28.09.2005 · Nach zwölfjähriger Restaurierung ist das Grand Palais in Paris wiedereröffnet worden. Durch die riesige Glasdachkuppel der Ausstellungshalle strahlt der wechselnde Pariser Himmel schöner denn je.
Von Joseph Hanimann, ParisAm rechten Seine-Ufer flußabwärts der Place de la Concorde feiert das neunzehnte Jahrhundert seinen bombastischen Ausklang, bürgerlich, republikanisch, warenfetischistisch. Dies ist nicht mehr die Welt von Walter Benjamins Passagen-Flaneur des Second Empire, der weiter östlich noch in den Dimensionen der Ladenvitrine dachte.
Das Grand Palais sollte zusammen mit dem Petit Palais zur Weltausstellung 1900 zwischen Invalidendom, dem neuen Invalidenbahnhof, dem ebenfalls neuen Pont Alexandre III und den Champs-Elysees eine großartige Topographie französischer Selbstdarstellung im industriellen Zeitalter bilden und dennoch in seinem steinernen Fassadenschnörkel die Erinnerung ewiger Klassik wachhalten. Im Glanz dieser architektonischen Unschlüssigkeit traf im vergangenen Jahrhundert dann Tout-Paris sich zu Automobil- und Buchsalons, Kunstmessen und Pferderennen, bis vor zwölf Jahren aus vierzig Meter Höhe eine Niete vom Glasdach herunterfiel. Das Grand Palais wurde geschlossen.
Elfhundert Tonnen schwere Kuppel
Nach einer aufwendigen ersten Konsolidierungsphase, bei der die bis auf zwanzig Meter Tiefe reichenden fauligen Eichenfundamente mit Beton verstärkt wurden und die elfhundert Tonnen wiegende Zentralkuppel um zwei Millimeter angehoben wurde, ist die große Glasgalerie nun ein paar Tage lang von Mittag bis Mitternacht wieder frei zugänglich, bevor die ersten Messeveranstaltungen zurückkehren. Und siehe: Die französische Begabung panhistorischer Eigenstilisierung versteht weiterhin grandios Klassik, Belle Epoque und Gegenwart zusammenzubringen.
Durch die fünfzehntausend Quadratmeter Neuverglasung des Dachgevierts strahlt der wechselnde Pariser Himmel schöner denn je. Das Häkelmuster der Stahlkränze hat im neuen Mattgrün seine Ursprungsfarbe wiedergefunden. Und eine zeitgenössische Installation von Thierry Dreyfus und Frederic Sanchez schleudert mit Monumentalspiegeln und wandernden Klängen die Besucherblicke quer durch den leeren Raum um die beiden gigantischen, Erde und Himmelsgewölbe darstellenden Globen, die der Franziskaner Vincenzo Coronelli für den Sonnenkönig Ludwig XIV. herstellte und die von der Pariser Nationalbibliothek zur Wiedereröffnung des Grand Palais ausgeliehen wurden.
Der Glanz von Paris in der Welt
So flattert in diesem Perspektivenlabyrinth, wenn wir über einen Spiegel uns etwas vorbeugen, die blauweißrote Flagge hoch oben vom Kuppelkranz uns zu Füßen: Es ist dieselbe gebeugte Haltung, mit der man im Invalidendom auf dem anderen Seine-Ufer den Sarkophag Napoleons in der Tiefe erspäht. Er werde dafür sorgen, daß das neu erstandene Grand Palais mit seinen Veranstaltungen den Glanz von Paris wieder in die Welt hinaustrage, sagte der dafür zuständige Kulturminister Donnedieu de Vabres.
Unter Andre Malraux wäre das Bauwerk von vielen am liebsten geschleift worden. Hundert Millionen Euro ließ der Staat sich einstweilen die Rettung nun kosten. Die Außenrestaurierung des seit fünf Jahren vollkommen unter Denkmalschutz stehenden Gebäudes geht bis 2007 weiter. In welcher Form der - für viele Messen heute zu kleine - Glaskuppelraum künftig strahlen soll, ob überhaupt in staatlicher oder in privater Obhut, weiß bis hinauf zum Minister einstweilen niemand zu sagen.