19.10.2004 · Hat Berlin nicht schon das Schloß, von dem es träumt? Der ausgeweidete, zur Zeit wiedereröffnete Palast ist die größte und interessanteste Bühne der Stadt. Man sollte sie unbedingt erhalten.
Von Niklas MaakEs ist immer wieder erstaunlich, wie der Palast der Republik aussieht, wenn man ihn heute betritt. Jede Erinnerung an den Repräsentationsmuff des DDR-Regimes, jede Spur von Funktionärsbarock ist verschwunden.
Was übrigblieb, ist ein verglastes Stahl- und Betongerippe voller leerer Ebenen, Bühnen und Terrassen, die jedem Bühnenbildner die Tränen in die Augen treiben müßten. Der ausgeweidete, temporär wiedereröffnete Palast ist, was sein schmuddelig ruinöses Äußeres nicht gerade erahnen läßt, die größte und interessanteste Bühne der Stadt. Aber was passiert auf ihr?
Am vergangenen Wochenende tagte in den notdürftig geheizten Hallen ein internationaler Kongreß, auf dem, ausgehend vom berühmten "Fun Palace" des Architekturvisionärs Cedric Price, über die Zukunft des ehemaligen DDR-Repräsentationsbaus diskutiert werden sollte. Der Fun Palace von 1961 war die ebenso gewagte wie folgenreiche Vision eines neuen urbanen Kommunikationsraums, ohne die etwa das Centre Pompidou in Paris kaum denkbar gewesen wäre.
Theater, Museum, Universität in einem
Price plante, Theater, Museum und Universität in einer temporären, mobilen Großstruktur zusammenzuführen, die auf die Erfordernisse der sich ändernden Nutzungen reagierte - "eine Maschine, die der transformativen Energie kreativer Kräfte gewidmet ist", wie es der Leiter des Architekturdepartments an der New Yorker Columbia University, Mark Wigley, auf dem Podium formulierte. Und es war offensichtlich, worauf die Veranstalter Hans Ulrich Obrist, Stefan Rethfeld, Philipp Oswalt und Philipp Misselwitz hinauswollten: auf die schlagende optische Ähnlichkeit zwischen Prices Kulturbau und dem Palast der Republik in seinem heutigen Zustand - und auf die Frage, ob die abrißbedrohte Hülle des Berliner Palasts nicht ein solcher Ort sei.
Bildergalerie: Der Palast der Republik
Auf welches Interesse der Palast stößt, zeigt sich im Rahmen der Aktion "Volkspalast": Seit Ende August kamen 40.000 Besucher, von Kindern, die eine Skater-Veranstaltung besuchten, über Gäste des "Bal Moderne", die aus ganz Deutschland anreisten, bis zu Neugierigen, die an einer Führung teilnahmen; angesichts der Tatsache, daß sich nur tausend Personen zur gleichen Zeit im sanierten Palast aufhalten dürfen, kein schlechtes Ergebnis, und man kann sich ausmalen, was für einen Sog die leere Betonhülle entwickeln könnte, wenn dort statt bemüht subkultureller Performances wie "Der Palast ist in Gefahr - Eine Zerstreuung im utopischen Raum" allwöchentlich Konzerte stattfänden; wenn die leere Hülle abwechselnd Theaterbühne, Diskothek und Kinosaal sein dürfte.
Berlins offener Ort
Die geladenen Referenten des Kongresses, darunter die Architekten Juan Herreros und Jean-Philippe Vassal, berichteten, wie anderswo in Europa eigens Hallen errichtet werden, in denen Sportveranstaltungen, Konzerte und Filmvorführungen stattfinden können, während Berlin einen solchen offenen Ort schon habe. Rem Koolhaas, der die mehreren hundert Zuhörer mit der Frage überraschte, wer von ihnen aus Ostdeutschland stamme (es waren nur wenige), versuchte eine neue Form des Zusammenspiels von historischer und moderner Architektur, von Nostalgie und Zukunft zu entwickeln und erklärte Prices Interesse an der Neubesetzung aufgegebener Orte und ihrer Infastruktur zum Vorbild für die Diskussion einer Neunutzung des Palasts.
Vor allem aber braucht Berlin Zeit - das war die Haupterkenntnis des Kongresses: Nachdem in den vergangenen Jahren in einem hysterischen Tempo alle größeren Baulücken gefüllt oder verplant, zahllose Ostfassaden mit pseudoklassischen Sandsteinmäntelchen verhängt und eine denkmalschützerische Kapitalsünde nach der anderen begangen wurde, darunter der Abriß des "Ahornblattes": Nach diesen Aktivitäten sollte man kommenden Generationen die Chance geben, die Stadt nach ihren Vorstellungen weiterzugestalten.
Übereifrige Eltern
Die Art, wie die Berliner Verantwortlichen ihren Nachfolgern buchstäblich die Zukunft vermauern, erinnert tatsächlich an übereifrige Eltern, die ihrer Tochter die erste Wohnung nach ihrem, der Eltern, Geschmack möblieren. Es herrscht beileibe kein Konsens darüber, daß der Palast der Republik schrecklich und ein rekonstruiertes Schloß schön sei. Das Publikum der Konferenz - immerhin waren Hunderte in den eiskalten Palast gekommen und hockten wie Schiffbrüchige eingewickelt in Decken auf den Bänken - war ein überwiegend junges, das sich kämpferisch zeigte.
In dreißig Jahren, erklärte einer, werde die Generation der heute jüngeren Berliner den Palast genauso vermissen, wie die ältere Generation heute das Schloß vermisse. Tatsächlich ist es nicht unwahrscheinlich, daß der Eifer, mit dem Ikonen der Ostmoderne durch mittelmäßige Sandsteinplattenbauten ersetzt wurden, als ähnlich modische Barbarei erscheinen wird wie heute die "Modernisierung" von Gründerzeitvierteln in den sechziger Jahren. Daß die Zuneigung zum Palast der Republik breiter gestreut ist, als manche das wahrhaben wollen, zeigen Aktionen wie die des "Berliner Kuriers", der in dieser Woche "Honis Lampenladen" als Bastelbogen und "jeden Tag eine Seite mit spannenden Geschichten über den Palast der Republik" beilegt. So populär wurde die Idee eines Schlosses nie.
Keine identitätsstiftende Symbolkraft
Eine lebendige Stadt verträgt die nach dem Vorbild des früheren Kommandantenhauses errichtete Repräsentanz der Bertelsmann AG ebenso wie den gegenüberliegenden Palast. Anders als die Dresdner Frauenkirche hat die Idee eines Schlosses keine identitätsstiftende Symbolkraft gewonnen, und Berlin kann dankbar sein, daß die Aktionisten des "Volkspalast"-Festivals die Palastruine in einen Ort verwandelt haben, der zur altersübergreifenden Attraktion für Berliner und Touristen wurde. Alles könnte hier Platz finden: Bühnen für Veranstaltungen, dazu eine populäre Bibliothek; auf der Fassade könnten im Sommer Filmprojektionen laufen und den Schloßplatz in ein Freilichtkino verwandeln, wie man es vor der Alten Nationalgalerie schon mit großem Erfolg ausprobiert hat.
Die Tristesse des Schloßplatzes liegt nicht am ehemaligen Palast der Republik, sondern an seiner fehlenden Bespielung. Berlin könnte, statt von einem Schloß zu träumen, das so nie kommen wird, mit wenig Aufwand seine größte Ruine in eine populäre Bühne des öffentlichen Lebens verwandeln. Die Energien zur Neuinterpretation des Palasts sind, im Gegensatz zum Geld für ein Schloß, vorhanden, die Konzepte ebenfalls. Sie müssen nur noch erkannt und politisch gefördert werden.