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Renaissance-Ausstellung : Energisch greift Maria zum Kaninchen

Jacopo Palma: Porträt einer junger Frau, um 1513-1514 Bild: Museum der Schönen Künste, Lyon

Von Götterfiguren der Antike über venezianische Dogen bis hin zu Darstellungen der Maria Magdalena: Eine Ausstellung in Madrid zeigt venezianische Malerei der Renaissance.

          Paolo Veroneses „Raub der Europa“ hat mit einem Raub wenig zu tun. Im Gegenteil, alles deutet darauf hin, dass die Entführung der phönizischen Königstochter durch den Gott Zeus in Gestalt eines Stiers von langer Hand geplant worden ist: Die Dienerinnen, die der Prinzessin helfen, den Rücken des Tieres zu besteigen (eine fixiert noch rasch das Oberteil des Kleids, das den Blick auf die Brust ihrer Herrin freigibt); die geflügelten Eroten, die von oben Blütenkränze über die Szene streuen; die scheue Zuneigung, mit der das Mädchen den Stier betrachtet, der ihr zärtlich über den Fuß leckt.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Wie die Geschichte weitergeht, sieht man in der rechten Bildhälfte, in der sich der Blick zwischen den Bäumen aufs Meer öffnet. Gestützt von ihren Dienerinnen, reitet die Schöne schwankend einen Abhang hinunter zum Strand, ehe sie nach einem letzten frohen Winken mit ihrem Gott in den Fluten versinkt. Nicht anders, bloß seitenverkehrt, hat Watteau eineinhalb Jahrhunderte später seine „Einschiffung nach Kythera“ komponiert – nur dass er die bukolische Landschaft mit Rokoko-Paaren statt mit mythologischen Jungfrauen bevölkert und den Stier durch ein seetüchtiges Segelboot ersetzt hat.

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          Veroneses Ölgemälde entstand im Jahr 1574 für den venezianischen Sammler Jacopo Contarini, und wenn die Grundthese der Ausstellung stimmt, mit der das Museum Thyssen-Bornemisza in Madrid die Malerei der Renaissance in Venedig feiert, dann müsste der „Raub der Europa“ das sichtbare Zeichen eines allgemeinen Kunstverfalls sein. Der Triumph des Kolorismus und die Abkehr vom Zeichnerischen, erklärt der Kurator Fernando Checa im Katalog (und die Raumtexte der Ausstellung beten es ihm nach), hätten im Spätwerk von Tizian, Veronese, Tintoretto und anderen zur Zerstörung jenes Schönheitsideals geführt, das die Maler mit ihren Jugendwerken erst erschaffen hätten: „Flecken oder Kleckse“ hätten die klaren Formen und kühlen Linien der Hochrenaissance ersetzt.

          Gentile Bellini: Porträt des venezianischen Dogen Giovanni Mocenigo, um 1478-1483 Bilderstrecke
          Gentile Bellini: Porträt des venezianischen Dogen Giovanni Mocenigo, um 1478-1483 :

          Flecken oder Kleckse? Nichts davon sieht man in Veroneses hinreißend erzählter und akribisch ausgemalter „Europa“. Und man sieht es auch in der sechs Jahre später entstandenen „Judith“ nicht, die ebenfalls in Madrid gezeigt wird – solange man den Blick nicht vom Zentrum zu den Rändern schweifen lässt, wo das Feldbett, der Boden und die Stoffbahnen des Zelts, in dem Judith ihrer Dienerin das blutige Haupt des Holofernes reicht, in der Tat nur mit wenigen Pinselstrichen skizziert sind, wie es der Dramatik des Geschehens entspricht. Dagegen erscheint Tintorettos „Auspeitschung Christi“ von 1585 mit seinen flächig hingetupften, wie Gespenster aus dem Dunkel auftauchenden Gestalten als Musterbeispiel der Flecken-Kleckse-Malerei – wenn man davon absieht, dass derselbe Maler schon dreißig Jahre zuvor in seinem „Porträt eines Mannes“, nun gleichfalls in Madrid, die Kleidung seines Modells mit breitem Pinsel angedeutet hat, um alle Aufmerksamkeit auf die Hände und das Gesicht zu lenken.

          Die These der Madrider Ausstellung stimmt also nicht, sie ist eins jener Bauklötzchenspiele, die Kunsthistoriker immer dann treiben, wenn sie sich nicht in die Niederungen der Realgeschichte und der individuellen Künstlerbiographien begeben wollen. Tatsächlich hat es im letzten Viertel des sechzehnten Jahrhunderts einen Wandel in der venezianischen Malerei gegeben, aber er hat weniger mit einem Absinken des Stils als mit einer Veränderung der politischen Großwetterlage zu tun. Nach dem Zerbrechen der Heiligen Liga gegen die Türken und dem Rückzug der Großmacht Spanien aus dem Mittelmeerraum sah sich die Lagunenrepublik ihrem übermächtigen Gegner in Konstantinopel, der zugleich ihr wichtigster Wirtschaftspartner war, allein gegenüber. Zugleich blühte Rom im Gefolge der Gegenreformation auch als Kunstmetropole wieder auf, während Venedigs Reichtum durch die Verlagerung der Handelsrouten in den Atlantik versiegte. Die Seeschlacht von Lepanto, von Tizian und Tintoretto gemalt, war für lange Zeit das letzte ruhmvolle Datum in der Geschichte der Serenissima. Die Geldquellen, aus denen ihre Staatskunst schöpfte, trockneten aus, in den Werkstätten der Meister wurde es still. Epigonen wie Domenico Tintoretto und Leandro Bassano pflegten das Erbe ihrer Väter, bis mit dem römischen Barock eine neue Künstlergeneration die Macht im Reich der Bilder übernahm.

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