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Veröffentlicht: 08.05.2017, 22:53 Uhr

Für einen ästhetischen Streit Es lebe die Kunst! Nur welche? Und warum?

Documenta, Biennale, Dana Schutz: Die Debatte um die Gegenwartskunst fixiert sich allzu sehr auf Identitäten und Inhalte. Ein Plädoyer für einen ästhetischen Streit.

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„Viva Arte Viva“ lautet das Motto der am Samstag eröffnenden 56. Kunstbiennale von Venedig, der nächsten Etappe in diesem langen Sommer der Großausstellungen, der vor einem Monat mit der Eröffnung der Documenta in Athen eingeläutet wurde und sich Anfang Juni mit der Documenta in Kassel und den Skulptur Projekten in Münster fortsetzen wird.

Kolja Reichert Folgen:

Es lebe die Kunst: Was heißt das? Welche Kunst? Als Thema für die zentrale Ausstellung in Venedig, von der alle zwei Jahre gültige Aussagen zu Kunst und Welt erwartet werden, hat die Kuratorin Christine Macel das künstlerische Schaffen an sich gewählt. Die New Yorkerin Dawn Kasper wird ihr Atelier ins Arsenale verlegen, und in den Giardini wird Olafur Eliasson, wie auch schon vor zwei Jahren in Wien, Flüchtlinge Lampen bauen lassen – „ein Workshop, der ein substantielles Ergebnis schafft“, wie Macel erklärt, „gerade indem Migranten Sprachkurse erhalten oder Fertigkeiten lernen, wie Lampen bauen.“ Wirklich? Ist es das, was man von der Kunst erwartet: Flüchtlinge lernen Lampen bauen?

Wann haben sie das Sprechen über Kunst verlernt?

In Interviews formuliert Macel keine Ansprüche an Kunst, beklagt aber das Artensterben und weist darauf hin, dass die Ideale der Französischen Revolution noch unerfüllt seien. Der Documenta-Kurator Adam Szymczyk wird mit seiner Anklage des Finanzkapitalismus immerhin spezifischer, füllt damit aber die Hälfte seines Vorworts im Katalog aus. Wie genau die Kunst hier zu Lösungen beitragen könnte, bleibt unklar, außer man vertraut, wie Macel, darauf, dass sie an sich schon „widerständig“ sei.

Ist die Kunst das? Und warum muss man das so pauschal feststellen? Vielleicht um gar nicht erst die Frage aufkommen zu lassen, wie genau sie das ist und in welchen Einzelfällen vielleicht auch gerade nicht?

Wann haben Kuratoren eigentlich das Sprechen über Kunst verlernt? War es um 1997, als auf Catherine Davids Documenta X die Welt mit Dokumentar- und Reportageformaten in die Kunst einzog? Seitdem macht der globalisierte Kunst-betrieb jedenfalls den Eindruck einer friedlich um Hannah Arendt, Walter Benjamin und Alain Badiou versammelten Lesegruppe. Lange ist es her, dass öffentlich über Kunst selbst gestritten wurde.

Das darf man nicht zeigen. Das darf man nicht sagen.

Das änderte sich zuletzt schlagartig mit dem offenen Brief an die Kuratoren der Whitney Biennale, in dem die in Berlin lebende Künstlerin Hannah Black und knapp fünfzig Unterzeichner (und zwar anders als kolportiert wird, sowohl weiße wie schwarze) die Entfernung des Gemäldes „Open Casket“ der Künstlerin Dana Schutz forderten, das eine Ikone der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung zur Vorlage hatte: die Fotografie des 1966 durch Folter und Lynchmord entstellten vierzehnjährigen Emmett Till. Es sei inakzeptabel, dass eine weiße Künstlerin „schwarzes Leid als Rohmaterial“ verwende und in „Profit und Spaß“ verwandle, schrieb Black, und schloss: „Das Gemälde muss weg.“ Künstler fordern die Entfernung und Vernichtung des Werks einer anderen Künstlerin: Mit ihrem inquisitorischen Ton führte die 1982 geborene Hannah Black eine gänzlich neue Klangfarbe ins Gespräch über Kunst ein. Nicht um deren Freiheit geht es hier, sondern um ihre Verantwortung. Mit ihrer malerischen Anverwandlung, so der zu Ende gedachte Vorwurf, führe Dana Schutz die andauernde Geschichte weißer rassistischer Gewalt gegen Schwarze fort. Zuvor hatten sich der Künstler Parker Bright und andere in der Whitney-Biennale stundenlang vor das Bild gestellt, in T-Shirts, auf deren Rücken „Black Death Spectacle“ stand.

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