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Raubkunst : Die Rückholer

  • -Aktualisiert am

Seit Kirchners „Berliner Straßenszene“ für fast 30 Millionen Euro versteigert wurde, ist klar, daß sich mit der Rückgabe geraubter Kunstwerke auch ein Geschäft machen läßt.

          Wenige Tage nach der spektakulären Versteigerung der „Berliner Straßenszene“ von Ernst Ludwig Kirchner in New York bemerkte Michael Eissenhauer, der sonst eher zurückhaltende Präsident des Deutschen Museumsbundes, der Rekordpreis bei Christie's habe „alle Befürchtungen“ bestätigt: „Es lohnt sich, auf Beutezug zu gehen und zu gucken, welche Gemälde dem Kunstmarkt neues Blut zuführen können.“ Die drastische Wortwahl signalisiert nicht nur die Enttäuschung über den Verlust eines Hauptwerks des deutschen Expressionismus aus dem Berliner Brücke-Museum. In Eissenhauers Formulierung schwingt auch die manifeste Sorge mit, den deutschen Museen könne eine Welle von Rückgabeforderungen bevorstehen. Tatsächlich sind gerade in den letzten Tagen Ansprüche auf Franz Marcs „Kleine blaue Pferde“ und Lyonel Feiningers „Barfüßerkirche in Erfurt“ in der Staatsgalerie Stuttgart bekanntgeworden. Eissenhauer sprach denn auch unverhohlen vom „Big Business“ mit Restitutionskunst.

          Der Verdacht, in der unübersichtlichen Gemengelage von politisch gewollter Wiedergutmachung, moralischem Anspruch und juristischen Grenzfällen könne schieres Gewinnstreben die treibende Kraft sein, hat viel zu der Empörung über die Rückgabe der „Straßenszene“ beigetragen. Der „Fall Kirchner“ erzeuge „eine schlechte Stimmung“, klagte auch der Chef des Frankfurter Städels, Max Hollein. Welche Rolle die mächtigen Auktionshäuser und die Mechanismen eines überhitzten Kunstmarkts bei dieser Entwicklung spielen, ist im Berliner Fall relativ gut dokumentiert. Von anfangs geschätzten sieben bis zehn Millionen Euro wurde der Preis für Kirchners Bild innerhalb weniger Wochen auf knapp dreißig Millionen katapultiert.

          Auf Rückgabeansprüche spezialisiert

          Erhebliches Unbehagen hat aber auch das Engagement von spezialisierten Anwaltskanzleien hervorgerufen, über deren Vorgehen allerdings bislang nur wenig bekannt ist. Tatsächlich haben sich einige Kanzleien mittlerweile gezielt auf „art law“ verlegt. Dabei geht es durchaus nicht nur um ehemals jüdischen Besitz, der von den Nationalsozialisten geraubt, erpreßt und „arisiert“ wurde. Der Anwalt Jost von Trott zu Solz etwa, der im Fall Kirchner den Berliner Senat beraten hat, erwähnt die Forderungen zumeist adliger Familien auf Rückgabe ihres in der SBZ enteigneten Familienvermögens, die derzeit bei den zuständigen Landesbehörden anhängig seien: Man werde noch manche Überraschung erleben, was ostdeutsche Museen demnächst aus ihren Beständen herausgeben müßten, so von Trott. Und raunend spricht man in der Szene von Schätzen, die immer noch in den Archiven und Magazinen der einstigen Sowjetunion lagerten: Rußland sei „das nächste große Ding“, heißt es.

          Die beteiligten Anwälte beschäftigen sich allerdings häufig nicht allein mit juristischen Fragen, deren Klärung dogmatisch ohnehin nicht übermäßig schwierig ist. Entscheidend ist vielmehr die historische Recherche. So steht häufig am Anfang von Restitutionsverfahren nicht etwa der Rückgabewunsch eines Nachkommen von NS-Opfern, sondern die akribische Suche nach Kunstwerken in öffentlichem Besitz, die unter die geltenden Rückgaberegeln fallen könnten. Dafür beschäftigen sowohl Auktionshäuser als auch Anwaltskanzleien eigene Rechercheure, meist Historiker oder Kunsthistoriker, die in teils jahrelanger Arbeit in Archiven und Depots nach Restitutionsgut fahnden. Erst wenn sie dabei fündig geworden sind, wenden sich die Anwälte an die potentiellen Anspruchsteller, um von ihnen ein Mandat zu erhalten, ihre möglichen Ansprüche gegen die Museen durchzusetzen.

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