Revolution die Renaissance als ein nach hinten datiertes Selbstporträt seiner eigenen Epoche zeichnete. Von den Machtmenschen der Renaissance zu handeln hieß, über die Unternehmer und Stahlkönige der eigenen Zeit nachzudenken, über Selbstermächtigung und Unternehmermut, über Rücksichtslosigkeit und Egoismus und über Realpolitik selbstverständlich auch. Es ist kein Wunder, dass das 19. Jahrhundert seine Banken und Rathäuser bevorzugt im Stil der Neorenaissance errichtet hat. Was verwundert, ist die Neo-Neorenaissance von heute.

Die Renaissance ist der Anfang von allem

Die Serien über die Borgias und die Porträtausstellungen sind ja nicht in Absprache miteinander entstanden, sondern jeweils Erfolge völlig eigenen Rechts. Aber wenn es etwas gibt, das dieses Interesse bündelt und überwölbt - in dem Sinne, in dem es immer und überall schon mal Mittelaltermärkte gab, aber besonders viele und besonders gut besuchte seit den frühen Neunzigern in Ostdeutschland: dann ist das womöglich das Phänomen, in einen historischen Spiegel zu schauen. Die Mittelaltermode war immer eine Teilzeitflucht aus dem Kapitalismus in Vormoderne und Schausteller-Nomadismus. Die Renaissance ist die „Vision eines ästhetischen Kapitalismus“ (Valentin Groebner).

Was ist es denn, was es da zu sehen gibt? Zu sehen ist da, wie alles einmal anfing: Das Unternehmertum. Der Bürgerstolz. Unsere Geldwirtschaft (“Ich habe die 40 000 längst auf Euer Konto in Florenz überwiesen!“). Bankiers, die sich zu Fürsten machen. Männer, die mit ihrem Kapital prahlen. Frauen, deren Kapital sexuell ist und die ebenfalls damit prahlen, wenn auch etwas subtiler. Ganz zu schweigen von der Ironie, der Satire, sogar der Oper. Die Renaissance ist der Anfang von allem. Von allem, was jetzt gerade in der Krise ist.

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