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Donnerstag, 20. Juni 2013
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Oscar Niemeyer 100 Die Moderne lebt!

 ·  Er baute die Idealstadt Brasilia und brachte dem Beton das Tanzen bei. Erst vor einem Jahr hat er noch einmal geheiratet - und an diesem Samstag wird er hundert. Zum Geburtstag des großen brasilianischen Architekten Oscar Niemeyer.

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Er rauchte. Er trank einen Espresso nach dem anderen. Wir saßen in seinem Büro, einem türkisfarbenen schmalen Art-déco-Haus an der Copacabana, in dem er seit über siebzig Jahren arbeitet. An einer Wand stand, handschriftlich, als Ermahnung der Mitarbeiter vom Chef persönlich dorthin geschrieben: „Wir müssen diese Welt verändern.“ Draußen rauschte das Meer; drinnen rauchte Niemeyer noch einen dunkelbraunen Zigarillo ohne Filter.

Als wir ihn vor einigen Jahren besuchten, tat er überhaupt alles, was man nicht tun sollte, wenn man hundert Jahre alt werden möchte, und dass er es trotz eines anstrengenden Berufes, Hektolitern Cafezinho und mindestens einer komplett weggerauchten Tabakplantage trotzdem heute wird; dass er noch immer ins Büro geht und neue Projekte anschiebt - das hat auch viel mit seiner Architektur zu tun. Sie euphorisiert ihren Schöpfer offenbar immer wieder aufs Neue, und nicht nur ihn. Niemeyers Entwürfe haben auch nach siebzig Jahren ihre Wirkung nicht eingebüßt: So viel Schwung, Zukunftssehnsucht und Aufbruch muss man in der aktuellen Architektur erst einmal finden.

So alt wie die klassische Moderne

Oscar Niemeyer, 1907 als Sohn deutschstämmiger Brasilianer in Rio de Janeiro geboren, ist so alt wie die klassische Moderne, er ist vielleicht ihr letzter lebender Vertreter, auf jeden Fall aber ihr unermüdlichster. Mit dem Schweizer Architekten Le Corbusier, den er 1936 bei dessen Südamerikareise kennenlernte, plante er das Ministerium für Bildung und Gesundheit in Rio de Janeiro. Er war zweiundfünfzig Jahre alt, ein Alter, in dem andere Architekten sich allmählich einen Ruhesitz in der Toskana zulegen, als sein bekanntestes Werk, die Großbauten der Retortenhauptstadt Brasilia, eingeweiht wurde. Und danach ging es erst richtig los.

Die Moderne lebt: Oscar Niemeyer wird hundert

Wenn man Niemeyer zu den wichtigsten Figuren der architektonischen Moderne des zwanzigsten Jahrhunderts zählen muss, dann liegt das vor allem an den Korrekturen, die er an dieser Bewegung vornahm. Wie diese Korrekturen aussahen, zeigte sich schon 1948, als er ein (später nie gebautes) Theater entwarf, das in Rio vor dem strengen Riegel des Erziehungs- und Gesundheitsministeriums stehen sollte: Es rast wie eine gigantische Atlantikwelle aus Beton auf das rationalistische Hochhaus zu und markiert Niemeyers Wende hin zu einer tropisch erhitzten Moderne. Auch sein Haus Canoas in Rio de Janeiro hat kaum einen rechten Winkel mehr, der Beton schwingt sich wie eine Pythonschlange um die Felsen herum und kurvt ins Dickicht hinein, als habe man ihm gleichzeitig die DNA von tropischen Schlingpflanzen, Atlantikwellen und römischen Barockfassaden injiziert. Zum angestrengt strammstehenden Rationalismus des mitteldeutschen Bauhauses verhalten sich Niemeyers Schwungskulpturen wie sehr elegante Nierentische zu alten Umzugskartons.

Den Künstlern näher als den Stadtplanern

Niemeyer, der immer wieder mit dem Bau von Brasilia identifiziert wird, obwohl die Stadtplanung von Lúcio Costa stammte, war nie ein Urbanist, und ist mit allem, was er baute und baut, den bildenden Künstlern näher als den Stadtplanern. Seine bewohnbaren Skulpturen prägten die Ikonographie des Weltraumzeitalters und spielen noch heute mit dem Pathos des vollkommen Neuen und von aller Geschichte Losgelösten. Vieles sieht nach Mondsiedlung, Abschussrampe, Flugobjekt aus: Die Kathedrale von Brasilia - eine intergalaktische Krone; das Kunstmuseum in Niteroi von 1991 - eine fliegende Untertasse. Allenfalls im brasilianischen Kolonialbarock und den Boulléeschen Monumentalformen des achtzehnten Jahrhunderts kann man Vorbilder und historische Echos wahrnehmen.

Die Überraschung, die Niemeyers Bauten noch immer auslösten, nutzt sich dabei kaum ab: Während die beklemmende Enge, die schrottigen Materialien und der muffige Humor vieler postmoderner Bauten, die mit Verve gegen eine Niemeyersche Moderne antraten, heute ihre Schäbigkeit nicht mehr verbergen können, wirken die Bauskulpturen des Hundertjährigen so, als habe eben erst eine tropisch befeuerte, zukunftsfrohe Moderne begonnen. Nicht nur hat Niemeyer seine Kritiker überlebt - seine Architektur hat es auch und wird wieder zum Vorbild. Was heute an neuer Architektur entsteht, erinnert verblüffend an Niemeyers Bauten, ob das nun Hilde Leons Regierungsviertel für Tripolis oder das Berliner Tempodrom ist.

Der Verehrer Sartres

Was nicht heißt, dass in Brasilia alles zum Besten stünde; den „historischen Stadtkern“, der in diesem Fall natürlich ein glänzend modernes Ensemble ist, umzingeln Vororte im postmodernen Villenstil und traurige Betonsilos, wohingegen Niemeyers zentrumsnahe Wohnblocks, die „Superquadras“, gut funktionieren: Während in Nordeuropa unter den Betonbeinen der Wohnblocks meist nur der Wind hindurchpfeift, bieten sie hier in der Mittagshitze Schatten und sind von einem trubeligen Marktleben erfüllt, wie es die postmodernen Planer mit allen zwangsitalianisierten Piazzen der Welt nicht hinbekommen.

Dass Brasilia dennoch nie wurde, was es hätte werden können, lag auch an der politischen Situation. Zwei Jahre nach der Machtergreifung durch die Militärs 1964 ging Niemeyer, der seit 1945 der Kommunistischen Partei angehört, ins Exil nach Frankreich, wo er den dortigen Kommunisten den Parteisitz baute und sich den linken Intellektuellen anschloss. Als wir ihn in Rio besuchten, zeichnete er, befragt nach seiner Pariser Zeit, einen Kreis auf ein Papier und malte einen weiteren, kleinen Kreis und ein Kreuz hinein. Es entstand, deutlich erkennbar, ein abstrakter Jean-Paul Sartre. „Ich lebte damals beim La Coupole, am Boulevard Raspail. Man konnte ihn dort treffen. Er war ein mürrischer Typ, aber ich verehre ihn sehr.“

Mit Deutschland kein Glück

Noch heute stehen in Niemeyers Bücherregal, rechts neben dem Zeichentisch, Sartres Werke zwischen Texten von Nerval und einer Geschichte der französischen Kommune. Dass die Moderne für Niemeyer nie nur ein Stilbegriff, sondern auch eine Gesellschaftsutopie war, machte er schon immer durch sein politisches Engagement klar: Noch heute nimmt er an Demonstrationen für die Bewegung der Landlosen teil und entwirft ein politisches Mahnmal nach dem anderen, darunter in São Paulo das „Memorial da América Latina“, die Großskulptur einer blutenden Hand, die auch eine Hommage an Le Corbusiers „offene Hand“ in Chandigarh, der neben Brasilia zweiten großen Idealstadt des zwanzigsten Jahrhunderts, ist.

Nur mit Deutschland hatte Niemeyer bisher kein Glück - erst verhunzte man 1957 seinen Beitrag zur Mustersiedlung im Berliner Tiergarten, dann kippten vor einem Jahr bornierte Provinzpolitiker fürs erste seine bei Potsdam geplante Bäderlandschaft. Dabei würde auch den deutschen Städten, die allerorts mit einem entkoffeinierten Banalklassizismus zugepflastert werden, mehr Niemeyer unbedingt guttun - und eigentlich müsste er auch etwas für all die sein, die sich nach den alten Zeiten sehnen: Schließlich ist Oscar Niemeyer der einzige lebende Architekt, der schon zeichnen konnte, als Wilhelm II. noch Kaiser war.

Quelle: F.A.Z., 15.12.2007, Nr. 292 / Seite 33
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Jahrgang 1972, Redakteur im Feuilleton.

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