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Palazzo Grassi Nur Tiepolo weint Tränen aus Gips

28.04.2006 ·  Wo die Gondeln Spinnweben sehen: Am Canal Grande wird der Palazzo Grassi mit der Sammlung Pinault wiedereröffnet. Die Sammlung des in Paris vergraulten Milliardärs fügt sich respektvoll ins angestammte Museumsvieleck Venedigs ein.

Von Dirk Schümer, Venedig
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„Where are we going?“ In Venedigs Gassengewirr ist das eine Frage, die sich Touristen quasi minütlich stellen. Für die Eröffnungsaustellung der Ära Pinault im Palazzo Grassi ist diese - einer putzigen Pillen-Installation von Damien Hirst abgeschaute - Menschheitsfrage also das passende Motto. Der französische Milliardär gewährt erstmals Einblick in seine Sammung, nachdem ein Neubau auf einer Seine-Insel gescheitert war und ihn die venezianischen Stadtoberen klug in ihre verwaiste Luxusimmobilie am Canal Grande zu locken wußten. François Pinaults Weg als Kunstfreund - das zeigt schon ein Blick auf bunte Skulpturen an der Wasserfront - ist nicht so außergewöhnlich wie seine Karriere als Geschäftsmann, aber durchaus stilvoll.

Die Kuratorin Allison M. Gingeras läßt die Kunst mit den Gondeln konkurrieren, indem sie mit Olafur Eliassons stählernen Spinnweben die Fassade des prächtigen Settecento-Palastes behäkelt und indem von einem Ponton ein buntlackierter Plastikhund von Jeff Koons die amüsierten Touristen auf den Vaporetti grüßt. Bunt und konsumfreudig - so soll es scheinen, liebt es Pinault, der fröhliche Chef vieler Luxusmarken.

Danach würde sich jeder Kurator die Finger lecken

Drinnen präsentiert sich dann noch markanter seine spirituelle Seite. Mit Carl Andrés stumpfen Metallplatten, die beim Betreten leise scheppern, ist der Innenhof respektvoll ausgelegt - ein Werk der minimalistisch-eisigen sechziger Jahre wie so viele andere. Da finden sich ästhetisierende Durchblicke wie bei Donald Judds perspektivischen Metallkästen, die sich auf die gegenüberliegende Ca Rezzonico verjüngen. Oder eine Suite dreier intimer Kabinette, die Richard Serras rauchgeschwärzte Holztafeln neben Brice Mardens tönerne Farbflächen stellen.

Und allein nach den drei seltsam heiteren Großformaten von Mark Rothko aus den frühen fünfziger Jahren würde sich jeder Kurator die Finger lecken. Nimmt man noch die nüchtern-repetitiven Grauzeichnungen der Kanadierin Agnes Martin oder die gespachtelten Weißschattierungen von Robert Ryman hinzu, dürfte jedem klar werden, daß man sich Pinault nie und nimmer als altfranzösischen Grandseigneur zwischen Plüschsofas, Louis-seize-Möbeln und Brokatvorhängen vorstellen kann.

Kleiner Gruß ans Gastland

Um so verwunderlicher, wie es diesen Apologeten der Askese, der Sauberkeit und Klarheit nach Venedig, der Metropole der historistischen Opulenz und des barmherzigen Sfumato verschlagen konnte. In der Tat ist ja kaum ein Werk für den Kontrast zu abgeblätterten Palazzi am Canal Grande geschaffen worden, doch erhöht der Bruch zwischen abendländischem Luxusschmuddel und modernistischer Asepsis nur den Reiz mancher Installation, die ansonsten eher banal wirken würde. Damien Hirsts durchgesägte Kuh in Formaldehyd etwa bekommt vermittels der Durchblicke auf den Canal Grande einen surrealen Beigeschmack.

Überraschendes ist freilich kaum dabei. Warhols monumentales Abziehbild von Mao, Dan Flavins Neonröhren, Dunkelfächen von Tàpies, gipserne „Achromes“ von Manzoni, Lucio Fontanas rituelle Schnitte - die begangene Linie ist ebenso klar wie risikolos. Als kleiner Gruß ans Gastland dient eine erlesene Arte-povera-Abteilung mit Teppichbildern von Alighiero Boetti, Michelangelo Pistolettos heute bereits nostalgisch wirkenden Revolutionsbildern und dem unvermeidlichen Iglu von Mario Merz.

Provozierend schelmisch wie immer ist auch Maurizio Cattelan, Italiens derzeit einziger Newcomer von Rang, vertreten: mit der knieenden Figur eines Liliput-Hitlers, der seinen martialischen Blick in eine leere Ecke richtet: „Him“ - er nun wieder. Aus Deutschland gibt es ansonsten nur ein paar sachliche Klassiker von Gerhard Richter, der mit seinem Prospekt der Sphinx von Gizeh ironisch den germanischen Part des Bildungsbürgers spielt. Und Frankreich, das seinen großen Sohn Pinault so schnöde abdrängte, ist mit einer schönen Hochhaus-Installation von Pierre Huyghe und zwei kräftigen Klassikern von Pierre Soulages vielsagend stiefmütterlich präsent.

Ein Auftragswerk verhängt Tiepolos Treppenfresko

Der Japaner Tadao Ando hat in einem guten Vierteljahr den Palazzo Grassi für die alt-neue Bestimmung als Kunstpalast aufgearbeitet, von einem Umbau der ohnehin schon rigiden Museumsräume Gae Aulentis kann aber keine Rede sein. Statt dessen bemüht sich der Architekt mit lichten Aluminiumbalken voller Spots und geweißten Wänden darum, die klare Linie der Sammlung bis zu den Toiletten und der venezianischen Kaffeebar fortzusetzen. So respektvoll der Japaner mit den opulenten Kassettendecken und den Säulen umgeht, so frech verhängt das einzige Auftragswerk der Schau Tiepolos berühmten Treppenfresko. Die blasierten Venezianer mit ihren Karnevalsmasken und Negersklaven sind hinter dem Sprühregen Aberhunderter Gipstränen des Schweizers Urs Fischer kaum mehr auszumachen - aber das ist keine Attacke, sondern höchstens ein spielerischer Affront.

So fügt sich Pinaults neuer Grassi mit respektvoller Geometrie ins angestammte Museumsvieleck Venedigs ein: Von den Bellinis und Tizians der „Accademia“ kann man nun in wenigen Schritten zum Rokoko der Ca Rezzonico und weiter zur Klassischen Moderne Peggy Guggenheims schlendern, bevor Pinault die Amplitude der sechziger und siebziger Jahre von Pop bis Minimal schwingen läßt. Eigentlich schade, daß diesen Sommer keine Kunst-Biennale die Reise bis zum Aktuellsten fortsetzt.

Pinault seinerseits offenbart sich als Sammler, der seine kühl rechnerische Geschäftspolitik auch bei der Kunst fortsetzt: edle Materialen, klare Linien, keine Experimente. Und getreu der vorherigen Fiat-Politik soll 2007 Historisches, eine Ausstellung zum Untergang Roms, nachfolgen. Für Venedig mit seinem drohenden Museumsleerstand ist diese Sammlung jedenfalls ein Glücksfall, für die Touristen eine nette Ergänzung. Ach ja: und um die Daseinsfrage zu klären, wohin wir denn gehen, hätte es der musealen Schau nicht bedurft. Die Antwort wußte schon Novalis: immer nach Hause.

Eröffnungsausstellung, bis 1.Oktober.

Quelle: F.A.Z., 28.04.2006, Nr. 99 / Seite 35
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Jahrgang 1962, Feuilletonkorrespondent mit Sitz in Wien.

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