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Popularität als Auftrag Museen sind für Massen da

22.12.2011 ·  Blickt man auf die Geschichte der Museen, muss man erkennen, dass das Event schon immer dazugehört. Die Angst vor der kollektiven ästhetischen Erfahrung ist unbegründet.

Von Stefan Weppelmann
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© AP Die Besucherschlange ist kein Sündenfall der Museumspolitik, sie ist ihr Ziel: Hier wartet man im Jahr 2004 vor der Neuen Nationalgalerie in Berlin auf Einlass zur MoMA-Ausstellung

Im Jahr 1857 wurde Manchester für ein halbes Jahr zur Kunstmetropole Europas. Die Ausstellung „Treasures of Art“ vereinte dort 1600 Exponate und zog 1,3 Millionen Besucher an, mehr als die Berliner „MoMA“-Ausstellung von 2004. Ein riesiges Areal wurde außerhalb der Stadt dafür angelegt. Es verfügte über einen eigens errichteten Bahnhof, auf dem die mit organisierten Bahnfahrten anreisenden Besucher eintrafen. Was Ausstellungsereignisse angeht, so verdient sodann der Salon de Paris, die offizielle Schau der Académie des Beaux-Arts und zwischen 1748 und 1890 das größte und wichtigste Kunstereignis der westlichen Welt, Beachtung. Die Karikaturen, mit denen Honoré Daumier dem Salon-Publikum den Spiegel vorhält, zeigen eindrucksvoll die Atmosphäre in den überfüllten Räumen und stellen zugleich in Frage, dass es allein um den hehren Kunstgenuss geht: Man speist vor den Gemälden und fachsimpelt über die Farbe des Schinkens.

In den sechziger und siebziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts feierte das Museum of Modern Art in New York die abstrakten Expressionisten als Propheten eines künstlerischen Neuanfangs, man drängte sich vor All-over-Farbfeldmalerei. Rothko und Pollock sind bis heute Garanten für volle Häuser. In Stuttgart fand dagegen 1950 die erste und für Jahrzehnte einzige Ausstellung früher italienischer Malerei in der Württembergischen Staatsgalerie statt. Sie war die erste große, stark frequentierte Schau der Nachkriegszeit.

In der Rückbesinnung auf die religiöse Kunst des dreizehnten und vierzehnten Jahrhunderts schlug sich nicht zuletzt das Kriegstrauma nieder. Sodann wurde das Ausstellungsevent zum Ausdruck bürgerlichen Wohlstands (man stand nicht für Essensmarken an, sondern für Kunstgenuss). Und heute, in einer Zeit, in der Hunderte von Satellitenprogrammen die Wohnzimmer erreichen, erhalten großformatige Ausstellungen ihre Relevanz nicht zuletzt als Gemeinschaftsereignis.

Der Ereignischarakter von Kunstausstellungen ist also nicht erst mit der „Langen Nacht der Museen“ oder im Rahmen von Formaten à la MoMa eingeläutet worden, sondern er gehörte von Anbeginn zum Wesen öffentlichen Ausstellens. Ihn als neueres Phänomen und Zeichen einer erst jetzt einsetzenden Kommerzialisierung des Museumsbetriebs zu verstehen ist problematisch. Wie kommt es zu diesem Missverständnis?

Von der Unverzichtbarkeit der Sponsoren

Seit Walter Benjamins kunstsoziologischen Überlegungen herrscht in Deutschland eine tiefe Skepsis gegen gemeinschaftliche ästhetische Erfahrung. Während Besucherströme im Pariser Grand Palais zur Normalität wurden, provoziert Aufmerksamkeit für das Berliner Bode-Museum ein Nachdenken über „Eventkultur“ und deren Verträglichkeit mit der Museumsidee. Sicher, Aufmerksamkeit bringt Herausforderungen für das Besuchermanagement mit sich, dem die Museen nicht immer gewachsen sind. In jedem Fall wird von den großen Institutionen erwartet, dass sie international beachtete Projekte in Stadt und Region holen.

Und selbstverständlich sollen diese auch Besuchermagneten sein, damit sie nicht als Verlust in den öffentlichen Haushaltsbüchern stehen. Eine einzelne Leihgabe aus Übersee kann inklusive Transport und Versicherungskosten aber leicht mit 30.000 Euro ins Budget schlagen. Für größere Ausstellungen, zumal solche unter Beteiligung internationaler Partner, sind daher Drittmittel unverzichtbar. Das Engagement von Sponsoren setzt wiederum voraus, dass Kunstereignisse intendiert und sie auch als solche kommuniziert werden. Denn ohne jene Aufmerksamkeit kommt es kaum zu den beim Sponsoring beabsichtigten Übertragungsleistungen.

Darf Museumswerbung spannend sein?

Nun sind Ausstellungen keine Selbstläufer, nur weil sie Renaissance oder Klassische Moderne thematisieren. Sie müssen kommuniziert werden. Nur so ist überhaupt die Zahl von mehr als hundert Millionen Museumsbesuchern zu erklären, die allein in Deutschland jährlich gemeldet werden. Gerade wurde wieder ein neuer Rekord erreicht.

Doch wird diese Kommunikation leicht als Provokation missverstanden, weil man aus ihr die vermeintliche „Erfindung“ einer negativ besetzten Ereigniskultur herausliest. Das Bode-Museum kündige seine Renaissance-Ausstellung als „geplantes „Event“ und Serviceleistung mit vorgesehenen „Highlights“ an, so problematisierte der Kunsthistoriker Peter Geimer. Damit werde Spannung künstlich erzeugt, wobei die Kampagne an die „Trikoloren-Überflutung der Stadt“ erinnere, mit der die Berliner Impressionismus-Schau „Die schönsten Franzosen kommen aus New York“ 2007 beworben wurde.

Angesichts solcher Kritik wäre zu überlegen, warum Werbung, wenn sie wirken soll, eigentlich nicht durch den Hinweis auf Highlights Spannung erzeugen darf? Sind Ausstellungen per se unspannend und unspektakulär, ist Werbung für sie mithin immer ein leeres Versprechen? Und was den Vergleich mit dem Marketing für die „Schönsten Franzosen“ angeht, so hatte diese Schau über 600.000 Besucher - offenbar vor allem dank effizienter Kommunikation. Wenn man Ausstellungen bewirbt, dann doch mit dem Ziel, Aufmerksamkeit zu generieren.

Das Museum ist als Ereignis konzipiert

Ob das Gros der Besucher das Museum indes als Lernort aufsucht, bleibt zu bezweifeln. Und dass es den Museen nicht zwingend darum gehen muss, Gegenwelten zu entwerfen, die einen Kontrast zur Alltagswirklichkeit bieten, wird vom Publikum selbst nahegelegt. Für die „Gesichter der Renaissance“ wurde eine App erstellt, die Interviewsequenzen enthält, in denen Leute zu Wort kommen, die sich heute mit der Inszenierbarkeit von Persönlichkeit - ein für die Renaissance zentrales Anliegen - professionell befassen. Das Angebot wurde während der dreimonatigen Ausstellungslaufzeit Woche für Woche dreitausendmal heruntergeladen, und dies wohl nicht zuletzt, weil es die Schnittmenge aus Renaissance und Gegenwart thematisiert.

Das Museum hat nicht das Ereignis erfunden, es ist als solches konzipiert. Eine Renaissance erlebt hingegen das Unbehagen gegenüber kollektiver ästhetischer Erfahrung. Die instrumentalisierte „Nationalkultur“ der DDR dürfte dieses Unbehagen ebenso befördert haben wie die Erinnerung an eines der besucherstärksten wie grotesken Ausstellungsereignisse, die vom NS-Regime zwischen 1937 und 1941 in zwölf Städten gezeigte Wanderausstellung „Entartete Kunst“. Sie hatte drei Millionen Besucher. Und am Rande: Mit „Blockbuster“ wird eine Bezeichnung für die verheerenden Fliegerbomben gleichen Namens aufgegriffen, die im Zweiten Weltkrieg zum Einsatz kamen.

Stefan Weppelmann ist Kurator am Berliner Bode- Museum. Zuletzt verantwortete er die Ausstellung „Gesichter der Renaissance“.

Quelle: F.A.Z.
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