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Troup-Ausstellung in Prag : Als der Veitsdom in der Sonne zerfloss

Von seinen beeindruckenden Anfängen in Paris bis zur tiefgründigen Vollendung in Prag: Eine Ausstellung ehrt den tschechischen Maler und Illustrator Miloslav Troup zu seinem 100. Geburtstag.

          Was ist das für ein Gesicht! Das schmale Kinn mit dem ausdrucksvollen Mund ist immerhin dort, wo man es erwartet, aber der Rest drängt wild in alle Richtungen, löst sich in Flächen auf, die scharf konturiert sind und unterschiedlich gefärbt. Oben drängt es über den gemalten Bildrand hinaus, unten verschmilzt der Körper mit dem Rahmen, ein dünner rechter Arm hängt schlaff und verliert sich irgendwo. „Einsam“, so heißt dieses Bild aus dem Jahr 1946, und Einsamkeit, so meint man, wirft einen auf sich selbst zurück. Hier aber fehlt alle Konzentration, stattdessen scheint sich die Person vollständig zu verlieren.

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          Als der tschechische Künstler Miloslav Troup dieses Bild schuf, lebte er bereits seit einem Jahr mit einem Stipendium in Paris, wo er an der École des Arts Décoratifs und bei Maurice Brianchon an der École des Beaux Arts studierte. Geboren 1917 im Prager Stadtteil Holešovice, hatte er zuvor an der staatlichen Kunstgewerbeschule gelernt, und die Bilder, die aus jener Zeit erhalten sind, zeigen etwa seine Eltern in durchaus konventioneller Manier, aber zugleich auch das Bahnhofsgelände seines Viertels mit ineinander verschwimmenden Flächen, aus denen die Schienen und die Signalmaste scharf gezeichnet und schimmernd leuchtend heraustreten, als gelte es, mit ihnen das Wesentliche dieser Anlage zu betonen.

          In Paris, wo Troup vom Kriegsende bis 1950 blieb, ändern sich seine Motive und seine Mittel. Viele seiner Bilder zeigen jetzt Gaukler, Händler oder prekäre Gestalten, die sich wie der „König des Flohmarkts“ auf einem 1948 entstandenen Ölbild mit großer Würde auf ihrem Terrain bewegen.

          Troup malt den Bois de Boulogne als bedrohliche Wildnis, aus der das schwarze Astwerk hervorsticht, und er malt 1950, am Ende seiner Pariser Zeit, ein frühes Meisterwerk auf Glas: Im Vordergrund ein Gestöber aus schwarzen Pinselstrichen, darunter farbige Flächen wie geometrische Formen, und erst der zweite oder dritte Blick lässt erkennen, dass dort ein Hahnenkampf im Gange ist, wie eingefroren in dem Moment, in dem sich die Kontrahenten links der Mitte Schnabel an Schnabel gegenüberstehen, bereit, die Schlacht wiederaufzunehmen.

          Illustrator von Klassikern wie Kalidasa und Goethe

          Zu sehen sind Troups Bilder nun in einer schönen Auswahl aus Anlass seines hundertsten Geburtstags im prächtigen  am Platz der Republik. Und obwohl die Ausstellung, die zwei große Räume einnimmt, einigermaßen chronologisch aufgebaut ist, fallen drei kleinere Abteilungen heraus, die in der Mitte der Flächen jeweils durch Stellwände von den Ölbildern abgetrennt sind. Betritt man diese Bezirke, trifft man auf die Arbeiten, die nach der Rückkehr Troups in die Tschechoslowakei für seinen Lebensunterhalt von enormer Bedeutung waren. Denn der Künstler, der 1993 starb, hat insgesamt mehr als 130 Bücher illustriert, von internationalen Klassikern wie Kalidasa, Apollinaire, Goethe oder Camões ebenso wie von tschechischen Autoren wie Jan Neruda oder Jaroslav Seifert.

          Vor allem über seine Zusammenarbeit mit dem begnadeten Mythensammler Vladimir Hulpach, aus der eine Reihe von großformatigen Märchenbüchern entstand, wurde er auch im Westen bekannt – viele Bände dieser Reihe sind im Hanauer Dausien-Verlag erschienen, und für die Indianermärchensammlung „Was die Zauberpfeife erzählt“ wurde Troup 1966 auf der Frankfurter Buchmesse mit dem Unesco-Illustrationspreis ausgezeichnet. Und so schön die Wiederbegegnung mit diesen Bildern ist, so sehr hält sie doch vor Augen, wie das strahlende Gold etwa von Troups Glasmalereien für den Sagenband „Von goldenen Zeiten“ in der Reproduktion leidet.

          Hinwendung zur Kirche

          Nicht erst seit der Rückkehr nach Prag, seit diesem Zeitpunkt aber verstärkt wendet sich Troup in seinen Bildern religiösen Themen zu. Noch in Paris entsteht etwa eine großartige Geißelungsszene, in der das Rot explodiert und die gesichtslosen Schläger den in der Bildmitte stehenden Christus, wie es scheint, trotz allen Furors nicht recht erreichen. Ein Palmsonntagsbild lässt in den Gesichtern der Umstehenden einen Ausdruck erkennen, der seltsam zwischen Spott und Jubel changiert. Eine weitere Abfolge von fünf Passionsbildern wird von Station zu Station immer düsterer, bis das Schwarz alles andere überwiegt. Und Troup wendet sich schließlich in mehreren Arbeiten der böhmischen sakralen Kunst zu, die zum Ausgangspunkt eigener Madonnendarstellungen wird. Am Ende der Ausstellung steht schließlich die Inszenierung eines Kirchenraums, in den mehrere der Glasfenster projiziert werden, die Troup für Gotteshäuser seiner Heimat schuf.

          Am eindrucksvollsten aber sind aus dieser Zeit die Bilder, in denen der Maler seine unmittelbare Umgebung festhält, etwa den Veitsdom auf der Prager Burg im Sonnenschein, berstend vor leuchtendem Gelb und wie unter der Hitze zerfließend. Und wenn Troup 1950 tatsächlich schwer mit sich gerungen hat, ob er aus Paris nach Prag zurückkehren solle, dann belegen die Bilder, die seither und bis wenige Jahre vor dem Tod des Malers entstanden sind, dass die Entscheidung in künstlerischer Hinsicht eine glückliche war.

          Zur Ausstellung

          Miloslav Troup – 100 let. Bis zum 15. September im Obecní dům, Prag. Der Begleitband zum hundertsten Geburtstag des Malers ist in der Ausstellung erhältlich.

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