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Rekordsumme für Giacometti : Der Sieg des dünnen Mannes

Alberto Giacomettis Bronzeplastik „Schreitender I“ hat einen neuen Auktionsrekord aufgestellt. Eingeliefert wurde das Werk von der Commerzbank, in deren Eigentum es kam, als sie die Dresdner Bank nebst Kunstsammlung übernahm - und danach Staatsgeld brauchte. Wird nun Stütze zurückgezahlt?

          Irgendwann musste es ja geschehen. Ein neues teuerstes Kunstwerk der Welt musste her in einer Auktion. Jetzt ist es Alberto Giacomettis „L'homme qui marche I“ aus dem Jahr 1961 geworden: Die 182 Zentimeter hohe Bronze ist am Mittwochabend bei Sotheby's in London für 58 Millionen Pfund an einen Bieter zugeschlagen worden, den an einem Telefon im Saal einer der Direktoren des Hauses vertrat. Das bei Auktionen übliche, nicht unerhebliche Aufgeld eingerechnet, hat dieser bislang anonyme Käufer genau 65,00125 Millionen Pfund zu bezahlen. Damit ist das bisherige Rekordwerk, Picassos „Garçon à la pipe“ von 1905 - für das im Mai 2004 der Hammer in New York bei 93 Millionen Dollar fiel und der dann brutto 104,168 Millionen Dollar kostete - um Haaresbreite geschlagen. Erwähnt sei hier spaßeshalber, dass sich dieser hauchdünne Unterschied allerfeinsten Umrechnungen zwischen den Währungen verdankt, die sich auch anders drehen ließen.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Jegliche Spekulation über den Käufer wird sich, angesichts der Empirie ähnlicher Erwerbungen, in Richtung Russland und den asiatischen Raum orientieren. Jedenfalls darf man so, wie seit dem September 2008 die Sitten im internationalen Versteigerungsgewerbe sind, getrost erwarten, dass der Kunde auch liquide ist. Denn nach bösen Erfahrungen mit Finanzierungen oder Garantien, die man Einlieferern gegeben hatte, sind die Firmen vorsichtig geworden. Nach Auskunft von Sotheby's gab es allerdings vorher auch keine Abmachung mit einem verbindlichen Abnehmer des „Schreitenden“. Der Wettbewerb zwischen zwei telefonischen Bietern fand also ohne Netz statt. Die fieberhaften Sondierungen, die vor dem Verkauf der außergewöhnlichen, immerhin mit einer Schätzung von bis zu achtzehn Millionen Pfund versehenen Skulptur stattgefunden haben, kann man sich leicht ausmalen.

          Sinnvolle Investition

          Jedenfalls bleibt es ein Wahnsinnspreis. In unseren Zeiten zumal, die doch vom knappen Geld bestimmt scheinen. Aber der Kunstmarkt beweist immer wieder, dass alle Theorie grau ist. Solche Dinge geschehen; es braucht dafür nur zwei, die eine Sache haben wollen. Tatsächlich liegen exorbitante Investitionen in exzeptionelle Kunstwerke deutlich im Trend des internationalen Marktes, und keineswegs erst seit dem „Black Monday“ von 2008. Ohne Zweifel ist auch diese Bronze ein kapitales Stück aus dem OEuvre eines Großkünstlers des zwanzigsten Jahrhunderts, den man nur mit sehr geringem Sachverstand als - derzeit modische Attitüde - „Marktkünstler“ abqualifizieren kann.

          Solche raren Stücke sprechen sich auf einem Terrain schnell herum, das sich in den vergangenen Jahren dramatisch globalisiert und also vollgepumpt hat mit haltsuchendem Geld, das sein Ziel am „High End“ des Kunstmarkts sucht. „Blue Chips“ heißen diese begehrten Trophäen, was in Anlehnung an die Wirtschaftssprache Hochwertigkeit bedeutet. Der jüngste jähe Einbruch hat die Nachfrage nach solchen Werten eher noch verstärkt: Unter diesem Aspekt verhält sich der Kunstmarkt, insbesondere der Auktionsmarkt, durchaus zyklisch zum Börsengeschehen. Das Jahr 2009 hielt für das vagabundierende Kapital zum Beispiel eine Zeichnung Raffaels für 26 Millionen Pfund bereit oder einen eleganten riesigen Warhol für 39 Millionen Dollar. Auf den einfachsten Nenner gebracht, steht hinter derartigen Ausgaben wohl die Überlegung, dass jede Investition in ein mit hoher Wahrscheinlichkeit von Moden und Zeitgeschmäckern relativ unabhängiges Kunstwerk sinnvoller sein kann, als bloßes Geld in einer Inflation oder einer weiteren Blase zu dezimieren - selbst auf die Gefahr eines gewissen Wertverlustes hin.

          Tilgung bei den Steuerzahlern

          Bleibt im speziellen Fall dieses Giacomettis noch etwas zu seiner Herkunft anzumerken: Eingeliefert hat die Skulptur die Commerzbank, in deren Eigentum sie bei der Übernahme der Dresdner Bank zusammen mit deren bedeutender Kunstsammlung kam (siehe Commerzbank bald ohne Giacometti: Der Schatten des dünnen Mannes). Wie es aussieht, ist durch diese Entscheidung Giacomettis Skulptur, die ein Entwurf für die Chase Manhattan Plaza in New York war, sehr wahrscheinlich der Öffentlichkeit entzogen, für die sie einmal gedacht war und der sie von der Dresdner Bank nicht vorenthalten wurde. Hinzu kommt als Pointe von eher herbem Charme, dass die durchaus kunstferne Commerzbank nun ein Werk veräußern kann, das zum Kern des intelligenten Sammlungskonzepts eines untergegangenen Geldhauses gehörte. Die Ankündigung des Commerzbank-Vorstands Blessing, der Erlös aus der Auktion des „Schreitenden“ werde den Stiftungen der Bank und denjenigen Museen zukommen, die mit Dauerleihgaben aus der einstigen Dresdner-Bank-Kollektion bedacht werden, ist jetzt in allerbester Erinnerung - und die stattliche Summe von umgerechnet 66,2 Millionen Euro berechtigt da zu den schönsten Hoffnungen: Zumal der Aufsichtsratschef Müller den Verkauf des Giacometti damit begründete, dass die Kulturförderung der Commerzbank sich auf „die Bildung im kulturellen Bereich“ konzentriere, die durch die Veräußerung gestärkt werden könne.

          Und endlich ist es doch so: Von den 16,4 Milliarden, die der deutsche Staat vor gut einem Jahr der Commerzbank als stille Einlage zur Verfügung stellte, hat die Bank noch keinen Cent zurückgezahlt. Dafür mag sie ihre Gründe haben, aber andere Banken haben schon mit der Rückzahlung des Staatsgelds begonnen. Mit ein bisschen gutem Willen lässt sich also sagen, dass dem Staat von dem Auktionsgeldsegen ein gut Teil zustehen sollte. Giacomettis dünner Mann hat mehr als das Dreifache seiner Erwartung eingespielt: Da werden doch ein paar Millionen übrig bleiben, um mit der Tilgung bei den Steuerzahlern wenigstens symbolisch zu beginnen?

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