14.11.2011 · Omer Fast umspielt mit seinen Filmen die Grenze von Dokumentation und Narration. Der Kölnische Kunstverein zeigt seine jüngsten Gratwanderungen.
Von Fabian GranzeuerUnten gleitet das nächtliche Las Vegas vorbei. Die Unversehrtheit der Stadt zeigt sich in ihrem verschwenderischen elektrischen Licht. Wir folgen dem Blick der Kamera zur Spitze des Stratosphere-Towers; so nah heran, bis schließlich feiernde Menschen im Innern des Turms zu erkennen sind. Dazu erklingen die Geräusche der nächtlichen Stadt. Über das Geheul der Polizeisirenen legt sich die Stimme eines Piloten, der eine Drohne navigiert. Er erzählt von seinen Einsätzen. Von einem Kontrollraum in Las Vegas aus sucht er Straßen im Mittleren Osten nach Sprengfallen ab, gibt deren Position weiter und tötet wenn möglich die Urheber.
Mit dieser Szene beginnt Omer Fasts Film „5000 Feet is the Best“, der auch auf der Biennale in Venedig gezeigt wird. Der israelische Künstler gibt damit zurzeit im Kölnischen Kunstverein eine Abschiedsvorstellung, jedoch nicht seine eigene, sondern jene des Direktorenduos Anja Nathan-Dorn und Kathrin Jentjens. Ihr Nachfolger steht bereit. Zum Jahresende übernimmt Søren Grammel die Leitung. In Fasts Film zeigt sich nach und nach das Übermenschliche des Piloten. Seine Zielmarkierungen sind für die Soldaten am Boden „das Licht Gottes“. Aus dem majestätischen Flug wird der nur auf ein Ziel gerichtete Blick von der Spitze einer Rakete. Omer Fast verschont die Stadt. An Stelle einer finalen Explosion, eines zerstörten Stratosphere-Towers, kommt: der Schnitt.
Zunächst sieht alles danach aus, als wolle der Künstler unser Spektakelbedürfnis auf die Probe stellen, doch unversehens testet man die erzählerischen Optionen: Hat man sich entschieden, den Film ernst zu nehmen, beginnen seine Elemente „zu tanzen“, wie Fast es selbst nennt. Das gelingt dem Wahlberliner, indem er die gewohnte Collage von Ton und Bild durch Widersprüche stört und Konstruktion und Dokumentation verschweißt. Fasts Misstrauen gegenüber dem Medium ist spürbar. Ein Interview mit dem Drohnenpiloten, aus dem das Tonmaterial stammen könnte, hat er für seine Zwecke nachgestellt. Auf die Frage „Was ist der Unterschied zwischen Ihnen und jemandem, der in einem Flugzeug sitzt?“, antwortet er: „Das macht keinen Unterschied.“ „Sie sind also kein echter Pilot?“ Antwort: „Na und? Sie sind auch kein echter Journalist.“ Wenn schon die Schauspieler ihre Rollen selbst benennen und in Frage stellen, dann können wir nicht glauben, was wir sehen.
Statt um Sprengfallen kreisen in der dreiteiligen Installation „Nostalgia“ die Filme um Fallen für wilde Tiere. Der erste zeigt einen Mann, der im Wald eine Falle aus Ästen aufstellt. Aus dem Off hören wir ein Gespräch mit dem Flüchtling „Peter“. Ein Soldat soll ihm das Fallenstellen beigebracht haben. Im zweiten sehen wir eine Interviewsituation. Der Gefragte sagt, sein Vater habe ihm das Fallenstellen beigebracht. Im dritten fehlt dem Filmbild jeder dokumentarische Anteil.
In goldenes Studiolicht getaucht, breiten Schauspieler ein fiktives Afrika vor uns aus, das Fluchtziel von Europäern ist, die wirtschaftliche Sicherheit suchen. Der Mann aus Europa hatte Glück. Er findet eine Arbeit als Hausmeister in einer Schule. Als er sich durch die Klassenräume putzt, kommt er in einen Raum, in dem gerade eine Schülerin eine Geschichte erzählt. Sie gibt die Erzählung ihres Vaters von einer Falle wieder. Der Wirtschaftsflüchtling hört gebannt zu. Doch die Beute, von der das Mädchen spricht, ist keine, die den Hunger stillt. In der Schlaufe der Falle sollen sich nur imaginierte Monster, nicht lebendige Tiere verfangen. Das Kopfkino ist geöffnet.