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Oscar Niemeyers neuer Bau Der alte Mann und das Meer

04.02.2010 ·  Im Alter von 102 Jahren hat Oscar Niemeyer seinen neuesten Bau nach zehn Jahren Planung vollendet - das Auditorium von Ravello. Mit diesem Konzerthaus, ein Betonbau in Augenform, demonstriert die Stadt an der Amalfiküste seine Unabhängigkeit von der Camorra und will jetzt Salzburg Konkurrenz machen.

Von Frank Helbert, Ravello
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Ein Auge schaut von Ravello über die Weite der Amalfiküste, ein Auge aus Beton. Das neue Auditorium von Ravello überblickt von dreihundert Metern Höhe die zum Meer hinab terrassierte Landschaft. So wachsam aber begegnet es einem nur, wenn man sich ihm auf dem Wasserweg nähert. Steht man davor, ist es kleiner, als Fotos haben vorstellen lassen, ein geschwungener, weißer Betonblock, wellenhaft hingemalt und so weiß wie Deutschland im Winter 2010. Nach zehn Jahren Planung und Bau ist das Auditorium für Ravello nun endlich eröffnet worden, auch als Friedensangebot an die Umwelt und als Hoffnungsträger für die Region.

Das geradezu zierliche weiße Konzerthaus ist nicht nur die Materialisierung eines Wunsches der Ravello-Stiftung: Das weltberühmte Ravello-Festival verfügte seit seiner Gründung 1953 über keine eigene Spielstätte. Es ist auch Symbol einer sehr idealistisch anmutenden Hoffnung: dass in Süditalien doch transparent geplant und gebaut werden könne ohne den Einfluss der Ehrenwerten Gesellschaft. Denn errichtet wurde das neue Wahrzeichen des musikalischen Ravello von einem Anti-Camorra-Konsortium, der Firma Edilatellana, die sich in den drei Jahrzehnten ihres Bestehens von der einfachen Idee, ohne die Camorra arbeiten zu wollen, zum italienweit arbeitenden Bauunternehmen entwickelt hat.

Über achthundert mal heißt es: „condono“

Als Hoffnungsgeber im Hintergrund wirkt seit vielen Jahren der Präsident der Fondazione Ravello, der Soziologieprofessor Domenico De Masi, cleverer Kämpfer für die Ideen der Stiftung oder für seine, etwa die des Auditoriums. Das steht nach seiner Eröffnung nun im Mittelpunkt eines soziologischen Musik-Spiels, bei dem soeben der erste Satz beginnt. Sein Ziel: die Symbiose von Kunst und Gesellschaft.

Die Ouvertüre arbeitete sich vor allem an einer Frage ab: So schön es da laut Bauplan liegen würde, wen würde es gefährden? Die Umwelt? Jahrelang wurde darüber bis vor die höchsten italienischen Gerichte gestritten, und nun steht fest: So wie es da liegt, liegt es eben nicht allein da. Die Landschaft war schon vor ihm zersiedelt, und ihr wird mit ihm nicht über Maßen geschadet. Dieser und ähnlicher Diskussionen wegen setzt sich seine Bauzeit aus 70 Monaten Verhandlungen und 40 Monaten effektiver Konstruktion zusammen.

Irgendwann in den kommenden Wochen muss die Kommunalverwaltung von Ravello über achthundert Anträge auf den sogenannten „condono“ bescheiden. Die Möglichkeit zum „condono“ ist ein praktisches Ergebnis der Politik Berlusconis. Auf Antrag können bei Zahlung einer festgesetzten Summe an die Gemeindeverwaltung bauliche Veränderungen straffrei anerkannt werden. Damit entstand in der Bevölkerung auch Ravellos ein moralisches Substrat, welches das bauliche Projekt De Masis erst ermöglichte. In einer weniger zersiedelten Landschaft hätte das Auditorium Oscar Niemeyer keine ästhetische, also die Menschen zur Erkenntnis führende Berechtigung, und abgesehen davon würde ihm die Infrastruktur fehlen. Hier aber war die schon vorangeschrittene typische Entwicklung eines menschlichen Lebensraumes zur Voraussetzung des Baus geworden. Und der ist auch von innen gelungen.

Der Hauptteil des soziologischen Spiels findet im Inneren des Auditoriums statt. Es geht um die Frage der Auslastung auf hohem und höchstem musikalischen Niveau. Dabei wird die Stiftung Ravello weiterhin keine Trennlinien zwischen den Genres ziehen, so wie es das Festival seit Jahren im Sommer erfolgreich vormacht.

Fernziel: „Salzburg des Mittelmeeres“

Dennoch wird sie nicht nur Hochklassiges, Edles und Teures präsentieren können, denn die Sommerkundschaft aus High Society, Eleganz und Reichtum kommt außerhalb der Saison noch nicht in der benötigten Anzahl nach Ravello. Das Auditorium aber eignet sich auch für Experimentelles und für Nischenprojekte im weitesten Sinne, denn seine Architektur ist offen. Und sie ist alles andere als ein „Betonfrevel“, wie es der letzte unbelehrbare Kritiker formulierte. Niemeyer ist es vielmehr gelungen, einen kleinen, geradezu fröhlich weltoffenen Klangraum zu errichten.

Mit ihrem Foyer als schwebender Plattform über dem Belvedere erscheint die Welle von innen wie im Flug begriffen. Der Blick geht durchs große Auge hinaus auf die Welt. Maximal etwa fünfhundert Plätze bietet der Konzertraum. Der trapezförmige Grundriss lässt die Bühnenseite halb so breit sein wie die Seite der Sitzplätze. In Italien können immer ein paar Stühle dazugestellt werden.

Von außen liegt der Reiz im Anblick, innen bringt ein großes Fenster neben der Bühne den Ausblick herein. Hierdurch werden Konzerte zum synästhetischen Erlebnis, für jeden Zuschauer auf den Plätzen, die wie in einem Amphitheater übereinander angeordnet sind, die Küste im Rücken. So ruht über allem dieses wachsame Auge aus Beton. Das Auditorium von Ravello ist ein gelungenes, kleines Werk von Oscar Niemeyer. Nun muss mit ihm bewiesen werden, dass der ganzjährige Kulturtourismus an der Amalfiküste möglich ist. Im Jahre 2012 soll mit „Ravello 12“ erstmals ein Ganzjahresprogramm vorgestellt werden. Die Erwartungen sind hoch, die Architektur kann sie stützen, und Regionalpräsident Bassolino sprach bei der Eröffnung von einem „Juwel“, mit dem man nun zum „Salzburg des Mittelmeeres“ werden wolle.

Doch wie wird es sich rechnen, hier so oft wie möglich beste Konzerte und musikalische Veranstaltungen zu präsentieren? Klassik, Pop, Jazz, Tanztheater? Kann das Auditorium Gewinn abwerfen - auch für die Landschaft, die nach wie vor ein gewichtiger Grund ist, um überhaupt hierherzureisen? Für Domenico De Masi gibt es gar keinen Zweifel, und wie ein langfristiger Beitrag zur Zukunftssicherung erscheint schon das kommende Projekt der Stiftung Ravello am Horizont, eine bald zu gründende Musikschule.

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