03.03.2010 · Im Kunstsystem verschieben sich die Gewichte: Was in Museen gezeigt wird, bestimmten früher unabhängige Experten - an ihre Stelle treten Privatsammler und ihre Lieblingskünstler, deren Karrieren völlig steuerbar werden.
Von Niklas MaakAm kommenden Mittwoch wird im New Museum in New York eine ungewöhnliche Ausstellung eröffnet. Das Museum wird dem griechisch-zyprischen Industriellen und Sammler Dakis Joannou zur Verfügung gestellt: Er wird hier einen Teil seiner 1500 Werke umfassenden Sammlung zeigen, die auch schon im Pariser Palais de Tokyo und im Auktionshaus Christie's zu sehen war. Die Ausstellung in New York trägt den Titel „Skin Fruit“, der Kurator ist Jeff Koons, der neben anderen Künstlern wie Vanessa Beecroft, Takashi Murakami und Maurizio Cattelan prominent in Joannous Sammlung vertreten ist. Gezeigt werden sollen laut Presseerklärung mehr als hundert Werke von Künstlern, die den menschlichen Körper sowie „Evolution, Sünde und Sexualität“ thematisieren - darunter Arbeiten von Matthew Barney, Nathalie Djurberg, Mike Kelley, Terence Koh und Tino Sehgal sowie ein Werk des Kurators selbst, Koons' „One Ball Total Equilibrium Tank“.
Interessant wird diese Ausstellung weniger wegen des recht opulent gespannten thematischen Bogens sein - sondern weil sie den Konflikt zweier konkurrierender Kunstsysteme so deutlich zutage treten lässt wie selten zuvor. Mit „Skin Fruit“ startet das New Museum das Projekt „The Imaginary Museum“, und hinter diesem bei André Malraux entliehenen Titel verbirgt sich nichts anderes als der Plan, das Museum in regelmäßigen Abständen Privatsammlern und ihren Interessen zu überlassen. Damit wird ein entscheidender Bruch vollzogen. Im Kampf darum, wie Bedeutung hergestellt wird, wie Macht entsteht, Deutungshoheiten behauptet und Eichsysteme für Qualität geprägt werden, haben sich offensichtlich die Gewichte verschoben. Wer hat die Macht im Kunstsystem? Wer entscheidet, was gezeigt wird, was als bedeutend gilt? Bisher war die Antwort auf diese Frage meistens: die staatlichen Ausstellungshallen und Museen, vielleicht noch die Biennalen - und weniger die privaten Sammler. Die meisten von ihnen waren lange allenfalls bemüht, ihre besten Werke in diese Institutionen zu geben und vielleicht einmal einen Raum gewidmet zu bekommen - das Museum of Modern Art verdankt seine Sammlung und Bedeutung jedenfalls solchen Gönnern.
Steuerbare Karrieren
Doch seit neuestem gibt es einen neuen, meist schwerreichen Typus von Kunstsammler, der nicht nur Kunst, sondern gleich das gesamte System inklusive seiner Insassen (Kuratoren, Museumsleiter) mitkauft, Museen gründet oder de facto übernimmt, hochdotierte Preise vergibt, die an Künstler gehen, welche dann in ihrer Sammlung auftauchen und in den eigenen Museen gezeigt werden. So wird eine zweite Kunstwelt aufgemacht, in der Karrieren vollkommen steuerbar werden - und es wundert gar nicht, dass in diesem neuen System immer dieselben Namen auftauchen.
Ein Hauptvertreter des neuen Sammlertypus ist der Luxusprodukthersteller und Milliardär François Pinault, der sich in Venedig mit dem Palazzo Grassi und der Punta della Dogana gleich zwei opulente Privatmuseen leistet, in denen er - wie Dakis Joannou - unter anderen großflächige Arbeiten von Murakami und Koons zeigt. Ein anderer ist der ukrainische Stahloligarch, Medienunternehmer und Milliardär Victor Pinchuk, dem neben der Interpipe Group unter anderem vier Fernsehkanäle und die Zeitung „Fakty i Kommentarii“ gehören. Er hat vor kurzem einen Kunstpreis ausgeschrieben, den mit 100.000 Dollar dotierten Future Generation Art Prize. Dem Gewinner winkt neben dem Geld eine Betreuung durch berühmte Mentoren - nämlich durch die Künstler Andreas Gursky und Damien Hirst sowie: Jeff Koons und Takashi Murakami.
Zum internationalen Beratergremium für Pinchuks Preis und seine Stiftung gehören neben diesen Künstlern laut einer Presseerklärung von Pinchuk die Museumsleiter Richard Armstrong, Direktor des Guggenheim Museum, Glenn D. Lowry vom Museum of Modern Art, Alfred Pacquement vom Centre Pompidou und Sir Nicholas Serota von der Londoner Tate sowie der Sänger Elton John, die Modemacherin Miuccia Prada - und Dakis Joannou. So etwas nennt man erfolgreiches Networking; wenn diese geballte institutionelle Macht keine Künstler machen kann, wer dann?
Selbstentmachtung der Museen
Es ist eine Sache, wenn Sammler sich Privatmuseen bauen, die die staatlichen Institutionen an Größe und finanzieller Ausstattung weit in den Schatten stellen - wobei es mittlerweile nicht mehr nur die Großindustriellen wie Pinault sind, die sich ihre eigenen Museen errichten; Christian Boros ließ sich einen Berliner Bunker für seine Sammlung spektakulär umbauen, Thomas Olbricht hat sich ebenfalls in Berlin einen bald zu eröffnenden Sammlungsbau direkt neben den Kunst-Werken errichtet, der diese optisch weit überragt und zeitweilig auch physisch zu verschlucken schien (der rechte Flügel der Kunst-Werke drohte in die Baugrube zu stürzen, was einigen wie eine Metapher vorkam). Es ist aber noch eine andere Sache, wenn Museen ganz den Sammlern überlassen werden oder wenn sie große Privatsammlungen zur Betreuung angedockt bekommen wie in München oder in Berlin, wo man für die Flick-Collection eigens eine Halle anbaute, die gerade lang genug für den monumentalen Schriftzug „Christianfriedrichflickcollection“ sowie die darunter firmierende Sammlung ist.
Auf der Strecke bleibt bei diesen Einverleibungen die Urkompetenz des Museums als einer kulturellen Institution, in der unabhängige Experten Kunstwerke auswählen, sortieren, werten und in thematischen Ausstellungen präsentieren. Die Ansage, das Museum in Zukunft gleich den großen Privatsammlern zu überlassen, statt sich von ihnen ausgewählte Werke auszuleihen und damit eigene Ausstellungen zu veranstalten, ist vielleicht konsequent; es macht aber den kulturellen Auftrag des Museums zunichte, ein Ort zu sein, an dem sich Gesellschaft jenseits von oligarchischen Privatinteressen abbildet.
Es bleibt eine üble Ironie der Museumsgeschichte, dass diese Selbstentmachtung des Museums ausgerechnet am New Yorker New Museum institutionalisiert wird. Denn das New Museum war 1977 gegründet worden, um einen alternativen Raum für Kunst jenseits ökonomischer Interessen und bestehender Machtgefüge zu bieten. Marcia Tucker, die Gründerin, hatte ihren Posten als Kuratorin für Gemälde und Skulptur am Whitney Museum verlassen und das New Museum erfunden, um andere Kunst und Kunst anders zu zeigen, als es üblich war. Sie wollte Künstlerinnen und Künstler zeigen, die sonst nicht zu sehen waren. Ihr New Museum empfand sie als eine Insel, die der Überformung von Kunst durch kommerzielle Interessen ebenso trotzen sollte wie der Kommerzialisierung der Gesellschaft - der sie mehrfach fast zum Opfer fiel, etwa, als das Astor Building, in dem das New Museum residierte, verkauft und nach einer Luxussanierung in Eigentumswohnungen umgewandelt wurde. Bei Marcia Tucker bekamen viele Künstler, die keine Lobby und keine Sammler hinter sich hatten, ihre erste Ausstellung - so auch der junge Mann, der im Mai 1980 im New Museum in seiner ersten Ausstellung brandneue Staubsauger als Skulpturen präsentierte und das als „kritischen Kommentar zur Konsumkultur“ verstanden wissen wollte. Sein Name war Jeff Koons.