Man hatte eine irgendwie verstrubbelte, vielleicht magere Erscheinung erwartet - und stand einem stattlichen Herrn in Nadelstreifen und mit randloser Brille gegenüber: Peter Eisenman, 1984 in der Eröffnungsausstellung des Frankfurter Deutschen Architekturmuseums mit Entwürfen präsent, deren comicartige Kubrick-Odyssee-Ästhetik einen Batman des Bauens verhieß, war 1993 als Architekt der Trabantensiedlung Frankfurt-Rebstock zum Grandseigneur mutiert.
Oder doch nicht - jeder Versuch, ihn in Diskussionen über seine früheren wilden Architekturtheorien, den Bedeutungsgehalt der inzwischen schwindsüchtigen Postmoderne oder die Botschaften der neuen Zweiten Moderne zu ziehen, scheiterte an trockenen Witzen, abwehrenden Aperçus, gekonnt naiven Gegenfragen. Eisenman, der ewige Querdenker, lachte jede Theorie in Grund und Boden.
Dabei hatte man ihn doch als Dogmatiker, ja Glaubensstifter der zeitgenössischen Architekturtheorie zu kennen geglaubt: geboren in New Jersey, Architekturstudium in New York und Cambridge, Lehre in Princeton und Harvard - und Mitglied der glorreichen „New York Five“ (Michael Graves, John Hejduk, Richard Meier und Charles Gwathmey), die für eine Corbusier-Renaissance stritten. Eisenman allerdings bevorzugte auf diesem Kreuzzug mehr den magischen italienischen Rationalismus um Giuseppe Terragni, der Chiricos „Pittura metafisica“ in die Architektur übertragen hatte.
In Europa ein Star
Mit einem eigenen Institut und Entwürfen, die außer Architekten auch jeden Anhänger der Malerei klassischer Moderne faszinierten, stritt Peter Eisenman ab 1963 für eine - seine - neue Architektur. Weniger mit Bauten: In den sechziger und siebziger Jahren entstanden nur einige Wohnhäuser in Vermont und Connecticut. Das radikalste war 1975 „Haus VI“ in Cornwall/Connecticut, dessen Bilder unter dem Titel „Haus mit der roten Treppe“ um die Welt gingen: Umgeben von einem Raum-Patchwork komplexer geometrischer Formen, führte besagte Treppe, Inbegriff von Eisenmans Verachtung der bequemen Nutzform, ins Nichts.
„Sein ästhetisierender Manierismus setzt sich über die Bedürfnisse der Bauherren hinweg“, schrieb zwanzig Jahre später heimlich schaudernd die deutsche Fachpresse. Heimlich, weil der Architekt inzwischen in Europa und vor allem hier ein Star geworden war: Sein Wohn- und Geschäftshaus, das er 1986 zur Berliner Internationalen Bauausstellung an die Kreuzung Koch- und Friedrichstraße gesetzt hatte, war wegen seiner skulpturalen Kubatur und eines schräg zur Fluchtlinie laufenden tomatenroten Bandes, das den Lauf der DDR-Mauer nachzeichnete, einhellig als Meisterwerk gelobt worden.
Die erschütternde Bannkraft des Holocaust-Mahnmals
Von Verachtung der Bauherren konnte bei Eisenman immer weniger die Rede sein: Das Wexner Centre for the Arts in Columbus/Ohio, sein erster öffentlicher Großbau, präsentierte sich 1989 als sperrige Mixtur aus metallenen Kuben, denen, ein Flirt mit dem Dekonstruktivismus jener Tage, gespaltene dunkelbraune Rundgebilde zur Seite stehen, die an die Festungstürme norditalienischer Renaissancestädte erinnern. Bildhaftigkeit wurde zur neuen fixen Idee: so 1990 beim Koizumi Sangyo Headquarter in Tokio, eine Art gigantischer Architektur-Quilt aus von rosa und türkisfarbenen Betonscheiben perforierten Glasrastern, beim Convention Center in Columbus/Ohio (1993), das René Thoms Chaostheorie symbolisieren soll, oder beim Rebstockgelände in Frankfurt, das, trotzdem funktionabel, der „Falte“ huldigt.
Den Gipfel des Ruhms erreichte Peter Eisenman mit dem Berliner „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“. 1997 wurde sein Entwurf prämiert, am 12. Mai 2005 wurde die Gedenkstätte der Öffentlichkeit übergeben - 2711 lichtgraue Quader/Stelen unterschiedlicher Größe, dicht an dicht rechtwinklig formiert auf einer 19.000 Quadratmeter großen gewellten Fläche. Vom wogenden Kornfeld über die uralten Grabfelder Jerusalems bis zu den Soldatenfriedhöfen auf den Schlachtfeldern des Ersten und Zweiten Weltkriegs reichen die Vergleiche, die jeder auf seine Weise die erschütternde Bannkraft des Ensembles zu fassen suchen.
Evident ist, dass Peter Eisenman mit ihm zur Klarheit, aber auch Rätselhaftigkeit Guiseppe Terragnis zurückkehrte. Ein schöner Gedanke, dass eine Kunst, deren Faszination der italienische Faschismus an sich riss, nun unnachahmlich eindringlich an die Opfer dieser menschenverachtenden Ideologie erinnert. Peter Eisenman - sein bisher letzter Großbau ist das giganteske metallene University of Phoenix Stadium in Glendale (2006) - wird an diesem 11. August achtzig.