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Oscar Niemeyer 100 : Die Moderne lebt!

Er baute die Idealstadt Brasilia und brachte dem Beton das Tanzen bei. Erst vor einem Jahr hat er noch einmal geheiratet - und an diesem Samstag wird er hundert. Zum Geburtstag des großen brasilianischen Architekten Oscar Niemeyer.

          Er rauchte. Er trank einen Espresso nach dem anderen. Wir saßen in seinem Büro, einem türkisfarbenen schmalen Art-déco-Haus an der Copacabana, in dem er seit über siebzig Jahren arbeitet. An einer Wand stand, handschriftlich, als Ermahnung der Mitarbeiter vom Chef persönlich dorthin geschrieben: „Wir müssen diese Welt verändern.“ Draußen rauschte das Meer; drinnen rauchte Niemeyer noch einen dunkelbraunen Zigarillo ohne Filter.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Als wir ihn vor einigen Jahren besuchten, tat er überhaupt alles, was man nicht tun sollte, wenn man hundert Jahre alt werden möchte, und dass er es trotz eines anstrengenden Berufes, Hektolitern Cafezinho und mindestens einer komplett weggerauchten Tabakplantage trotzdem heute wird; dass er noch immer ins Büro geht und neue Projekte anschiebt - das hat auch viel mit seiner Architektur zu tun. Sie euphorisiert ihren Schöpfer offenbar immer wieder aufs Neue, und nicht nur ihn. Niemeyers Entwürfe haben auch nach siebzig Jahren ihre Wirkung nicht eingebüßt: So viel Schwung, Zukunftssehnsucht und Aufbruch muss man in der aktuellen Architektur erst einmal finden.

          So alt wie die klassische Moderne

          Oscar Niemeyer, 1907 als Sohn deutschstämmiger Brasilianer in Rio de Janeiro geboren, ist so alt wie die klassische Moderne, er ist vielleicht ihr letzter lebender Vertreter, auf jeden Fall aber ihr unermüdlichster. Mit dem Schweizer Architekten Le Corbusier, den er 1936 bei dessen Südamerikareise kennenlernte, plante er das Ministerium für Bildung und Gesundheit in Rio de Janeiro. Er war zweiundfünfzig Jahre alt, ein Alter, in dem andere Architekten sich allmählich einen Ruhesitz in der Toskana zulegen, als sein bekanntestes Werk, die Großbauten der Retortenhauptstadt Brasilia, eingeweiht wurde. Und danach ging es erst richtig los.

          Wenn man Niemeyer zu den wichtigsten Figuren der architektonischen Moderne des zwanzigsten Jahrhunderts zählen muss, dann liegt das vor allem an den Korrekturen, die er an dieser Bewegung vornahm. Wie diese Korrekturen aussahen, zeigte sich schon 1948, als er ein (später nie gebautes) Theater entwarf, das in Rio vor dem strengen Riegel des Erziehungs- und Gesundheitsministeriums stehen sollte: Es rast wie eine gigantische Atlantikwelle aus Beton auf das rationalistische Hochhaus zu und markiert Niemeyers Wende hin zu einer tropisch erhitzten Moderne. Auch sein Haus Canoas in Rio de Janeiro hat kaum einen rechten Winkel mehr, der Beton schwingt sich wie eine Pythonschlange um die Felsen herum und kurvt ins Dickicht hinein, als habe man ihm gleichzeitig die DNA von tropischen Schlingpflanzen, Atlantikwellen und römischen Barockfassaden injiziert. Zum angestrengt strammstehenden Rationalismus des mitteldeutschen Bauhauses verhalten sich Niemeyers Schwungskulpturen wie sehr elegante Nierentische zu alten Umzugskartons.

          Den Künstlern näher als den Stadtplanern

          Niemeyer, der immer wieder mit dem Bau von Brasilia identifiziert wird, obwohl die Stadtplanung von Lúcio Costa stammte, war nie ein Urbanist, und ist mit allem, was er baute und baut, den bildenden Künstlern näher als den Stadtplanern. Seine bewohnbaren Skulpturen prägten die Ikonographie des Weltraumzeitalters und spielen noch heute mit dem Pathos des vollkommen Neuen und von aller Geschichte Losgelösten. Vieles sieht nach Mondsiedlung, Abschussrampe, Flugobjekt aus: Die Kathedrale von Brasilia - eine intergalaktische Krone; das Kunstmuseum in Niteroi von 1991 - eine fliegende Untertasse. Allenfalls im brasilianischen Kolonialbarock und den Boulléeschen Monumentalformen des achtzehnten Jahrhunderts kann man Vorbilder und historische Echos wahrnehmen.

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