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Pixadores aus São Paulo : Kunst am Rande

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Graffiti ist längst von der Straße in die Galerien gewandert. Die Pixadores aus São Paulo aber verweigern sich dem Markt. Sie riskieren ihr Leben für die Kunst, und das ist unbezahlbar.

          Ricardo und Djan leeren die Plastikflasche mit dem knallroten Ethanol-Erdbeer-Mix. Alkohol und Adrenalin mischen sich in ihren Adern. Zwölf Stockwerke hoch wächst die Bauruine vor ihnen in den Nachthimmel; wenn die Sonne aufgeht, sollen große Lettern daran prangen, ganz oben, so dass man sie weithin lesen kann: CRIPTA. Der Name ihrer Gang. Auf Zehenspitzen lässt Ricardo die Finger über den funkelnden Kamm aus Scherben gleiten, der viele Mauern in São Paulo krönt, auch hier im Wohnviertel Presidente Altino. Er findet Halt, schwingt seinen schmächtigen Körper hinauf. „Mach schon“, zischt Ricardo. Djan wirft ihm einen Rucksack zu und klettert hinterher. Schweigend gleiten die beiden ins Dunkel und hechten zum Hauseingang.

          Mit dem Schritt aufs Flachdach ist die Welt wie in Watte gepackt. Der Autolärm klingt dumpf, Fetzen von Musik wehen von einem Rummelplatz herüber. Hier oben verstummen die Schritte im Moos, das aus brüchiger Teerpappe quillt. Ricardo schleicht zur Brüstung, streift sein schweißnasses Shirt ab, dreht sich in den Wind und breitet die Arme aus wie Flügel. Er schaut hinab auf den Rio Tietê, einen schwarzen Kanal, dessen modriger Gestank einen in dieser Gegend auf Schritt und Tritt begleitet. Doch hier oben weht eine frische Brise, die Ricardo dankbar in die Lunge schlürft, als würde er an einem Joint ziehen. Am Horizont glitzert die Skyline von São Paulo. „Isso!“, flüstert er. „Das ist es!“ Dann geht es los: Ricardo steckt eine Holzleiste in den Griff einer Farbrolle, lehnt sich über die Brüstung und zieht, kopfüber, Strich um Strich auf die Fassade.

          Zeichen in schwindelerregender Höhe

          Djan schätzt die Zahl der „Pixadores“ in São Paulo auf 5000, und wer sich die Stadt ansieht, glaubt ihm gern. Eckige, schwarze Buchstaben und Symbole liegen auf ihren Fassaden und Mauern wie Spinnennetze. Manche kann man entziffern, „Loucura“ - „Wahnsinn“, steht da. Oder „Divinos“ - „Die Göttlichen“. Gang-Namen. Vereinzelt liest man auch Botschaften wie „Liberdade“ - „Freiheit“ oder „Humildade“ - „Bescheidenheit“. Im Jahr 2007 hat die Stadt eine Verordnung erlassen, die Werbung weitgehend aus den Straßen verbannt. Seitdem ist noch mehr Raum für „Pixação“, São Paulos ganz eigene Form von Graffiti.

          Pih-scha-ssao spricht man dieses wundersame Wort aus, die Betonung liegt auf dem zweiten „a“. Es leitet sich von „Pixo“ ab, dem Namen für billige, hochdeckende Teerfarbe. Es ist die Kunst der Randständigen. Nach Einbruch der Dunkelheit ziehen sie mit Farbe im Gepäck durch die Stadt wie Sprüher überall auf der Welt - doch mit ungleich höherer Risikobereitschaft. Ohne Sicherung ziehen sich die Pixadores an Balkonen und Fallrohren die Fassaden hinauf. In schwindelerregender Höhe setzen sie ihre Zeichen. Lufthoheit verspricht Szeneruhm, denn jeder Pixador weiß: Ein falscher Tritt, und du stürzt in den Tod. Kommst du heil wieder runter, bist du ein Held. „Die Szene ist wie eine Familie für uns“, sagt Djan, er ist 28 Jahre alt. „Pixação ist unser Leben.“

          Nach anderthalb Stunden sind Djan und Ricardo fertig, bessern nur noch einige Stellen ihres Schriftzuges aus, als ein Knall sie aufschreckt. Unten flüchtet ein Mann um eine Hausecke, ein zweiter folgt ihm, hebt die Hand, drei Mal knallt es noch, drei Mal blitzt Mündungsfeuer, dann ist auch er verschwunden. Sekunden später kurven Polizeiwagen durchs Viertel, Nachbarn versammeln sich auf der Straße. Augen für die Pixadores hat niemand, und so beenden Djan und Ricardo ihr Werk schweigend. Auf dem Heimweg flüstert Ricardo: „Mann, ich glaub’, der hat den abgeknallt.“

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