Friedrich Schlegel brachte es 1803 auf den Punkt: „Es hat sich dieser Mahler besonders darin gefallen, die Madonna auf das Mannichfaltigste darzubieten“, schrieb der Frühromantiker über Raffael. Zuvor hatte er den Louvre besucht, der damals nach Napoleons Eroberungs- und Raubzügen für kurze Zeit zur Sammelstelle all dessen geworden war, was in der Kunstgeschichte Rang und Namen hatte. Eine ganze Abteilung war den Bildern Raffaels gewidmet, und dort gab es die Gottesmutter gleich vielfach. Doch der zuvor in Dresden beheimatete Schlegel blieb unbeeindruckt: „Für den Raphael war mir die Kenntniß der Dresdner Galerie wichtig, denn die daselbst befindliche Madonna des Meisters bleibt einzig auch nach allem was man hier von ihm sehen kann.“
Nichts also ging Schlegel über die Sixtinische Madonna, auch nicht das berühmteste unter den Pariser Bildern, die Madonna di Foligno, die 1512 unmittelbar vor der Sixtina beendet worden war. Der Schönheitswettstreit zwischen diesen beiden legendären Madonnen ist so alt wie sie selbst. Vasari pries 1568 die damals noch in Piacenza befindliche Sixtina: „cosa veramente rarissima, & singulare“ nannte er sie in seinem Lebenslauf Raffaels, der ersten großen Würdigung des 1520 gestorbenen Malers, schrieb aber noch viel mehr über die Foligna. Und Wilhelm Heinse kam 1783 aus dem Staunen gar nicht mehr heraus, als er in Foligno die dortige Madonna besichtigte: „Es ist der Mühe wert, deßwegen allein nach Fuligno zu reisen ... welche Charakter! Wie ist alles so rein bis aufs Haar bestimmt, ächte griechische klassische Arbeit.“
In Dresden war man damals Heinses Ansicht. Viel lieber als die Sixtina, die August III. 1754 für seine Sammlung gekauft hatte, hätte man ein paar Jahre zuvor die Foligna erworben. Heute hängt sie in den Vatikanischen Museen und gilt als eines der Bilder, die niemals ausgeliehen werden. So erfuhr es Andreas Henning, Konservator für italienische Malerei, als er im Vatikan fragte, ob Dresden die Madonna di Foligno nicht doch noch bekommen könnte, wenigstens für ein paar Monate zum fünfhundertsten Jubiläum der Sixtina, das im kommenden Jahr mit einer großen Ausstellung begangen wird. Die Absage aus Rom überraschte ihn nicht - auch die Sixtinische Madonna darf ja Dresden nicht verlassen, nicht einmal ihren angestammten Galerieraum.
Und doch sind dort nun beide Bilder zusammen zu sehen, zum ersten Mal seit 1512. Anlass für dieses kunsthistorische Gipfeltreffen ist die bevorstehende Deutschland-Reise von Papst Benedikt XVI., die von einer kulturell einzigartigen Geste begleitet werden sollte. Sie ist geglückt, wir erleben ein Jahrhundertereignis, und das in einer Ausstellung, die nicht mehr als sechzehn Objekte bietet und für deren Vorbereitung nur ein paar Monate Zeit waren. Trotzdem ist es eine der schönsten, die sich denken lässt.
Mit prominenten Auftraggebern
Man betritt den Saal durch einen grünen Samtvorhang, wie er sich auch um die Sixtinische Madonna öffnet, und steht zunächst in einem kleinen dunklen Kabinett, das in den Galerieraum eingebaut wurde. Hier kann man als Ouvertüre bereits zwei Raritäten sehen: Das Britische Museum hat die einzige erhaltene Studie zur Madonna di Foligno nach Dresden ausgeliehen, eine grandios auskomponierte Kreidezeichnung auf blauem Papier, und das Frankfurter Städel hat sich von einem auf den ersten Blick unscheinbaren Skizzenblatt getrennt. Wohl im Umfeld von Raffaels Arbeit an der Foligna entstanden, wirkt es in schnell hingeworfenem Entwurf wie ein Übergang zur Konzeption der Sixtina: Die Madonna schreitet auf den Wolken, statt zu sitzen, und das aufgerichtete Christuskind trägt sie auf ihrer rechten Seite. Die in der Foligna-Komposition enthaltene Sonnenscheibe hinter der Gottesmutter ist nur noch rechts vom Oberkörper mit mehreren Kreissegmenten angedeutet - als wehte hier bereits der Schleier der Sixtina.
Im Saal treffen die Madonnen dann aufeinander. Beide Bilder sind monumental, jeweils um die drei Meter hoch und zwei Meter breit. Beide hatten höchst prominente Auftraggeber. Die Foligna wollte Sigismondo de' Conti, der Kammerherr von Papst Julius II., seiner künftigen Begräbnisstätte Santa Maria in Aracoeli schenken (er starb wohl noch vor der Fertigstellung), einer der wichtigsten römischen Kirchen, mitten auf dem Capitol gelegen. Die Sixtina wiederum hatte gar der Papst selbst bestellt, als Geschenk für San Sisto in der Stadt Piacenza, die sich 1512 dem Kirchenstaat angeschlossen hatte. Natürlich verarbeitete Raffael bei der Arbeit an diesem repräsentativen Bild seine Erfahrungen mit dem davor.
Ohne Firniss, wie im Farbenrausch
Zwischen den beiden Madonnen aus dem Jahr 1512 liegen Welten. Nicht qualitativ, sondern bildrhetorisch. Das Bild aus Foligno stellt die Vision einer Himmelskönigin vor, zu der die unter ihr in einer Ideallandschaft postierten vier Heiligen (und ein vorwitziges Engelchen) aufblicken. Die Sixtina dagegen ist als ganzes Bild Vision, denn auch die Heiligen Sixtus und Barbara sind mit der Madonna über den Wolken. Von der Erde ist nichts mehr zu sehen, sie wird durch die berühmten beiden Engelchen am unteren Bildrand abgegrenzt. Und auch wenn Heinse die Foligna „ächt klassisch“ nannte, muss man dieses Attribut eher der Konkurrentin zusprechen: Deren Haltung ist ganz aus skulpturaler Spannung geboren, während die Madonna di Foligno samt ihren Nebenfiguren Affektgebärden aufweist, die das Bild geradezu dramatisieren. Kein Wunder, dass die Wertschätzung der Romantiker der strengeren Sixtina zuflog.
Doch was für ein Kontrast ist da noch? Die Foligna strahlt in kräftigen, beinahe poppigen Farben, während die Sixtina abgedämpfter denn je wirkt. Die Vatikanischen Museen haben kürzlich den alten Firnis ihres Bildes abgenommen, und so präsentiert sich Raffael darin wie im Farbenrausch, als hätte er mit diesem Bild den unmittelbaren Wettkampf zu Michelangelos parallel gemalter Decke der Sixtinischen Kapelle aufnehmen wollen. Man kann ahnen, was diesbezüglich auch in der Sixtinischen Madonna steckt, deren Gewänder das Farbschema des früheren Bildes wiederholen. Doch so lange es keine restauratorische Notwendigkeit gibt, wird man deren Firnis nicht antasten.
Ein einmaliger Vergleich
Die diesbezügliche Phantasie aber wird umso mehr angefeuert: Das Farbenspektakel geht über den ganzen Saal hinweg, denn die beiden Madonnen hängen nicht nebeneinander. Getrennt werden sie von zwei weiteren Gottesmüttern, einer noch in der Gotik wurzelnden, 1512/13 gemalten kleinen Mondsichelmadonna von Lukas Cranach d. Ä., die aus dem Städel entliehen wurde, und der gewaltigen Stuppacher Madonna von Matthias Grünewald, einem Meisterwerk von 1516, das seit 1812 in einer kleinen fränkischen Pfarrkirche hängt und deshalb kaum bekannt ist. Derzeit wird ihr Aufbewahrungsort in Stuppach konservatorisch nachgerüstet, und deshalb hätte das Bild ihn ohnehin auf Zeit verlassen müssen.
In Dresden tritt es nun in den Dialog der beiden Raffael-Bilder ein - und vermittelt zwischen ihnen. Denn die Sixtina repräsentiert, wie man nun sieht, ein beinahe nordisches Kunstideal, wie es auch im Stuppacher Bild zu sehen ist: ruhige Innerlichkeit. Grünewalds symbolische Szenerie eines irdischen Gartens samt Kirche ist ansonsten aber eher der Foligna verwandt, ganz zu schweigen von einem Regenbogen, der in beiden Bildern Himmel und Erde verbindet.
Dieser einmalige Vergleich italienischer und deutscher Madonnen wird abgerundet durch den Dresdner Altar, den Albrecht Dürer 1494 malte, und Correggios frühes Madonnenbildnis von 1514/15, beides Glanzstücke der Dresdner Galerie. Dürers Triptychon hängt nun für vier Monate unmittelbar neben der Sixtina, und man versteht, warum er und Raffael so engen Austausch pflegten. Beide verbindet auf diesen Bildern die Suche nach dem klassischen Ideal eines gefassten Pathos. Correggios Altarbild ist dagegen nicht ohne Raffaels Foligna zu denken, aus der es Johannes den Täufer spiegelbildlich übernimmt. Was für eine zweite Begegnung quer über den Saal hinweg! Schlegel, der den Dresdner Correggio kannte, hatte übrigens auch diesen Dialog schon vorweggenommen, aber ihm galt damals Raffael als der Nachahmer. Über die Dresdner Galerie durfte eben nichts gehen. Im Moment geht wirklich nichts über sie.