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Rede von Ronald S.Lauder zur Raubkunst : Was jetzt getan werden muss

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Deutschland wird für den vorbildlichen Umgang mit der NS-Vergangenheit weltweit bewundert. Verspielt es diesen Ruf durch die Raubkunst? Eine Rede von Ronald S.Lauder, dem Präsidenten des World Jewish Congress.

          Wir sind heute Abend hier, um über Kunstwerke zu sprechen. Genauer über Kunstwerke, welche Juden entwendet wurden durch die Nazis. Diese Kunstwerke sind die letzten Kriegsgefangenen des Zweiten Weltkrieges. Knapp siebzig Jahre nach dem Ende des Dritten Reiches und des Zweiten Weltkrieges, nach dem Verlust von sechzig Millionen Menschenleben und nach unfassbarem Leid, diskutieren wir leider immer noch über Ergebnisse des NS-Kunstraubs.

          Der Fall Gurlitt in München ist nur die jüngste Facette in diesem Bühnenstück, welches noch kein Ende gefunden hat und das weiterhin unser kollektives Gewissen belastet. Raubkunst findet sich überall. Sie hängt in Regierungsbüros, in Museen und in privaten Sammlungen. Sie sollte an die Opfer des Holocaust und deren Erben zurückgegeben werden.

          Fehlendes Rückgabegesetz

          Es kann nicht bestritten werden, dass die Rückgabe erschwert wird durch eine Reihe von Faktoren. Da ist zum einen die seit 1945 sehr komplexe Rechtslage, und zum anderen ist da die Angst der Leute, ein Kunstwerk zu verlieren, welches sie für teures Geld erstanden haben, ohne zu wissen, dass es einst seinem jüdischen Besitzer abgepresst wurde. Dennoch: Es wäre zutiefst unehrlich, wenn wir hier nicht auch das Zögern vieler Regierungsbeamter und Museen ansprächen, die sich wider besseres Wissen weigern, ein von den Nazis geraubtes Kunstwerk an dessen rechtmäßigen Besitzer zurückzugeben.

          Einer der Hauptgründe, warum dieses Problem weiter ungelöst ist, liegt im Fehlen eines Rückgabegesetzes für Raubkunst in Deutschland. Es gibt die Washingtoner Erklärung aus dem Jahr 1998, welche von 44 Ländern – darunter auch Deutschland – unterzeichnet wurde. Ich war bei dieser Konferenz und erinnere mich noch gut an die hochgesteckten Erwartungen. Man glaubte, dass diese Konferenz das Problem ein für alle Mal würde lösen können.

          Die Washingtoner Erklärung zeigte auch, dass es international Konsens war und ist, dass Raubkunst aufgespürt, ihre Existenz öffentlich gemacht und die ursprünglichen Besitzer ausfindig gemacht werden sollten, um Ansprüchen in einer gerechten und fairen Art und Weise Genüge zu tun.

          Wenn niemand darum weiß, ist es doch okay

          In Deutschland gibt es die Limbach-Kommission. Sie wurde eingesetzt, um strittige Eigentumsansprüche für Kunstwerke, die in der Zeit von 1933 bis 1945 abhandengekommen waren, zu schlichten. Die Jurisdiktion und die Entscheidungen der Kommission sind nicht bindend. Das Gremium gibt lediglich Empfehlungen ab. Leider ist den Museen allzu oft jeder noch so fadenscheinige Grund recht und billig, um die Abwanderung eines Kunstwerkes zu verhindern. Das bedeutet, dass das Problem weiter besteht, und solange es nicht gelöst ist, wird es immer wieder als solches aufkommen.

          Daher glaube ich, dass Deutschland es jetzt ein für alle Mal anpacken und lösen sollte. Ich werde gleich näher auf meine Vorschläge dazu eingehen, aber zunächst möchte ich etwas zum Hintergrund des Ganzen sagen.

          Als im Herbst der Fund von 1400 Kunstwerken in der Wohnung von Cornelius Gurlitt bekannt wurde, waren plötzlich alle alarmiert und wagten sich aus der Deckung: Rechtsexperten, Kunstdetektive, die Bundesregierung, die Länder, Historiker und die internationalen Medien. Doch dann wurde schnell klar, dass das Problem nicht gelöst werden kann, weil es kein eindeutiges Gesetz dazu gibt in Deutschland. Es gab viele Helden in den vergangenen Jahren auf diesem Feld – Leute, die Recht von Unrecht unterscheiden konnten und die mit großem Anstand gestohlene Objekte zurückgaben. Aber es gab auch andere, die weniger nobel agierten und lieber wegsahen, wenn ihnen Raubkunst unterkam, weil sie diese Werke unbedingt in ihrem Besitz halten wollten. Es gibt Museen in Deutschland, die wissentlich von den Nazis geraubte Kunst in ihrem Besitz haben – oder dies als Experten zumindest wissen sollten. Weil aber niemand je Ansprüche auf diese Werke gestellt hat, haben diese Museen sich gesagt: Wenn niemand darum weiß, ist es doch okay, die Werke zu behalten.

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