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Porträt von Julius II. im Städel Ein Papst für viele Fälle

 ·  Raffaels Porträt von Julius II.: Herrscherbildnisse zu wiederholen minderte weder den Rang des Dargestellten noch des Künstlers.

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© Städel Die Infrarotreflektographie bringt es an den Tag: Mehrmals korrigierte Raffael die Eichelaufsätze des Papststuhls und die Gesichtszüge des Pontifex

Seit einem Jahr präsentiert das Städel-Museum eine Fassung von Raffaels berühmtem Bildnis Papst Julius II. Jahrzehntelang in österreichischem Privatbesitz, war das Bild unbeachtet geblieben. Dies lag zum einen am damaligen Zustand des Gemäldes, das erst nach seinem Ankauf durch das Städel 2010 gereinigt wurde. Zum anderen waren die entscheidenden Erkenntnisse zur überaus komplexen Entstehungsgeschichte des Bildes erst kurz zuvor durch technologische Untersuchungen im Städel gewonnen worden.

Die Restaurierung ließ erstmals wieder die hohe Qualität der Malerei, insbesondere des Gesichts und der Hände, erkennen. Gerade der Verzicht auf feine Lasurmalerei zugunsten einer „malerisch“ mit der Farbsubstanz arbeitenden Gestaltung der Physiognomie verbindet das Frankfurter Gemälde etwa mit der Stifterdarstellung der „Madonna di Foligno“ in Rom, die Raffael im selben Jahr ausführte, als er auch Julius II. porträtierte.

Unvergleichlicher Schaffensprozess

Die direkte Verbindung des Städel-Bildes mit Raffael und seiner Werkstatt zeigt sich deutlich beim Blick unter die Bildoberfläche, den Röntgenaufnahme und Infrarotreflektographie ermöglichen. Sie enthüllen einen komplizierten Entstehungsprozess, der entschieden gegen eine bloße Kopie spricht: So wurde erst in mehreren, einander korrigierenden Anläufen die endgültige Form der Sesselbekrönungen mit den Eicheln gefunden, die auf den Familiennamen des Papstes und sein Wappen anspielen.

Auch die Gesichtszüge sind in rascher, freier Manier skizziert und in ihren Einzelzügen erst in der Malerei präzisiert worden. Ausgedehnte Selbstkorrekturen während des Malprozesses, sogenannte „Pentimenti“, finden sich an beiden Unterarmen und an der rechten Hand. Diese wurde vermutlich zunächst in einer zum Segen erhobenen Pose in Farbe angelegt, dann aber zugunsten des heutigen Oberflächenbildes verworfen.

All diese Veränderungen zeigen einen Maler, der im Werkprozess an der von ihm favorisierten Gestaltungsvariante arbeitet, nicht aber einen Kopisten, der ein vorgegebenes Muster wiederholt; bei keiner der sonstigen Fassungen des Julius Porträts lässt sich ein vergleichbarer kreativer Schaffensprozess nachweisen.

„Raffael und Werkstatt“

Zudem gibt es ausgeprägte handschriftliche Merkmale, die die Unterzeichnung mit Raffael verbinden. Es gilt sich klarzumachen, dass Raffaels Unterzeichnungen und seine autonomen Zeichnungen - derzeit in einer Ausstellung im Städel-Museum zu sehen - unterschiedliche Gestaltungsweisen zeigen: Den Unterzeichnungen - dazu bestimmt, im Zuge der malerischen Fertigstellung des Gemäldes zu verschwinden - wurde keinerlei eigenständiger künstlerischer Wert beigemessen.

Dementsprechend summarisch fallen sie bei Raffael auch aus: Sie deuten nur knapp an, was er detailliert in Farbe auszuführen plante. Kennzeichnenderweise zeigen etwa die unterzeichneten Engel am Himmel der „Madonna di Foligno“ ganz ähnliche Formkürzel für Augen oder Ohren, wie wir sie auch in der Unterzeichnung des Städel-Gemäldes sehen. Die etwas schematisch anmutenden Parallelschraffuren, die ohne Rücksicht auf das Oberflächenrelief des gezeichneten Gegenstandes die Verteilung von Licht und Schatten markieren, finden sich übrigens in Raffaels Unterzeichnungen ebenso wie in seinen selbständigen Zeichnungen.

Während also die Unterzeichnung und erste Farbanlage unseres Erachtens Raffael zuzuweisen sind, wurde die malerische Ausführung des Gemäldes in weniger wichtigen Teilen, etwa beim weißen Gewand oder dem Hintergrund, von einem Mitarbeiter übernommen. Dieser Einschätzung entspricht exakt unsere Bezeichnung „Raffael und Werkstatt“.

Frankfurt, Florenz, London

Mit seinem in mehreren Fassungen überlieferten Julius-Porträt gelang Raffael eine epochale Bilderfindung, die das Papst-Bildnis für Jahrhunderte prägte. Die Existenz mehrerer Varianten braucht dabei nicht zu überraschen: Als Herrscherbild war auch das Julius-Porträt auf Vervielfältigung angelegt. Als Mittel der politischen Bildpropaganda wurde es nicht nur an befreundete Höfe verschickt, sondern konnte den Dargestellten im eigenen Herrschaftsbereich zeremoniell vertreten. Eine Ausführung unter Einbeziehen der Werkstatt war dabei nichts Ungewöhnliches. Welchen Rang die Frankfurter Tafel dabei offenkundig hatte, wird an einem materiellen Ausstattungsdetail deutlich: der Verwendung von echtem Gold als Malmittel an den Fingerringen.

Die an dieser Stelle natürlich nur sehr verknappt darzustellende Argumentation werden wir in einer seit langem geplanten Sonderausstellung im November 2013 im Städel ausführlich präsentieren und zur Diskussion stellen. Bereits bei der ersten Vorstellung des Ankaufs, bei der wir auch sämtliche Untersuchungsergebnisse in einer Pressekonferenz vorgestellt und in einem öffentlichen Vortrag erläutert haben, war diese Ausstellung angekündigt worden. Sie wird sich dem Thema des Papstbildnisses aus unterschiedlichen Blickwinkeln nähern, weitere Fassungen des Gemäldes sowie gemäldetechnologische Befunde zu den drei Porträtversionen in Frankfurt, Florenz und London versammeln.

Damit wird der ideale Rahmen geboten sein, um die Debatte um den Frankfurter Julius zu führen, die die „Süddeutsche Zeitung“ vor einer Woche vorwegnehmen wollte. Doch schon jetzt sei gesagt, dass dieser Artikel, der die von uns vorgeschlagene Zuschreibung vom Tisch wischt, sich nicht die Mühe macht zu erklären, weshalb der Maler dieser angeblichen „Kopie“ so mühsam nach der ihm doch unmittelbar vor Augen stehenden Form hätte suchen sollen, vor allem aber, weshalb die Ausführung so deutliche handschriftliche Parallelen im Werk Raffaels selbst hat.

Bei kaum einem anderen Ankauf eines deutschen Museums sind alle relevanten Fakten und Dokumente samt der intensiven Provenienz-Recherche bei der Vorstellung des Gemäldes so vollständig offengelegt worden wie im Fall des Julius-Bildnisses. Was das mit einer „Kunstmarkt-Angelegenheit“ und der „systematischen Aufwertung fragwürdiger Bilder“ durch das Städel zu tun hat, wie die „Süddeutsche Zeitung“ wähnt, bleibt ein Geheimnis.

Der Autor ist Leiter der Gemäldesammlung Niederländische und Italienische Malerei vor 1550 am Städel-Museum in Frankfurt.

Quelle: F.A.Z.
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