Home
http://www.faz.net/-gsa-7aa5k
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Philip-Lorca diCorcia in der Frankfurter Schirn Die Schönheit schlechter Nachrichten

Vom Ende des amerikanischen Epos: Der Fotograf Philip-Lorca diCorcia zeigt in der Frankfurter Kunsthalle Schirn die schrecklich schöne Welt der modernen Melancholie.

© Courtesy the artist und David Zwirner Vergrößern Die Melancholie ist überall: diLorcas „Iolanda“ , 2011 Pigmentdruck

Eine Frau sitzt in einem Hotelzimmer auf dem Bett, gut gekleidet, einsam, mit freudlosem Blick, und durchs Fenster schüttet die Sonne kübelweise Licht in den Raum, dass alles gleißt und glänzt und sich fast auflöst in der blendenden Helligkeit: Das ist nicht etwa ein Bild des Malers Edward Hopper, nicht dieses Mal zumindest, das ist ein Bild von Philip-Lorca diCorcia, eine wandfüllende Fotografie aus dessen jüngst begonnenem Zyklus „East of Eden“ - „Jenseits von Eden“ also -, ein Titel, der sich, wie der Künstler sagt, keineswegs auf den Roman von John Steinbeck bezieht, in dem sich aber so wunderbar die Vorstellung bündelt, ein Mensch, eine Gesellschaft, eine ganze Nation habe ihre Unschuld verloren.

Freddy Langer Folgen:  

„God’s Own Country“? Das war einmal. Geht man durch die erschütternd grandiose Ausstellung „Photographs“ in der Frankfurter Schirn mit diCorcias Arbeiten aus der Zeit von 1975 bis heute, weit mehr als hundert insgesamt, die meisten in Amerika entstanden, wird rasch klar, dass der Herrgott dieses Land aus seinem Blick verloren hat und seine schützende Hand jetzt bestenfalls anderswo ausstreckt. Wenn er sich nicht gleich von der gesamten Menschheit abgekehrt haben sollte.

24853062 © Courtesy the artist und David Zwirner Vergrößern Philip-Lorca diCorcia: Eddie Anderson, 21 Jahre, Houston, Texas

“East of Eden“ ist ein Roman in Bildern, geschnitten wie ein Film, inszeniert wie ein Theaterstück und vorgetragen, als stottere sich der Erzähler über ganz erhebliche Gedächtnislücken hinweg. Da passt nichts zusammen, sondern es blitzen Erinnerungsfetzen auf. Ein Cowboy auf seinem Pferd in einer wilder Landschaft. Ein Lastwagen unterwegs auf dem schnurgeraden Highway durch das Ackerland des San Joaquin Valley in Kalifornien.

Eine Frau im hellen Kleid bei Sonnenuntergang hinter laublosem Geäst. Dann zwei schneeweiße Windhunde, die in einem schon aseptisch sauber wirkenden Wohnzimmer gebannt einen Pornofilm auf dem Großbildschirm verfolgen. Natürlich ein Apfelbaum, riesengroß, das einzige Hochformat. Und ebenjene Frau auf dem Hotelbett, die mit leerem Blick nach draußen schaut, in das gleißende Licht der Sonne - während auf der Mattscheibe ihres Fernsehers der Rüssel eines Wirbelsturms die Welt hinauf in den Äther saugt.

24853065 © Courtesy the artist und David Zwirner Vergrößern Philip-Lorca diCorcia: Ike Cole, 38 Jahre, Los Angeles, Kalifornien

Es ist, als träfen mit diesen Bildern das erste Buch Mose und die Offenbarung des Johannes aufeinander. Paradies und Weltenbrand. Hybris und Himmelssturz. Entstanden sind die Aufnahmen vor dem Hintergrund der Finanzkrise, des Bankendesasters, des Immobiliendebakels.

Wie damals die schlechten Nachrichten, fliegen dem Betrachter nun trostlose Bilder um die Augen: Bilder, die innerhalb eines radikalen Umbruchs auf beklemmende Weise einen Augenblick des Stillstands bannen. Momente allerdings, die ihre Melancholie nicht zuletzt daraus beziehen, dass sie unentwegt auf die amerikanische Kultur und Geschichte verweisen, genauer noch: dass Philip-Lorca diCorcia unentwegt die amerikanische Kultur und Geschichte plündert, jedoch ohne dass dieser Blick zurück jemals irgendeinen Grund zur Hoffnung gäbe. Ob Zigarettenreklamen oder Lifestyle-Arrangements, den Zug nach Westen oder Anleihen bei den Idyllen Norman Rockwells - all das zeigt diCorcia immer nur als uneingelöste Versprechen.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Farbfoto-Pionier Saul Leiter Die gut erträgliche Leichtigkeit des Seins

Saul Leiter trank lieber Kaffee, hörte Musik und malte, anstatt Karriere als Fotograf zu machen. Die späte Entdeckung feiert ihn als Meister der Farbe - eine Ausstellung in Frankfurt. Mehr Von Freddy Langer

29.01.2015, 14:42 Uhr | Feuilleton
Kim Jong-un Neue Fotos von Nordkoreas Machthaber

Das nordkoreanische Fernsehen hat neue Bilder von Machthaber Kim Jong-un veröffentlicht. In Begleitung seiner Frau und hochrangiger Militärvertreter soll er hier zu sehen sein bei der Inspektion eines neuen Restaurants für Soldaten. Wann und wo diese Aufnahmen entstanden, wurde nicht gesagt. Mehr

29.10.2014, 14:23 Uhr | Politik
Foto-Ausstellung in Frankfurt Warum bist du nicht vergast worden?

Der Frankfurter Fotograf Rafael Herlich hat in Polen jüdische Familien besucht, entstanden sind Bilder der Trauer und der Hoffnung. Sie werfen aber auch die Frage auf, wie sicher Juden in Deutschland sind. Mehr Von Hans Riebsamen, Frankfurt

23.01.2015, 16:00 Uhr | Rhein-Main
Aufnahmen der NASA Größter Sonnenfleck seit 24 Jahren

Der gigantische Sonnenfleck mit dem Namen AR 12-19-2 ist der größte seiner Art seit fast einem Vierteljahrhundert. Auf diesen Aufnahmen der NASA sind mehrere starke Eruptionen zu erkennen, darunter auch ein Ausbruch der X-Klasse, die die stärksten Eruptionen auf der Sonne sind. Mehr

06.11.2014, 11:29 Uhr | Wissen
Kevin Costner wird 60 Sei ein Gutmensch, aber kein Weichei

Man heult nicht mit den Wölfen, man tanzt mit ihnen. Zum sechzigsten Geburtstag des Filmschauspielers, Countrymusikers, Demokraten und Menschenfreundes Kevin Costner. Mehr Von Dietmar Dath

18.01.2015, 09:19 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 22.06.2013, 14:48 Uhr

Narrenfeigheit

Von Ursula Scheer

Eigentlich spielt Satire im Kölner Karneval eine zentrale Rolle. Eigentlich wollten die Jecken für Charlie Hebdo ein Zeichen setzen. Doch jetzt fährt die Angst mit. Mehr 24 66