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Parastou Forouhar Sonst sterben sie wieder

15.12.2009 ·  Alljährlich kehrt sie zum Tag, an dem ihre Eltern von Mitarbeitern des Informationsministeriums ermordet worden sind, nach Teheran zurück. Es wurde immer schwieriger. Jetzt wird die in Offenbach lebende Künstlerin Parastou Forouhar in Iran festgehalten.

Von Andreas Maier
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Auf meiner Couch (ich habe sie mir von meinem ersten Roman-Vorschuss gekauft) liegt ein Tuch mit Paisleymuster. Meistens lese ich darauf, die Füße auf den Polstern und mich gegen die Seitenlehne lehnend. Um die Seitenlehne zu schonen, lege ich das Paisleytuch darauf. Manchmal, wenn es kalt ist, hülle ich mich auch in es hinein. Mir wird in diesen Tagen mulmig, wenn ich das Tuch in Händen habe.

Die Person, die mir das Tuch geschenkt hat, heißt Parastou Forouhar. Parastou Forouhar geistert gegenwärtig durch die Medien als „in Deutschland lebende Künstlerin, die in Iran festgehalten wird“. Normalerweise lebt sie in Offenbach, kaum drei Kilometer von mir entfernt, wenn sie nicht unterwegs ist zu einer ihrer zahlreichen Ausstellungen. Parastou Forouhar ist international bekannt, sie war in New York, Istanbul, Wien zu sehen, sie hat für den Deutschen Bundestag ausgestellt. Wir haben uns 2006 als Stipendiaten in der römischen Villa Massimo kennengelernt.

Auf meinem Tuch, das ich jetzt bei beginnendem Winter öfter brauche, sind keine Figuren zu sehen, nur das Ornamentmuster. Parastou Forouhar ist eine Künstlerin, die oft mit Ornamenten arbeitet. Diese aber sind, im Gegensatz zu meinem Tuch, bei näherem Hinschauen immer figürlich. Sie tun sich grausame Dinge an. Geht man auf Parastou Forouhars Internetseite, wird man von einem Figurenpaar empfangen; eine Figur ist an den Händen gefesselt, ihre Augen sind verbunden; die andere geht auf sie zu, mit einer Gewalt, die nicht nach Wut, sondern nach Routine aussieht, und drückt zuerst ihren Kopf nieder, dann die ganze Figur selbst und drückt zum Schluss der nun am Boden liegenden Figur das Knie in den Hals. Es ist eine ganz kurze Animation, und sie beginnt jedes Mal neu. Es hört nie auf.

Meistens sind es nur noch Strichmännchen

Die Geschichte Parastou Forouhars hat mich immer eigenartig berührt. Ich kannte ihre Familie aus der Zeitung schon lange. Es war die Zeit, als ich an meinem ersten Roman schrieb, 1998. Es gab damals eine Reihe von Morden an iranischen Intellektuellen, und irgendwann wurde sogar ein ehemaliger Minister ermordet. Es war eine Zeit des Schlachtens, als wären sie auf einen Schlag alle vogelfrei geworden. In der Villa erfuhr ich, dass der ermordete Exminister Parastou Forouhars Vater Dariush war; die Mutter, Parwaneh Forouhar, war am selben Tag ermordet worden, mit zahllosen Messerstichen. Man kann im Internet Bilder von Parastou Forouhar am Grab ihrer Eltern sehen, die an Fritz Lang erinnern, wie er in den „Nibelungen“ Kriemhilds Trauer in Szene setzt. Aber das eine ist Kunst, und das andere ist wirklich passiert. Parastou Forouhars Lebensgeschichte ist aber zu dringlich; man muss da eher verkargen - wie sie es auch tut: Meistens sind es nur noch Strichmännchen, die bei ihr die schlimmsten Dinge ausüben, foltern und morden.

Mit der Zeit begriff ich, dass sich Parastou Forouhar von allen anderen Menschen, die ich kenne, unterscheidet. Ich meine nicht diesen Willen, mit Freude zu leben, als wäre jeder Tag ein Fest; ich meine auch nicht diese Ernsthaftigkeit im Handeln und Selbstsicherheit und Geradlinigkeit im Tun, die, auch wenn sie von der Ermordung ihrer Eltern herrührt, einen künstlerisch manchmal geradezu neidisch machen kann. Nein, ich meine die Kraft, die all das kostet. Vielleicht begriff ich damals zum ersten Mal, welche Kräfte einem zuwachsen müssen, wenn es die Umstände erfordern. Im Deutschen gebraucht man dafür das Bild vom Über-sich-Hinauswachsen. Nicht, dass ich gedacht hätte, dass Parastou Forouhars Leben durch den Mord an ihren Eltern gebunden war oder dass ihr dieser Mord so etwas wie ein Ziel eingab. Ich sah jemanden vor mir, der ganz natürlich einfach so handeln musste. Und sie ist daran nie zerbrochen, sondern immer gewachsen.

Sonst sterben ihre Eltern noch einmal

Der erste Schritt war der Versuch, die Morde aufzuklären. Die Prozesse ließen auffällig viele Fragen offen. Die vergeblichen Versuche, vor Gericht die Hintergründe aufzudecken - die Forouhars wurden von Mitarbeitern des Informationsministeriums ermordet - und die Auftraggeber der politischen Morde zu ermitteln, kann man auf Parastou Forouhars Internetseite nachlesen. Dann begann sie, alljährliche Gedenken für ihre Eltern am Todestag, am 21. November, zu organisieren, die sich anfänglich zu Massentreffen entwickelten, überall auf den Straßen um das Haus der toten Forouhars herum, es kamen zahllose Menschen. Dem Staat war das ein Dorn im Auge. Die Treffen wurden immer größeren Reglementierungen unterworfen, schließlich wurde es sogar untersagt, dass man sich im Haus der Eltern zusammenfindet. Dennoch fährt Parastou Forouhar jedes Jahr nach Iran, um dieses Gedenken zu ermöglichen. Sonst sterben ihre Eltern, wie sie sagt, noch einmal.

„Nach Teheran zu gehen bedeutet für mich, zu einem Friedhof zu gehen“, hat sie einmal gesagt. Diesmal wurde ihr also bei der Ausreise der Pass entzogen. Man hat ihr mitgeteilt, den Behörden gefalle es nicht, wie sie im Ausland über den Tod ihrer Eltern rede. Ob sie ihren Pass in den nächsten Tagen zurückbekommt, bleibt abzuwarten. Worum es ihr allein gehen kann, ist keine fluchtartige Ausreise, sondern eine Lösung, die es ihr nicht nur ermöglicht, zu ihrer Familie nach Offenbach zurückzukehren, sondern auch weiterhin sicher nach Iran und in das Haus ihrer Eltern zurückkehren zu können.

Von Andreas Maier erschien zuletzt bei Suhrkamp der Roman „Sanssouci“.

Quelle: F.A.Z.
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