Bevor der Hofbeamte Anastasios zum obersten Herrscher der Christenheit gekrönt wurde, musste er sich in seinem Haus in Konstantinopel verstecken. Sein Vorgänger Zenon war kinderlos gestorben, die Thronfolge unklar. Zunächst trat daher Zenons Witwe Ariadne vor das im Hippodrom versammelte Volk. „Gib uns einen orthodoxen Kaiser!“, schrie die Menge. Und: „Einen Kaiser der Römer für die Welt!“ Beides, römisch wie orthodox, war Zenon nur in geringem Maß gewesen, Anastasios dafür umso mehr. Doch die Witwe ließ sich mit der Wahl des Nachfolgers Zeit. Erst als die führenden Hofbeamten den Patriarchen zu ihr schickten, weil sie sich auf keinen Kandidaten einigen konnten, rückte sie mit ihrem Vorschlag heraus. Er wurde angenommen. Dann kam die Nacht.
Am nächsten Morgen - es war Gründonnerstag, der 11. April 491 nach Christus -, wurde Anastasios von Soldaten auf einen Prunkschild gehoben und bekam einen goldenen Halsreif aufs Haupt gedrückt. Dann legte ihm der Patriarch den kaiserlichen Purpurmantel an und krönte ihn mit einer juwelenbesetzten Krone. Anschließend zeigte sich Anastasios den Massen im Hippodrom. Er möge dem Reich Wohlstand und Siege schenken, brüllte das Volk. „Gott sei mit euch“, antwortete Anastasios. Kurz darauf trat er mit Ariadne vor den Traualtar.
Die langlebigste Variante imperialer Macht
In der Magdeburger Ausstellung über Otto den Großen und das römisch-byzantinische Kaisertum wird nun der Kopf der Dame gezeigt, die das alles so schlau eingefädelt hatte. Ein feines Lächeln spielt um die Mundwinkel Ariadnes, die um das Jahr 500 von einem Bildhauer aus Rom in lunesischen Marmor gehauen wurde. Sie ist korpulent, eine Matrone mit Doppelkinn und Tränensäcken unter dem wulstigen Edelsteindiadem, und doch wirkt ihr Gesicht trotz der leeren Augenhöhlen klug und selbstbewusst. Ariadne regierte noch fast fünfundzwanzig Jahre lang zusammen mit Anastasios. In dieser Zeit erlebte das oströmische Reich einen langen Frieden und einen kurzen Krieg ohne Sieger. Als Anastasios 518 starb, waren die Kassen seines Staates so gut gefüllt wie niemals zuvor.
„Kaisertum“ ist eine abstrakte Idee, die sich nur an konkreten Personen abbilden lässt. Im lateinischen imperium fielen das Reich und seine Regierungsform zusammen. In Magdeburg, wo man an den Erfolg der ersten Ottonen-Ausstellung von 2001 anknüpfen will, werden nun die Bildnisse und Zeugnisse der Kaiser zentralperspektivisch sortiert, und alle Fluchtlinien münden in Otto, den Gründer der langlebigsten, bis in den Anbruch der industriellen Moderne reichenden Variante imperialer Macht. Otto der Große war in vielem das Gegenteil des Anastasios: ein Sachse, Kriegsmann, Analphabet, theologisch ungebildet, ein stammelnder Barbar. Dennoch heiratete sein Sohn eine byzantinische Prinzessin, und seine fernen Nachfahren behaupteten sich gegen jene Reitervölker, denen die Oströmer erlagen. Das Kaisertum muss also ein Stahlbad durchgestanden haben, aus dem Ottos Sippe schließlich emporstieg, und in dieser Hinsicht ist die Ausstellung aufschlussreich.
Der oberste Streiter Christi
Natürlich begann alles mit Augustus, der in gleich sechsfacher Abbildung den Besucher begrüßt, und seinem Palast auf dem Palatin. Interessant aber wird die Geschichte mit Konstantin, 306 bis 337 römischer Kaiser, von 324 an Alleinherrscher. Er begründete dennoch die Parallelherrschaft der Kirche. Die Christen, die er mit ins römische Boot nahm, setzte er zugleich an dessen Ruder. In einer der sogenannten Largitionsplatten, die in der Ausstellung zu sehen sind - prächtige Tafeln aus getriebenem Silber, mit denen die Kaiser hohe Beamte belohnten -, wird diese Arbeitsteilung sinnfällig. Da posiert Valentinian II., einer der schwächeren Nachfolger Konstantins, mit seinen Offizieren. In der rechten Hand hält er einen Globus, auf dem die Siegesgöttin steht, in der linken ein Feldzeichen, um seinen Kopf ist ein Nimbus aufgespannt.
Auf den späteren Münzen aus Byzanz entfiel der Nimbus, die Fahne wurde durch einen Speer, die Viktoria durch ein Kreuz ersetzt, aber die Botschaft blieb die gleiche: Der Kaiser verteidigt als oberster Streiter Christi die Religion. Otto der Große wurde von seinem Heer zum Kaiser ausgerufen, nachdem er mit der Heiligen Lanze in der Hand auf dem Lechfeld die Ungarn besiegt hatte. Der Krönungsritt nach Rom war nur die logische Konsequenz.
Eine unruhige Allianz
Unter den Hunderten Objekten, den Gemmen, Büsten, Fibeln, Urkunden, Evangeliaren und Elfenbeinkämmen, mit denen die Ausstellung die lange Spanne von Augustus bis Otto darstellen will, gehört ein Stück aus dem Kirchenschatz von San Marco in Venedig zu den merkwürdigsten. Es besteht aus einer Votivkrone, auf die ein geschliffener Bergkristall als Fassung für eine Marienstatuette aufgesetzt wurde. Die Votivkrone stammt aus der Regierungszeit des oströmischen Kaisers Leon VI. (er starb 912, im Geburtsjahr Ottos des Großen), der Kristall aus der Spätantike. Im dreizehnten Jahrhundert, nachdem der vierte Kreuzzug Byzanz zur zweitrangigen Macht degradiert hatte, wurden beide mit der eigens angefertigten Marienfigur zu einer liturgischen Collage verbunden.
Ihre Botschaft kehrt die konstantinische Ordnung um: Die Kirche triumphiert über das christliche Kaisertum und seine antiken Formen. Indem Konstantin das Evangelium unter seinen Schutz stellte, lieferte er sein Reich den Bischöfen aus. Die Kirchenspaltungen schwächten das Imperium von Byzanz, während Slawen- und Russenmission es um keine Quadratmeile vergrößerten. Im Westen dagegen, wo die Päpste dank der raffiniert gefälschten „konstantinischen Schenkung“ über ein eigenes Dominium verfügten, konnte sich die Kirche nicht vor ihren weltlichen Pflichten drücken. Die unruhige Allianz zwischen Franken- und Sachsenkönigen und dem Bischof von Rom, der ihnen Cäsars Schwert in die Hand drückte, während er selbst die Tiara aufbehielt, war auf Dauer stabiler als das Bündnis von Kaiser und Patriarch in Konstantinopel.
Der Ausstellung fehlt eine zentrale Ikone
Auf dem Siegel, das Otto der Große drei Jahre nach seiner Krönung im Petersdom prägen ließ, präsentiert er sich im byzantinischen Stil mit Szepter, Globus und Toga. In Wahrheit regierte er als germanischer Reisekönig sein Reich, mit Pfalzen, Treueiden, Gerichtstagen und Naturalsteuern. In jahrelangen Kämpfen gegen die eigene Familie setzte er, gegen den altfränkischen Brauch, die Unteilbarkeit seines Erbes durch. Damit stellte er das deutsche Kaisertum des Mittelalters auf einen „rocher de bronze“, wie sein Nachfahre aus Preußen gesagt hätte; aber es war ein sächsischer, kein römischer Fels.
Bei allem Glanz der Leihgaben, die aus Paris, London, Budapest, den kapitolinischen Museen oder der apulischen Kleinstadt Monopoli nach Magdeburg gereist sind, fehlt der Ausstellung doch so etwas wie eine zentrale Ikone. Als ihr vielleicht kostbarstes Stück präsentieren die Kuratoren deshalb die Heiratsurkunde der Kaiserin Theophanu vom April 972, ein purpurfarbenes Pergament mit Goldschrift, Rankenwerk und Medaillons. Aber auch diese Pracht ist zweideutig. Für Otto, der ein Jahr später in Memleben starb, war die Verbindung mit Konstantinopel die Krönung seines Lebenswerks. Für seine Nachkommen war sie ein Verhängnis. Otto II., vom Drang nach Süden gepackt, suchte die Konfrontation mit dem arabischen Emir von Sizilien, unterlag 982 bei Crotone und starb ein Jahr später an Malaria. Otto III. baute sich einen Palast auf dem Palatin und ließ sich in die Kleinkriege der Päpste hineinziehen. Der Enkel des großen Otto verschied, wie die Fuldaer Totenannalen melden, mit einundzwanzig Jahren in einem Kaff bei Rom. Ein Name auf einem Pergament - das ist, was vom Kaisertum der Römer blieb.
Magdeburg ...
Alex Schubert (Alex_Schubert)
- 30.08.2012, 21:33 Uhr
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