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Willkommen im digitalen Museum: Online-Kurse vom Städel, MoMA und anderen

© Städel

Willkommen im digitalen Museum

Von URSULA SCHEER

02.05.2016 · Wer nicht persönlich vor die Kunstwerke tritt, kann Meisterstücke aus den großen Sammlungen dieser Welt online betrachten und dabei eine Menge lernen. Das Städel und das MoMa machen vor, wie es geht.

Mit verschwörerischem Blick lockt Sebastian Blomberg den Besucher in menschenleere Säle voller Kunst. Der Blick fällt auf Werke von Chagall, Renoir und Calder, Hammershøi und Isa Genzken. Feingemacht für den Museumsbesuch hat sich Blomberg, nur die überlang aus der Anzugjacke lugenden Hemdsärmel geben dem Aufzug des Schauspielers eine leicht ironische Note – und seinem Auftritt der durchs Bild huschende, scheidende Museumsdirektor Max Hollein. So viel ist klar: Das hier wird keine auf witzig getrimmte Ranschmeißer-Veranstaltung für Kunstverächter, aber auch keine High-Brow-Soirée für elitäre Kreise. Während in einem Raum nach dem anderen im Frankfurter Städel das Licht angeht, schreitet Blomberg mit uns im virtuellen Schlepptau zu einer digitalen Privatführung, die es in sich hat.

Genauer gesagt, zum neuen Internetangebot des Museums. „Kunstgeschichte Online – Der Städel Kurs zur Moderne“; ist in Zusammenarbeit mit der Leuphana Universität in Lüneburg entstanden und will informativ sein wie eine kunsthistorische Überblicksvorlesung, aber nicht so trocken, amüsieren und verblüffen statt zu belehren, Lust auf Bilder machen, Aha-Erlebnisse schaffen und das Vorurteil aus dem Kopf räumen, moderne Kunst wäre nur etwas für Experten. Blomberg spielt dabei eine Doppelrolle: die Identifikationsfigur des interessierten Laien, der sich traut zu fragen: „Wieso ist das Kunst?“, und die Rolle des Cicerone, der uns auf dem Weg durch fünf Wissensmodule allerhand Wissenswertes erzählt.

© Städel Moderne Kunst ist eben nicht nur etwas für Experten: Präsentationsvideo zu „Kunstgeschichte Online – Der Städel Kurs zur Moderne“

Von Rehbergers inkontinenter Plastik geht es zu einer düster-symbolistischen Landschaft Böcklins und weiter zu Max Ernst. Nirgendwo verweilt man lang, es ist Kunstgeschichte im Vorübergehen, die keiner chronologischen Ordnung folgt, sondern thematisch sortiert. Als Erstes gibt es allerdings analytisches Rüstzeug an die Hand. Wer das etwas dröge Modul zu Gattungen, Techniken, Sujets, Bildelementen hinter sich gelassen hat, kann in die Einheiten über Kunst im Kontext (Warum provozierte Monets biedere Speisezimmerszene einen Skandal?), über Stile, Strömungen und Gruppen sowie über Korrespondenzen zwischen Werken richtig eintauchen.

Es gibt Intro-Filme mit Blomberg, wie er sich etwa vor Tischbeins Goethe räkelt – leider ohne die Frage zu klären, warum Goethe auf dem Bild zwei linke Füße hat. Es gibt mit historischem Material und Grafiken angereicherte Kurzdokus zu Künstlern und Themen, Texte, die Werke erklären, eher sinnfreie Puzzle- und Fragespiele für zwischendurch und Links auf einen Zeitstrahl, der alle betrachteten Werke von Tiepolo (1750) bis Baldessari (2014) einordnet. Auf einen Klick öffnet sich zu jedem Werk eine Großansicht mit Informationen. So könnte man sich verlieren, zwänge einen die Modulreihung nicht immer wieder auf die vorgezeichnete Bahn – was schade ist. Vierzig Stunden vergehen, wenn man sich wirklich vertieft, ohne weiteres, bevor einen der Kurs nach einer Einheit über die Geschichte des Städels (Bürgermuseum, Stiftung) und die Aufgaben eines Museums (Sammeln, Bewahren, Erforschen, Ausstellen, Vermitteln) entlässt.

  • ©Städel Bildanalysen, Zeitleisten, Landkarten: Der Städel-Kurs setzt auf Zusammenhänge.
  • ©Städel Der Online-Kurs bietet eine tiefe Auseinandersetzung – und fordert Zeit: etwa vierzig Stunden.
  • ©Städel Eine Zeitleiste zeigt Richtungen, Bewegungen, Gruppen der Kunstgeschichte in ihrem kulturellen Umfeld.
  • ©Städel Nach Tripolis oder Tunis – wohin reiste Paul Klee? Rückfragen klären den Kenntnisstand der Teilnehmer.

Dass museale Erweiterungsbauten im virtuellen Raum eine sinnvolle Ergänzung sind, haben große Museen längst begriffen – und der Netzgigant Google sowieso. Mit dem Google Cultural Institute; hat der Konzern die wohl größte Online-Sammlung von Kunstwerken geschaffen. Der Deal mit den Museen lautet: Wir digitalisieren eure Bestände, ihr lasst uns mit euren Bildern ein virtuelles Übermuseum schaffen, das auch eure Häuser promotet. Zu Googles prominenten Partnern zählen das British Museum, der Louvre und das Museum of Modern Art in New York. Den Besucher der Plattform erwartet digitaler Zugang zu den Sammlungen, Gänge durch Museen mit Google Street View und virtuelle „Ausstellungen“, die Bilder, Videos und Texte versammeln. Sie wirken allerdings überraschend linear, wie für den Bildschirm aufgearbeitete Ausstellungskataloge. Mehr als fünfzig Millionen Werke kann auch die von der Europäischen Union initiierte virtuelle Bibliothek Europeana aufbieten, die ihre Bestände ebenfalls thematisch bündelt. „Faces of Europe“ heißt eine der aktuellen „Ausstellungen“, die sich europäischer Porträtkunst widmet.

Das Städel nahm seinen zweihundertsten Geburtstag 2015 zum Anlass, digital auszubauen, mit einem Cloud-basierten Sammlungskatalog, einer App und nun dem Online-Kurs. Dessen Entwicklungskosten lagen im sechsstelligen Bereich. Gefördert wurde er vom hauseigenen Museumsverein, die anderen Projekte vom Land Hessen, privaten Förderern, Stiftun- gen oder Samsung Electronics, mit dem das Städel kooperiert. Ohne Partnerschaften und Geldgeber geht es nicht. Die Frage für die Museen ist nur: Mit wem zusammengehen? Und zu welchem Zweck?

© MoMa Auch das MoMA macht sich zum Ziel, in Online-Kursen Brücken zwischen den Werken und ihrem Betrachter zu schlagen.

Das MoMa arbeitet nicht nur mit Google zusammen, sondern hat auch hausgemachte Kunstkurse im Angebot, allerdings mit anderer Zielsetzung als die Frankfurter. Auf der Website des Museums öffnen sich unter dem Stichwort „MoMa Courses Online“; Verknüpfungen zu digitalen Selbstlernprogrammen auf der eigenen Website und der Plattform „Coursera“. Teils ersetzen oder simulieren sie die reale Teilnahme an Kursen im Museum. Oft richten sie sich an ein Publikum mit professionellem Interesse: Studenten, Lehrer, Kunstpädagogen. Teilnehmen kann jeder, der Kursgebühren von bis zu 140 Dollar investiert. Wer zahlt, erhält ein Zertifikat, wenn er achtzig Prozent der Prüfungsfragen richtig beantwortet. Dass man auch selbst am Rechner sitzt und nicht ein gebildeter Bekannter, prüft das System per Gesichtserkennung oder über das individuelle Tippmuster des Nutzers. Wer dem entgehen will, kann bei einigen Kursen aber die Authentifizierung verweigern und ist kostenlos dabei.

Zum Beispiel bei „Modern Art & Ideas“. In diesem Kurs geht es eigentlich darum, wie gut sich moderne Kunst thematisch aufbereiten lässt. Wenn man die langen Leselisten mit Fachliteratur und die Prüfungen auslässt, ist der Weg frei für den Konsum kurzweiliger Infotainment-Häppchen. In New York werden sie – anders als im Frankfurter Kurs, der mit wenigen elektronischen Klängen unterlegt ist – zu Swing gereicht. Es geht um „Feel and Touch“, also beinahe Kunst zum Anfassen, wenn eine wie mit tausenderlei Ausschnitten und Bildchen bestückte Mappe im Animationsfilm aufgeklappt wird und Bilder von Warhol, Pollock und Mondrian aufpoppen. Die kunsthistorischen Einsichten dazu vermittelt die Kuratorin Lisa Mazzola, die auf einer Bank im Museum sitzt. Plätze und Räume, Kunst und Identität, die Verwandlung alltäglicher Objekte fliegen vorbei in schnell geschnittenen Einheiten. Bleibt da etwas hängen? Groß ist das MoMa darin, Storys mit Bildern zu verknüpfen: van Gogh in der Nervenheilanstalt und die „Sternennacht“, Gordon Matta-Clark beim Zersägen eines Hauses an den Niagarafällen und „Bingo“.

©dpa So wirken nur die Originale: Dialog von Gemälden Botticellis und Rossettis im Städel.

Den Gang ins Museum ersetzen kann keines dieser Angebote – aber das ist auch nicht das Ziel. Die Kurse und Datenban-ken folgen dem Forschungs- und Bildungsauftrag der Museen ebenso wie ihrem digitalen Wettbewerb um Aufmerksamkeit. So viel multimediales Material wie auf dem Tablet bereitsteht, kann keine Führung vor Ort bieten. Dafür bleibt der Blick auf Kunst auf dem Display pure Information. Die Begegnung mit dem Original ist körperlich Anwesenden vorbehalten. Deshalb wartet auf die „Absolventen“ des Städel-Kurses auch ein Bonbon: zwei Freikarten für einen leibhaftigen Museumsbesuch.

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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 02.05.2016 08:39 Uhr