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200 Jahre Städelschule : Ein fortlaufendes Experiment

Eine kleine Kunsthochschule, die immer wieder große Künstler hervorbringt: Blick in die Atelierräume der Städelschule. Bild: Kien Hoang Le

Der Kurator Philippe Pirotte ist seit 2014 Rektor der Städelschule. Ein Gespräch über Lehre und Autonomie, die neue Angst vor Bildern und seine Pläne für die Zukunft.

          Herr Pirotte, was macht das Besondere der Städelschule aus?

          Kolja Reichert

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Schule ist relativ klein. Es gibt etwa zweihundert Studenten, zehn Professoren und dreißig Mitarbeiter. Das erlaubt Konzentration. Außerdem gibt es keinen Deal mit den Studierenden. Das Studium der freien Kunst wird nicht mit einer Masterarbeit abgeschlossen, man erhält nur ein Zertifikat, ähnlich wie ein Diplom, das aber nicht mit einem internationalen Bachelor oder Master gleichzusetzen ist.

          Das heißt, man muss hier einfach nur existieren?

          Unser ehemaliger Professor Michael Krebber hat das einmal so formuliert. Wichtig ist, dass alle unsere Professoren anders vorgehen. Die Städelschule ist ein Ort, an dem all diese Dissense und Paradoxien nebeneinander bestehen können. Das ist schon ein Mikrokosmos der künstlerischen Realität. Man hat Zeit, sich zu überlegen, ob man Künstler sein will. Das ist eine Herausforderung. Einige unserer Absolventinnen und Absolventen haben letztendlich doch etwas ganz anderes gemacht.

          Zum Beispiel?

          Ein ehemaliger Student entwickelt jetzt in Berlin künstliche Intelligenz für Autos. Aber uns geht es schon darum, die Studierenden zu schützen, ohne ein Elfenbeinturm zu sein: Auch Journalisten und Galeristen kommen hin und wieder zu uns und wir verbieten nicht, dass die Studierenden am internationalen Ausstellungsbetrieb teilnehmen während sie noch an der Hochschule eingeschrieben sind. Die Städelschule ist eigentlich, wie unsere Pro-Rektorin Judith Hopf gesagt hat, ein „fortlaufendes Experiment“. Wir können kein Leitbild schreiben beziehungsweise haben – die Fakultät der Städelschule steht für Kunst, die versucht, Kategorien von Ästhetik und Sinn aufzulösen und zu verändern.

          Keine Angst vor Bildern: Philippe Pirotte, Rektor der Städelschule, gibt seinen Studenten einen Schutzraum, in dem sie experimentieren können.
          Keine Angst vor Bildern: Philippe Pirotte, Rektor der Städelschule, gibt seinen Studenten einen Schutzraum, in dem sie experimentieren können. : Bild: Wonge Bergmann

          Das klingt ein bisschen wie Kafkas Schloss: Man weiß nicht, wo man hingehört, was die Regeln sind und was es überhaupt zu erreichen gilt. Wann weiß man denn als Student, dass man fertig ist?

          Ich glaube, das können wir nicht für die Studierenden entscheiden. Sie arbeiten in Klassen mit ihren Professoren. Amy Sillman beispielsweise unterrichtet Malerei. Das Lesen und Besprechen von Fachtexten ist maßgeblicher Bestandteil ihres Unterrichts. Tobias Rehberger unternimmt gern Studienreisen mit seiner Klasse. Dabei wird die Gruppe mit Herausforderungen konfrontiert. Willem de Rooij diskutiert detailliert und präzise die Arbeiten seiner Studierenden. Dabei kann es sich zum Beispiel auch um ein Gemälde aus dem 19. Jahrhundert handeln. Wir möchten eine Fakultät sein, die so differenziert wie möglich arbeitet, um eine Umgebung zu schaffen, in der man einander ständig überrascht.

          Nach allem, was man von Studierenden hört, ist die Städelschule einerseits das neoliberale Paradies und andererseits die neoliberale Hölle, in der jeder ohne soziales Netz seinen eigenen Status pflegen und im Gespräch bleiben muss.

          Natürlich gibt es Gruppendruck. Diese Allianzen sind ein Symptom unserer Zeit. Es kommt vor, dass man denkt, eine Netzwerkstrategie sei der Weg, um in der Kunstwelt schnell etwas zu erreichen. Daran bin ich nicht so sehr interessiert. Als Kunsthistoriker glaube ich nicht, dass ein Netzwerk Wert kreiert. Ich kann dabei helfen, interessante Gespräche zu ermöglichen. Das ist aber noch kein Netzwerken. Die Kunstwelt ist durchaus in der Hochschule anwesend. Die Studenten können Tag und Nacht in der Hochschule ein- und ausgehen. Sie organisieren sich selbständig und laden Gäste ein. Sie haben selbst eine Klasse für freies Schreiben ins Leben gerufen. Dieses große Interesse am fiktionalen Schreiben ist vergleichbar mit einem vermehrten Interesse an performativer Kunst in den letzten Jahren.

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